«…wird das Ich apokalyptisch, dann ist das Ich priesterlich.»

Kontemplation über die Identitätsproblematik
bei der Ichentwicklung der Menschheit



Hergen Noordendorp

Das Titelzitat für diesen Beitrag findet sich im vorletzten Halbsatz des zweiten Vortrages vom 6.9.1924 Rudolf Steiners zum Thema der Apokalypse für die Priester der Christengemeinschaft. Er wurde hier ganz bewusst zunächst als Halbsatz gewählt. Mit dem anderen wird sich der Aufsatz an entsprechender Stelle beschäftigen.

Nicht ich, der Christus in mir.
Wird das Ich apokalyptisch, dann IST das Ich priesterlich.
(Hervorhebung durch den Verfasser)

«Nun lebe nicht ich, es lebt der Christus in mir», um die von Paulus verwendete Formulierung noch einmal aufklingen zu lassen, enthüllt sich, je mehr man im kontemplativen Sinne mit ihr umgeht, als eine brisante Aussage. Sie stellt sich in polaren Gegensatz zum modernen Selbstverständnis von «Ich», welches von vielen Zeitgenossen geradezu so empfunden wird, dass der Christus darin nichts zu suchen habe. Man sei ja aufgeklärt, da brauche man nicht eine Ausstaffierung mit religiösen Anachronismen. Und weil man aufgeklärt sei, wisse man selbst schon, was am besten für einen ist. Dabei übersehen die Bekenner einer solchen Auffassung von Aufklärung allerdings, dass sie an ihrem aufgeklärten Urteil vorbei nur an die Stelle eines traditionell Religiösen nun ihr religiöses Bekenntnis dessen gesetzt haben, was sie Aufklärung nennen. In der Sache selbst hat sich nichts geändert. Diese wie jene fühlen sich gedrängt, ein Geistiges aufzusuchen und zu adaptieren, um dem Ichbegriff, ohne den ein Ich nicht gedacht werden kann, einen als vernünftig empfundenen Inhalt zu geben. Zugegeben, all das klingt ein wenig trivial. Aber Trivialität ist auch ein Aspekt der Problematik des Ichwerdens.

Was nun Paulus im Galatherbrief ausspricht, ist nicht trivial, ist auch mehr als ein bloßer Begriffsinhalt. Es ist Substanz für einen Begriffsinhalt. Ohne sie wäre der Begriffsinhalt für das Ich so leer, wie der Begriffsinhalt einer Rose leer wäre, wenn ein Mensch nicht die Substanz für den Begriff «Rose» aus dem Wahrnehmen und Erleben einer individuellen Rose in der sinnlichen Welt zöge. Gemeint ist, dass das Bilden eines Begriffes zunächst eine intellektuelle Tätigkeit ist. Wirklichkeitserfahrung aber geschieht erst, wenn dem Begriff ein substanzieller Inhalt zugeordnet werden kann. Und wenn Paulus mit Nachdruck sagt, dass das Ich nur lebt, weil der Christus in ihm das Leben ist, dann spricht er damit auch aus, dass im Gegensatz zu jedem anderen Begriffsinhalt, der seine Substanz für menschliches Wirklichkeitserleben aus einer Sinneswahrnehmung bezieht, dieses beim Ichbegriff nicht geht. Da muss versucht werden die Substanz wahrzunehmen als das hingeschenkte Lebens-Wesen (nicht Lebewesen) des Christus oder des göttlichen Lammes als ein Identitätsopfer, vollzogen auf Golgatha. Erst seither kann diese substanzielle Identität des Christus, wenn auch nicht anders als außersinnlich, auf der Erde und nur hier gefunden werden, - nicht in der geistigen außerirdischen Welt, in den Fixsternen oder sonst wo. Will man den Substanzinhalt als Mensch für sein Ich suchen, dann gibt es keinen anderen Auffindeort in der Welt dafür, als hier auf der Erde. Und findet man den Christus als übersinnliche oder außersinnliche Substanz im Begriff des eigenen Ich, dann findet man zugleich, dass dieses Ich Bestand hat außerhalb von Zeit und Raum, also ewig ist, als solches aber Zeit und Raum zur Gänze durchmessen kann und darf. Findet ein Mensch den Christus hingegen nicht als Substanz in seinem Ichbegriff, dann muss er, wenn er logisch zu denken in der Lage ist, zu dem Schluss kommen, dass sein Ichbegriff eine Illusion sei, das ein Ich in Wirklichkeit gar nicht existiere und folglich als Illusion mit dem Tod der Persönlichkeit dieses Menschen verlösche.

