N E U E S ? !






Neuerscheinung



Innenansichten:
Andreas Laudert
ABSCHIED VON DER GEMEINDE
Die anthroposophische Bewegung in uns

Futurum-Verlag, Basel, ISBN 978-3-85636-223-2





Eine Buchbesprechung DIE DREI, 6/2011



Introspektive Exorzismen

Phillip Kovce



Es gibt Zeiten, in denen sogenannte Sekundärliteratur wesentlich Erinnerungsliteratur ist. Die gefeierte Lichtgestalt wird von denen, die mit dabei gewesen sind, in unterschiedlichsten Variation auf dasselbe Thema geschildet; sie wird er- und verklärt, Mythen bilden sich. So erging es auch Rudolf Steiner. Später, wenn die Dabeigewesenen nicht mehr dabei sind, setzt ein Umschwung ein, der exemplarisch auch im anthroposophischen Milieu zu beobachten ist: aus vormaliger Erinnerungs- wird Positionierungsliteratur, das eigene Verhältnis, das - hier zu Steiner - errungen wird, tritt in den Vordergrund. In die Reihe derer, die selbstbewusst und persönlich ihr Verhältnis zu Steiner und dem von ihm Geschaffenen befragen - seien es Andre Bjerke 1), Sebastian Cronbach 2) oder jüngst Taja Gut 3) - reiht sich nun auch Andreas Laudert ein: »Der vorliegende Versuch«, so schreibt Laudert, »ist auch als ein Aufgreifen des vom Suchgefährten publizistisch zugespielten Balles zu verstehen, als wiederum bewusst persönliche Antwort auf die Gretchenfrage, wie man's denn selber habe mit der Anthroposophie« (S. 151).

Bei solch persönlichen Suchbewegungen macht es wenig Sinn, Inhalte zusammenzufassen. Stattdessen will ich sieben Motive collagenartig unter die Lupe nehmen, die mir bei der Lektüre immer wieder begegnet sind: Vertiefung, Gemeinden, Steiner, Laudert, Kafka, Theater und Haltung sind die Stichworte, auf die ich zu sprechen kommen werde. Dabei sei der Leser vorbereitet auf das, was Laudert vorhat; der Text des Buchrückens deutet es an: »Der Sinn dieses Buches ist, was es hervorruft. Ob Zorn oder Zäsur, Betroffenheit oder Bewegung, Befreiung oder Besitzergreifung, Sanktion oder Segen ... egal. Es sei wie es sei. Ich habe die esoterischen Einschüchterungen satt. Der Sinn von Transparenz oder der Versuch, sie zu schaffen, ist nicht, dass etwas ans Licht einer Öffentlichkeit gezerrt wird, was dort nicht hingehört. Sondern der Sinn ist, ein für allemal zu begreifen, dass die Anthroposophie Rudolf Steiners allen gehört, dass das Licht öffentlich ist. Wenigstens heute. Ab jetzt.« (S. 116).


I Vertiefung

Das ganze Buch über atmet man Luft, die nicht nach Höhe, sondern nach Tiefe anmutet; Laudert ist Tiefenbohrer - immer, überall. Heiliges und Profanes fallen dadurch in eins, ja im einen zeigt sich das andere gerade dadurch, dass Vertiefung immer Tiefen und Untiefen sichtbar macht. Christus und Kloputzen, Karmaerkenntnis und Cocktailpartys, immer ist Vertiefen möglich, oft nötig .... und nicht selten ausgeblieben.

Laudert räumt in dieser Hinsicht auf mit all den vernehmbaren Höherentwicklungsphrasen: »ich fühle mich einer anderen inneren Lebensgeste näher, und ich nenne diese Lebensgeste die Vertiefung. Nicht gleich: den nächsten Schritt auf dem Schulungsweg meistern, nicht: seinen Meister haben oder Meister werden wollen. Sondern sich vertiefen in das Scheitern jedes Mitmenschen. In seine Fehler. In die eigenen. Das Unvollkommene lieben, aushalten, zutiefst bejahen. Nicht als Ziel. Aber zunächst. Erst einmal. Und es kann sogar auch bis zum Tode dabei bleiben: dass der Sinn eines Lebens nicht in einer Entwicklung besteht, sondern in einem Aushalten und Durchleben. Das ist der Entwicklungssprung. Eine Spannung, etwas Unauflösbares (und daher Spannendes) biographisch verkörpert zu haben« (S. 158).


II Gemeinden

Für Laudert, immerhin Priester der Christengemeinschaft, sind Gemeinden ein Weg, kein Ziel. Und vielleicht auch nicht mehr der zeitgemäße Weg zum Ziel eines »allgerneinen Priestertums aller Gläubigen« (5. 115), sondern höchstens »Brückentechnologie« (S. 117). Damit wird er bei all denen anecken, die sich in Grüppchen zusammenscharen, um sich - wie anmaßend! - stellvertretend für die Welt zu entwickeln. Ideale Soziotope für solche Typen bieten Gemeinden alter Couleur. Lauderts mal ironisches, mal zynisches Psychogramm des üblichen Gemeindegebarens ist für mich eine der herausragenden Passagen des Buches, analytisch ebenso scharf wie sprachlich brillant (vgl. S. 73-78).

An anderer Stelle bemüht Laudert einen Vergleich: »Gemeinden sind Familien vergleichbar. Familien sind nicht Selbstzweck, wenn auch das Behagen am eigenen Blutszusammenhang, das Sich-Genießen bei Feiern und Sippentreffen für sie konstitutiv ist. Familien sind ähnlich wie Gemeinden Hüllen: für die Entfaltung und Entwicklung gemeinschaftsfähiger Individualität. Natürlich brauchte die Anthroposophie einen Raum, um anzukommen auf Erden, eine erste irdische Gestalt, natürlich bekannte sich Steiner emphatisch dazu. Aber Familien sind nie der End-Sinn. Sie sind nicht die Keimzellen der Gesellschaft. Die Keimzelle, die Lebenssubstanz ist immer nur der einzelne Mensch« (S. 18f.).

In Nuce: Man kann sich nicht der Welt - welch ein Abstraktum ist doch dies -, »man kann sich nur Menschen öffnen« (S. 107).


III Steiner

Liest man den Vorspann des Buches, findet sich ein Geständnis Lauderts, das zugleich eine wunderbare Charakteristik des anthroposophischen Impulses, des Schaffens Steiners darstellt. »Kein Gedanke«, so Laudert, »hat mich zu Beginn meiner Steiner-Lektüre mehr befeuert als seine Prognose, dass sich die Individuen umso mehr ergänzen und miteinander harmonieren werden - nicht, je mehr sich der eine dem anderen oder jeder sich normativen Werten unterordnet (nicht einmal der Anthroposophie) -, sondern gerade, je mehr ein jeder er selbst ist und seine Talente einbringt. Deshalb bedeutet Anthroposophie für mich nicht: in einer bestimmten Gesellschaft sein, sondern, wo immer es nötig ist, Gesellschaft leisten. Nicht Gemeinden versorgen, sondern Gemeinschaft schaffen. Es bedeutet: im Gleichen der Andere zu sein und im Anderen trotz allem der Gleiche. Es bedeutet, wenn es sein muss, von einer zu eng gewordenen Erscheinungsform der Anthroposophie Abschied zu nehmen, um sie wieder neu zum Weg zu machen: um das Weite zu suchen, das sie eigentlich ist, um es in einer ganz anderen Art von Engführung erneut zu finden, in und mit ihr. Denn mehr ist sie nicht (und nicht weniger) als: nicht das, was drin ist, nicht das, was draußen ist, sondern die Schwelle, der Zugang, das, was dran ist« (S. 28).

Während Lippenbekenntnisse erlahmen, sobald sie sich zu profilieren haben, hebt Laudert den permanenten Aktualisierungswillen als eine Anthroposophie als Steinerianismus gerade transzendierende Fähigkeit hervor. 4) Für Laudert ist Steiner im Weiteren vieles: ein Frager, ein Anreger, eine Geistesgröße, ein Prophet - auch ein Prophet der Folgen des eigenen Wirkens. 5) Und einer, der den Einzelnen in die Verantwortung nimmt: »Halten wir also den Ball flach. Halten wir zu Steiner, indem wir die Verantwortung übernehmen für unseren je eigenen Weg mit ihm« (S. 171).