Aber mit der kosmisch-tellurischen Realität, dass der Christus nur auf der Erde als Substanz für ein menschliches Ich und den Begriff hiervon zu finden ist, stellt kein Abstraktum dar. Es ist mit dem Einströmen dieser Substanz in den sich erfüllenden Begriffsinhalt des Ich und dem anschließenden Erlebenkönnen dieses Ereignisses eine bestimmte Hauptregel verbunden. Und sie findet sich in ganz merkwürdiger Weise ausgedrückt in einem Passus des Paulusbriefes an die Hebräer, Kapitel 4, 14 bis 5, 10. Diese Paulus-Aussage soll zunächst in der Übersetzung der Einheitsbibel und danach in einer Übersetzung des Verfassers aufgeführt werden. Man wird beim Lesen erstaunt sein können, was sich ergibt, wenn man nicht der traditionellen kirchlichen Bedeutung der griechischen Wörter folgt, sondern sie bezüglich der ihnen eignenden Bedeutungsskala erforscht und eventuell anders auffasst, als es traditionell geschieht:

Einheitsübersetzung
14 Da wir nun einen erhabenen Hohenpriester haben, der die Himmel durchschritten hat, Jesus, den Sohn Gottes, lasst uns an dem Bekenntnis festhalten. 15 Wir haben ja nicht einen Hohenpriester, der nicht mitfühlen könnte mit unserer Schwäche, sondern einen, der in allem wie wir in Versuchung geführt worden ist, aber nicht gesündigt hat. 16 Lasst uns also voll Zuversicht hingehen zum Thron der Gnade, damit wir Erbarmen und Gnade finden und so Hilfe erlangen zur rechten Zeit.
5, 1 Denn jeder Hohepriester wird aus den Menschen ausgewählt und für die Menschen eingesetzt zum Dienst vor Gott, um Gaben und Opfer für die Sünden darzubringen. 2 Er ist fähig, für die Unwissenden und Irrenden Verständnis aufzubringen, da auch er der Schwachheit unterworfen ist. 3 Deshalb muss er für sich selbst ebenso wie für das Volk Sündopfer darbringen. 4 Und keiner nimmt sich eigenmächtig diese Würde, sondern er wird von Gott berufen, so wie Aaron.
5 So hat auch Christus sich nicht selbst die Würde eines Hohenpriesters verliehen, sondern der, der zu ihm gesprochen hat: Mein Sohn bist du. Heute habe ich dich gezeugt, 6 so wie er auch an anderer Stelle sagt: Du bist Priester auf ewig nach der Ordnung Melchisedeks. 7 Als er auf Erden lebte, hat er mit lautem Schreien und unter Tränen Gebete und Bitten vor den gebracht, der ihn aus dem Tod retten konnte, und er ist erhört und aus der Angst befreit worden. 8 Obwohl er der Sohn war, hat er durch Leiden den Gehorsam gelernt: 9 zur Vollendung gelangt, ist er für alle, die ihm gehorchen, der Urheber des ewigen Heils geworden 10 und wurde von Gott angeredet als Hohepriester nach der Ordnung Melchisedeks.

Übersetzung des Verfassers.
4, 13 Da wir nun einen erhabenen Hohenpriester haben, Jesus, den Sohn des Gottes, der die Sphären der Hierarchien durchmessen hat, erfließt unsere Stärke aus der Verbindung mit ihm. 15 Denn wir finden in ihm nicht einen Hohenpriester, der unfähig wäre, sich mitfühlend auf unsere Verfehlungen einzulassen. Ihm traten Versuchungen ausnahmslos auch so entgegen wie uns. Aber bei ihm führten sie nicht zum Vergehen. 16 So wollen wir aus freien Stücken hintreten zum Thron der Gnade, um für Wohltat und Gnade in Bereitschaft zu stehen, wenn sie uns zu je rechter Zeit Hilfe zukommen lassen.
5, 1 Ein menschlicher Hohepriester wird ja für Menschen vor dem Gott zum Dienst berufen, damit er in Opferhandlungen Gaben darbringe, weil Verfehlungen stattfinden. 2. Er ist in der Lage, den Nicht Eingeweihten und (deshalb) im Irrtum Befangenen dadurch Verständnis entgegenzubringen, weil er wie diese in von der Schwäche durchsetzten Wesenshüllen lebt. 3. Aus eben diesem Grunde kann er gar nicht anders, als die Opferhandlungen für die Gemeinde auch für sich selbst zu vollziehen, gerade wegen der Verfehlungen. 4. Aber niemand maßt sich deshalb ein solches Amt selbst an. Es erlangt seine Wirkenskraft wie bei Aaron durch Berufung seitens des Göttlichen.
5. Und so hat sich auch der Christus nicht durch sich selbst als Hohepriester zur Erscheinung gebracht, sondern es geschah durch denjenigen, der zu ihm sprach: Du bist mein Sohn. Ich habe dich heute gezeugt. 6. Anderwärts heißt es: Du bist ein Priester durch den Zeitenstrom hindurch im Range des Melchisedek. 7. Er hat sich ja Zeit seines physischen Daseins mit lautem Rufen, unter Tränen betend und Schutz erflehend an den gewandt, der die Kraft ist, ihn aus dem Tode zu erretten. Und er wurde deshalb erhört, weil er mit den Lebensumständen in rechter Weise umging. 8. Ungeachtet dessen, dass er der Sohn war, resultierte für ihm diese Erhörung doch nur aus der Bereitschaft zum Leiden. 9. Als er dann zur Vollendung gelangt war, konnte er allen, die ihn hören (wollen), zum Stifter der Errettung durch den Zeitenstrom werden, 10. nachdem er durch den Gott zum Hohenpriester in den Rang des Melchisedek erhöht worden ist.