IV Laudert

Soll es eine Warnung, gar eine Drohung sein? Oder bloß die eigene Standpunktverortung? »Welches ist die ›Farbe‹ oder, -›Stimme‹, die man selbst beitragen kann, die das eigene Leben mit Anthroposophie - um im Bild zu bleiben - gefärbt und bestimmt hat? In diesem Fall ist es die Farbe und Stimme und das Lebensgefühl der Literatur; ich mache in diesem Buch keinen Hehl daraus. Es wird autobiographisch zugehen, und wer das nicht mag oder aushält, sollte nicht weiterlesen« (S. 23).

Laudert hat kein Problem mit dem Persönlichen - so der Titel zu Kapitel IV -; das heißt auch, dass er nicht abgehoben schreibt, sondern, durch je verschiedene Szenenwechsel unterbrochen, aus dem Nähkästchen seines menschlichen, allzumenschlichen Lebens plaudert. Die Sprache ist dabei nicht bloß bild-, sondern zeichenhaft, sie birgt allerlei offensichtliche und versteckte Hinweise auf Institutionen und Personen der anthroposophischen und der Theaterszene, Lauderts Milieus.

»Das Recht und die Sehnsucht eines jeden ist, im Ganzen gelesen zu werden« (S. 170). - Ich kann mich des Eindrucks nicht erwehren, dass sich hier ein Autor und Priester nicht nur in der Gegenwart zu positionieren, sondern auch gegen eine literarische Blindheit der Anthroposophen und eine spirituelle Blindheit der Literaten aufzulehnen versucht. Mit dem Willen - die Wortwahl verrät es -, beide Welten zu einen: »Anthroposophie ist die Kunst, ein Kunstwerk aus seinem Leben zu machen, es zugleich zu beschweigen und zu besprechen, es zugleich zu rezipieren und zu rezensieren - und dann in Leben zurückzuverwandeln. Anthroposophie hilft mir, meine Lebensschrift zu entziffern, zu korrigieren, neu herauszugeben, sie besser herauszugeben, so dass sie lesbar wird. Denn ich glaube, in der Zukunft wird alles Leben Begegnung sein, wir werden vor dem anderen stehen wie vor einem aufgeschlagenen Buch, wir werden einander radikal durchschauen und vollkommen sehen« (S. 155f.).


V Kafka

Ein in Lauderts Schreiben ständig wiederkehrendes Motiv ist Franz Kafka, im Besonderen der Umstand, dass Kafka sein Leben total Literatur werden ließ, wie er selber von sich sagte. 6) Diese gelebte Radikalität der Selbsterforschung führte Kafka zur Vertiefung in sein eigenes Wesen, »so wie sich Goethe in die Natur vertieft hat und Schiller in die Ideen, so hat sich Kafka in die Natur seiner Ideen von sich vertieft. Kafka ist Schillers und Goethes geistiges Adoptivkind. Es war von Kafka keine Höherentwicklung zu erwarten. Er hatte einen ganz anderen Job im Kosmos« (S. 160).

Kafka errang nicht begrifflich, nicht allgemein einen Weg zur Freiheit - er schrieb sich frei. Dieses Freischreiben scheint mir eine Geste, die Lauderts Werk ebenfalls eingeschrieben ist. Wenn er Kafkas Schloss zitiert, könnte der Protagonist genauso gut L. heißen, wie er K. heißt: »... da schien es K., als habe man nun alle Verbindung mit ihm abgebrochen und als sei er nun ... freier als jemals ... und habe sich diese Freiheit erkämpft wie kaum ein anderer es könnte ... aber ... als gäbe es gleichzeitig nichts Sinnloseres, nichts Verzweifelteres als diese Freiheit, dieses Warten, diese Unverletzlichkeit ...« (S. 205).
Freiheit als Sinnlosigkeit, als Verzweiflung? Nicht, wenn der Sichtbarwerdende gesehen wird ...


VI Theater

Laudert rebelliert immer wieder gegen Klientelpolitik - und findet diese sowohl in der Christengemeinschaft wie im professionellen Theaterbetrieb, dem er - und der ihm - den Rücken kehrte: »Im Theaterbetrieb war immer wieder zu erleben, wie Kunst nur für eine bestimmte Klientel gemacht wird, wie man sich darin gefällt, etwas zu inszenieren, was den, sozusagen: einfachen Mann vom Lande ratlos zurücklässt, was ihm die Tür vor der Nase zuschlägt, was ihn nicht berührt. Hauptsache, der Großbürger ist provoziert und der Kleinbürger alleingelassen. ... Die größte Sekte ist immer noch der deutsche Literaturbetrieb!«

Nach dieser Abrechnung scheut Laudert sich nicht, in Klammern, nachdenklich, fortzufahren: »Aber waren die Werke, die wir liebten, nicht immer solche, die mitten in uns hinein zielten, die sich nicht über sich selber lustig, sondem uns betroffen machten und im Innersten verwunde(r)ten? Was weit erwirkt in Dichtung und Literatur, was uns inspiriert über den Tag und über den eigenen Tellerrand hinaus, rührt doch davon her, dass ein Kunstwerk uns voraus ist und uns emporzieht - und nicht uns bestätigt. Dass es das Ich erinnert an das, was es wollte, bevor wir so lebten, bevor wir Clubs gründeten und Heruntergekommene wurden« (S. 83f.).

Was hilft gegen Klientelpolitik? Aufzupassen, dass man weder in die Falle einer ästhetischen, noch in die »einer anthroposophical correctness tappt« (S. 178)


VII Haltung

Es geht in dem vorliegenden Buch - auch wenn diese manchmal als Beispiele dienen - nicht eigentlich um Inhalte, sondern um Haltungen, Um Gesten, um »Lebensgesten« gar (S. 158). Das wird nicht zuletzt am Schreibstil Lauderts ersichtlich. Durch feine Wortwahl und -spiele wird - anfangs gewöhnungsbedürftig - so manche Oberflächlichkeit durchdrungen, auch dialogisch aufgebaute »Einwürfe« unterstützen dies.

Bücher seien, so ein Wort Jean Pauls, dickere Briefe an Freunde. Wie schreibt man aber den falschen Freuden, die einem bis dato nicht wirklich zuhören wollten? Vor diesem Problem, das Nietzsche etwa dadurch verspürte, dass er auf Deutsch gegen die Deutschen und damit zugleich für die Deutschen schrieb, steht auch Laudert, der gegen seine Milieus für sie ins Feld zieht. Lösen können diese Paradoxie nicht mehr Nietzsche oder Laudert allein, sondern nun kommt eine Figur ins Spiel, die für Peter Handke »die eigentliche Instanz der Literatur ist: der Leser.

Wenn ich Lauderts Buch, seinen Überflug durch das Jahr in neun kleinen Passagen sowie die beiden Essays Versuch über eine freie Religionsbewegung und Theorien der Beschwörung: Das Problem mit dem Persönlichen, nicht freundschaftlich annehme, wird es kein dickerer Brief an Freunde gewesen sein. Es liegt an mir, welchen Boden ich der literarischen Saat bereite. Die hiesige Schrift hat das Zeug zur Klärung und Reinigung des eigenen Bodens, zu introspektiven Exorzismen, die nicht Laudert an mir, sondern nur ich in mir vollziehen kann.

Dann, nur dann wird »der Abschied von der Gemeinde plötzlich zur Ankunft in der Menschheit« (S.175).





1) Andre Bjerke: Das Ärgernis Rudolf Steiner. Ein autobiographisches Fragment, Dornach 2004.
2) Sebastian Gronbach: Missionen: Geist bewegt - alles, Stuttgart 2008.
3) Taja Gut: Wie hast du's mit der Anthroposophie. Eine Selbstbefragung, Dornach 2010.
4) Vgl. Roland Wiese: Vom Steinerianismus zur Anthroposophie, in: DIE DREI 2/2011, S. 5-7.
5) Vgl. Andreas Laudert: Der Versuch, Steiner vom Tod her zu begreifen, in: DIE DREI 1/2011, S. 51·54.
6) Vgl. Andreas Laudert: Erfüllte Schrift. Das Wort zwischen Geist und Materie, Stuttgart 2009, S. 65-132.
7) Ulrich Greiner: Eine herbstliche Reise zu Peter Handke nach Paris, in: Die Zeit, Nr. 48/2010.