Die oben genannte Bedingung oder Hauptregel, den Christus als Substanz des eigenen Ichbegriffs zu finden und zu erleben, steht in Vers 8:
«Ungeachtet dessen, dass er der Sohn war, resultierte diese Erhörung doch nur aus der Bereitschaft zum Leiden.»

Dieses Leiden musste der göttliche Sohn als ein sine qua non annehmen, damit sein Flehen um die Kraft der Errettung aus dem Tode erhört werden konnte. Nach Rudolf Steiners wiederholten Ausführungen ist dasjenige, was im Bild der Taube sich während der Jordantaufe herabsenkte, die Fülle der Exousiai gewesen. Es waren die sechs maßgeblichen, welche bis zu diesem Zeitpunkt auf der Sonne geblieben waren. Jahve fehlte in dieser Siebenheit. Er regelt währenddessen das Verhältnis des Mondes zu Sonne und Erde und lenkt den Vererbungsstrom, aus dem der Jesus als Träger des Christus geboren werden muss.

Aber in all seiner Göttlichkeit hatte der Christus noch nicht die Kraft, um den Tod zu überwinden. Denn die Exousiai als Geister der Form haben mit der Gestaltung des Physisch-Mineralischen den Evolutionsstrom die?? Erde so geformt, das?? sie in sich den Tod enthalten musste. Das Leben, genauer gesprochen der Baum des Lebens aus dem Paradies war dem Menschen entzogen worden. Anders gesprochen: Das Geheimnis des Lebens war dem Menschen entzogen worden.

Das Flehen des Christus, das Strömen seiner Tränen wurde zum göttlichen Rufer in ihm nach dem Wiederwirksamwerden des Geheimnisses des Lebens. Das aber würde nur möglich dadurch, dass der Flehende zunächst als besondere Mission zu erfüllen hätte, das Leiden, welches für ein Ich begabtes Menschenwesen mit dem Verlust des Baumes des Lebens verbunden ist, bis zur Neige bereitwillig zu durchmessen. Die Annahme des Lebensverlustes durch den Christus, ist hier also kein Fatalismus, sondern höchste göttliche Aktivität. Sie konnte das, was sich im menschlichen Leiden üblicherweise als Schwäche aus der Versuchung zeigt, zur unschuldigen Stärke der Überwindung vergöttlichen - mit dem Ergebnis, dass das Leben wieder in die Evolution des Menschen einströmt. Aber das geschieht nicht irgendwo, sondern im Ichpunkt des Menschen, in seinem intimsten Inneren. In Jesus wurde dieser Ichpunkt durch den Christus zum ersten Mal in der menschlichen Evolution mit göttlicher Substanz erfüllt, als die Taufe stattfand. Aber diese «Exousiasubstanz» kam erst in die Lage, den Tod zu besiegen, als in sie wieder geistiges Leben einströmte. Der Christus musste zunächst vom Rang der Exousiai?? in einen höheren Rang aufsteigen. Vorbereitet wurde dieses Einströmen am Gründonnerstag-Abend wo er Brot und Wein in seinen Leib und Blut wandelte. Bei diesem heiligen Mahl offenbart sich der Christus Jesus das erste Mal während seines Wirkens als Priester. Und hierauf weist Paulus in dem Hebräerbrief hin.
Was aber hat es mit diesem Lebensgeheimnis auf sich? Welcher hierarchische Rang spielt hier eine Rolle, aus dem das göttliche Leben in die Exousia-Göttlichkeit?? des Christus strömt?