Andreas Laudert: Abschied von der Gemeinde. Die anthroposophische Bewegung in uns, Futurum Verlag, Dornach 2011, 208 Seiten, 16,80 EUR.



P.S.:
Laudert wurde inzwischen "im gegenseitigen Einverständnis" (!??) als Priester der "Christengemeinschaft" entlassen...













AUCH...in der Christengemeinschaft...




Pädophilie auch in der "Christengemeinschaft" !?

Ja, AUCH hier.. und auch hier reagiert der Klerus erst abwiegelnd und erst die Gerichte zwingen zur Offensive, zur Offenlegung, zu Versprechungen...
Gehört das hier her ??
Eigentlich nicht; aber andererseits schon, da ja gerade unser steter Hinweis ist, dass ein "Zwei-Stände-Prinzip", das Kleriker-Laien-Prinzip kein zeitgemäßes mehr ist...
Wie viele in der CG habe bisher ja geschrien: Greift nicht unsere heilige Christengemeinschaft an! Nein, bei uns gibt es nuuur Brüderlichkeit und unsere Priester sind noch wirkliche Priester Christi...
Und nun das Allerschlimmste... nachdem man sich schon daran gewöhnen musste, dass auch Priester das Sakrament der Ehe nicht so genau nehmen, dass auch in der Christengemeinschaft dauernd Priester entlassen werden müssen...
Und so will ich mich dem allgemeinen Schweigen - das ja zum Glück nun seitens der Erzoberlenkung gebrochen wurden (leider auch als es nicht mehr anders ging) - nicht anschließen, zu mal ich hier nun keine "Geheimnisse" "verrate", sondern - mit Kürzungen - den Wortlaut aus den offiziellen und öffentlichen "Mitteilungen aus der Christengemeinschaft" zitiere.
Ich hätte mir gewünscht, dass solches nie geschehen würde, vor allem nicht in der Christengemeinschaft; aber das Unvorstellbare zu verschweigen, wäre genau der falsche Weg; gerade auch, weil mir die "Christengemeinschaft" trotz aller Sorgen und Probleme die ich mit ihr habe und meiner ganz anderen Perspektive, doch als "anthroposophische Begründung" mit einer berechtigten Aufgabe in unserer Zeit, am Herzen liegt. So wäre ich von mir aus damit nicht an die Öffentlichkeit gegangen - obwohl ich davon schon hörte, bevor offiziell darüber gesprochen wurde -, nun aber da die Erzoberlenkung selbst an die Öffentlichkeit ging, ... komme ich nun zu spät, hätte ich vorher Alarm schlagen sollen, auf Seiten der betroffenen Kinder, Frauen, Eltern stehen sollen ??
Ich wollte mich nicht "einmischen" in "fremde Angelegenheiten" ... aber Nichteinmischung in solchen Fällen ist meist ebenso vom Teufel...
So wenigstens heute diese Verlautbarungen, die jedoch noch lange nicht all das Leid ans Licht bringen.......






Eine besorgte Mutter
(in den "Mitteilungen aus der Christengemeinschaft", 2010 )

"Sexueller Missbrauch in der Christengemeinschaft

Ja, auch in der Christengemeinschaft gibt es sexuellen Missbrauch an Kindern und Jugendlichen durch Priester. Das ist bei uns nicht anders als in anderen kirchlichen und pädagogischen Einrichtungen. Aber es stand noch nie etwas darüber in den 'Mitteilungen'.
Ich wünsche mir auch bei uns eine offene Diskussion zu diesem Thema, damit es gelingt, Kinder und Jugendliche besser vor Übergriffen zu schützen.
Auf die konkreten Vorfalle in unserer Gemeinde gehe ich hier bewusst nicht ein.
Der Klärungsprozess bei solchen Vorfallen ist per se für alle Beteiligten eine extreme Belastung. In unserem Fall kam noch die große Verletzung der betroffenen Familien durch die Art des Umganges der Leitung mit ihnen hinzu. Es fehlten auf allen Seiten Erfahrungen im Umgang mit dem Thema und auf Seiten der Christengemeinschaft ein Handlungsrepertoire, das im Fall eines derartigen Konflikts hätte greifen können.

Folgende Faktoren haben den Prozess so schwierig gemacht:
– Die Scheu vor einer gerichtlichen Entscheidung war bei allen Beteiligten groß.
– Großer Skrupel der Betroffenen dem Priester gegenüber, Scheu, ihm »so etwas« vorzuwerfen, Sorge um seine Familie.
– Sorge um den Ruf der Christengemeinschaft, Vermeidung von Öffentlichkeit zum Schutz aller Beteiligten.
– Das starre Verhältnis zwischen Lenker und Betroffenen. Es entstand kein Dialog, kein Vertrauen, nicht das Gefühl, die Vorfälle in verantwortliche Hände abgeben zu können. Trotz Mediationsgesprächen gelang es nicht, die Bedürfnisse der Betroffenen und die Vorstellungen und Ansichten des damaligen Lenkers in einen fruchtbaren Dialog zu bringen.
– Der Siebenerkreis griff nicht in den Konflikt ein, obwohl er von Betroffenen darum gebeten wurde. Das verstärkte das Gefühl, einer gesichtslosen Priesterschaft gegenüber ohnmächtig zu sein.
– Es gab kein »machtvolles« Laiengremium, das hinter den Betroffenen hätte stehen können. Einzig der Gemeinderat war für die Betroffenen ein verlässlicher Ansprechpartner, er hat ausgesprochen viel Mut bewiesen und alles Erdenkliche getan, um die Eltern und ihre betroffenen Kinder zu unterstützen.
– Die Verschiebung des Problems in eine andere Gemeinde ohne Offenheit über die Gründe der Versetzung des Priesters.
– Keine offenen Gespräche mit den Betroffenen über Entscheidungsprozesse, noch nicht einmal die Information hierüber.
Für uns Betroffene gab es letztlich nur einen aus der Leitung in der Christengemeinschaft, der zum Ende des Prozesses aus dem gesichtslosen Kreis herausgetreten ist und uns als Mensch und als Funktionsträger begegnet ist: Vicke von Behr.
Er hat durch seine kompromisslose Ehrlichkeit und Glaubwürdigkeit viele Türen wieder geöffnet, er hat zur Heilung beigetragen, indem er Täter und Opfer benannt hat und nicht den Versuch gemacht hat, am Ende alle Seiten miteinander glücklich zu machen.

Aber, und das ist wirklich ein großes »Aber«: Er war der Einzige. Und auch er suchte erst den Kontakt zu den Betroffenen, als ein Gerichtsurteil gesprochen worden war.

Was hilft, was kann in Zukunft helfen, wenn es zu solchen Vorwürfen kommt?

– Den Priester aus seiner Sonderrolle entlassen: Ein Priester ist kein besserer Mensch! Die entspannte, unverklemmte Sicherheit, dass es alle Probleme und Verfehlungen leider auch in der Christengemeinschaft gibt, hilft, sie auch wahrzunehmen!
– Kinder ernst nehmen, nie glauben, dass im Rahmen der Christengemeinschaft »nichts passieren kann«. Auch bei kleineren Konflikten deutlich machen, dass Kritik am Pfarrer genauso erlaubt ist wie an anderen Menschen.
– Das Reden über Sexualität auch in der Christengemeinschaft üben. Eine Sprache finden, die achtsam ist und nichts ausklammern muss, damit überhaupt ein Raum entstehen kann, wo Not ausgesprochen und gehört werden kann.
– In die Ausbildung von Priestern gehört eine gründliche Beschäftigung mit diesem Thema.
– Konflikte um sexuellen Missbrauch lassen sich nicht einvernehmlich lösen. Anders als bei anderen Themen gilt es hier, eindeutig Tater und Opfer zu benennen.
– Authentisch und persönlich reden. »Ich«-Botschaften machen Positionen klar und ermöglichen Offenheit, auch da, wo Einstimmigkeit nicht möglich ist. Die Verbundenheit innerhalb der Priesterschaft ist notwendig, stellt sich aber bei Konflikten wie dem unseren einem vertrauensvollen Umgang zwischen »Laien« und Priestern entgegen.
– Zweifel, Überforderung und Unsicherheit ausdrücken und aushalten.
– Ein einzelner Lenker ist mit diesem Thema überfordert. Beim Auftreten eines Konfliktes dieser Dimension in einer Gemeinde müssen sich automatisch andere Gremien einschalten. Es muss mehrere Verantwortliche geben, deren Beschlüsse transparent und nachvollziehbar sein sollen.
– Versetzung darf keine Lösung sein bei derart schwerwiegenden Vorwürfen, auch wenn keine Verurteilung besteht und der betroffene Priester ein Fehlverhalten abstreitet. Der Schutz von Kindern muss vor den Interessen der Christengemeinschaft und denen des Beschuldigten Priesters stehen! Offenheit und Weitergabe von Informationen in eine neue Gemeinde müssen in eine lebbare Form gebracht werden.
– »Lebbare Formen« entstehen an runden Tischen!
– Es muss entscheidungsbeteiligte »Laien« in der Christengemeinschaft geben, die außerhalb der Priesterschaft in Konfliktfällen Ansprechpartner für Betroffene sein können.
– Nicht zu viel Angst vor rechtlichen Schritten haben. Für uns erwies sich im Nachhinein das rechtliche Ermittlungsverfahren als unerwartet hilfreich und allein schon das »Angehörtwerden« von der Kripo [‘Kriminalpolizei’, MG] war eine Entlastung.

Angesichts des massiven Bekanntwerden von Fällen sexuellen Missbrauchs in kirchlichen und pädagogischen Einrichtungen eröffnet sich die Chance zu einem neuen und offenen Dialog über das Thema. Nur eine Schärfung des Bewusstseins wird es ermöglichen, Kinder in unserer Gemeinschaft mehr als bisher zu schützen.







Veröffentlichung des Erzoberlenkers



"Liebe Mitglieder und Freunde,

... Zunächst aber möchten wir an dieser Stelle unsere eigene Betroffenheit zum Ausdruck bringen angesichts der uns bisher bewusst gewordenen, von Priestern begangenen Übergriffe gegenüber Menschen, die ihnen anvertraut waren. Auch wenn es nur wenige waren, die in diesem Sinne zu Tätern geworden sind, so wiegen deren Taten doch schwer und können nur als unchristlich bezeichnet werden.
Es ist ja schon ein allgemein-menschliches Ideal, das Ich eines jeden anderen als ein Allerheiligstes anzuerkennen und zu achten. Um wie viel mehr gilt dieses für Priester, deren Auftrag es ist, im Dienste der göttlichen Welt zu begleiten und zu behüten.
Missbraucht ein Seelsorger das ihm entgegengebrachte Vertrauen, um seine eigenen Wünsche und Triebe zu befriedigen, so bringt er die Betroffenen in einen unüberbrückbaren Konflikt: in das Erlebnis, durch einen Priester, der ein Diener des Christus sein sollte, die Entwürdigung des eigenen göttlichen Seins zu erfahren.

Zu den wohl schwierigsten und beschämendsten Ereignissen im Leben der Christengemeinschaft gehört in diesem Zusammenhang die Tatsache, dass Friedrich Benesch ( … 1991) über viele Jahre seine Stellung als Priester und Seminarleiter missbraucht und durch sexuelle Übergriffe etlichen Frauen oft noch bis heute andauerndes Leid zugefügt hat.

Aber auch Missbrauch an Unmündigen, Kindern oder Jugendlichen hat es in der Christengemeinschaft gegeben.

Wir möchten als Leitung der Christengemeinschaft öffentlich anerkennen,
dass solche Handlungen stattgefunden haben, und allen Opfern unser tiefstes Bedauern und Mitgefühl aussprechen.

Neben all dem Großen, was Priester für das Leben ihrer Gemeinden geleistet haben und fortwährend weiter leisten, dürfen diese dunklen Schatten nicht verschwiegen werden, die auch zum Schicksal unserer Christengemeinschaft gehören.


Vicke von Behr, Erzoberlenker der Christengemeinschaft, August 2010, in "Mitteilungen aus der Christengemeinschaft"










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