Hier muss ein bestimmter Gesichtspunkt ins Bewusstsein gefasst werden. Der Evangelist Markus deutet an, dass bei der Gefangennahme des Jesus ein weiß gewandeter Jüngling flieht. Rudolf Steiner sagt dazu, dass es die Göttlichkeit des Christus sei, die flieht. Es werden dann Gründe von ihm dargestellt, weshalb solches nötig war. Aus den Überlegungen dieses Aufsatzes jedoch leuchtet noch ein ganz spezifischer, von Steiner nicht genannter Grund auf. Die Göttlichkeit Christi geht zunächst dorthin, wo sie von der Exousia-Göttlichkeit zu einer solchen aufsteigen kann, die in sich außer über das Formprinzip zusätzlich über das Prinzip des göttlichen Lebens gebieten kann. Und das deutet Paulus in dem geheimnisvollen Ausspruch an: Der Christus wird durch den Gott zum Hohenpriester in den Rang des Melchisedek erhöht.

Melchisedek oder Malchi zadik (mein König ist gerecht), ist eine ganz rätselhafte Erscheinung, die nur einmal im Alten Testament erscheint . Er wird immer «der Priester des El el Jon», der Priester des höchsten Gottes genannt. Sein Rang ist höher als derjenige des Jahve, der im Rang der Exousiai steht.

Einige Aussagen Rudolf Steiners helfen, zu einem erhellenden Verständnis zu gelangen. In GA 89 findet sich Folgendes:
In der Bibel sagt Jesus: Ich widerstrebe nicht dem Buche der Gerechtigkeit im Sinne Melchisedeks. Melchisedek ist der Engel der irdischen Umlaufszeit.

Was aber hat man sich unter Engeln oder Geistern der Umlaufszeiten vorzustellen? Hierzu sagt Rudolf Steiner :

«In aufeinander folgenden Umlaufszeiten, die geregelt sind durch den Gang der Gestirne, wurden des Menschen aufeinander folgende Inkarnationen geregelt. Die Geister der Weisheit wurden Geister der Umlaufszeiten. […] Denn das "mystische Lamm" ist der Sonnengeist, der das Geheimnis hat, nicht nur die Geister hinweg zu heben von der Erde, sondern die Leiber von der Erde zu erlösen, sie zu vergeistigen, nachdem sie durch die vielen Inkarnation hindurchgegangen sind. Der Besitzer des Liebesgeheimnisses das ist der Sonnengeist, den wir den Christus nennen; und weil er nicht nur ein Interesse hat an der Individualität, sondern unmittelbar an jeder einzelnen Persönlichkeit der Erde, nennen wir ihn deshalb das "große Opfer der Erde" oder "das mystische Lamm".»

Wenn also Melchisedek ein Geist oder Engel der Umlaufszeit (der Umlaufszeit der Erde) ist, dann sagt das voran stehende Zitat aus, dass sein Rang der eines Kyriotes , eines Geistes der Weisheit ist. Diese Geister aber stehen im Rang zwei Stufen höher als die Exousiai. Sie haben in der alten Sonnenentwicklung dem Menschenwesen den Ätherleib oder das Leben geschenkt. Die Exousiai schenkten dem Menschenwesen das Ich auf der Erde. Aber dieses war zunächst finster und seit dem „Sündenfall“ vom Leben getrennt. Man könnte auch sagen, seit dem Sündenfall haben die Kyriotetes ihr Antlitz vor dem gefallenen Menschenwesen verhüllt. Sie ließen es dadurch sterblich werden. In GA 95, «Vor dem Tore der Theosophie» präzisiert Rudolf Steiner eine der Aufgaben der Geister der Umlaufszeiten:
Die ganze übersinnliche Welt wird eingeteilt in zwölf Äonen. Dies sind die sieben Abteilungen des Astralplanes und die fünf unteren Abteilungen des Devachan. Vom Devachan aus können abgeirrte Geister gereinigt werden. Der Lichtreiniger vor Christus ist Melchisedek. Er ist gemeint, wenn vom Episkopos des Lichts die Rede ist. Unter Archonten sind die bösen Mächte zu verstehen.» (Archont dieser Welt)

Nun wird die Linie sichtbar. Die Kyriotetes als Geister der Umlaufszeiten hätten, wenn sie den Menschen vor dem Sündenfall hätten bewahren wollen, diesen von der Erde nehmen müssen. Dadurch aber wäre verhindert worden, dass er ein von Liebe erfülltes und an dem Sündenfall frei gewordenes Ich bekommen hätte. Steiner schildert in diesen Zusammenhängen, dass sie regelrecht das Interesse am Menschen verloren. Den Exousiai aber war der Mensch auch weiterhin interessant, denn würden sie ihn auch vergessen wollen, würden sie ihre Evolutionsaufgabe ebenfalls vergessen müssen. Jedoch konnten sie das Ichhafte des Menschen zunächst nur als Totes herangestalten. Aber aus ihrer Sonnengöttlchkeit war es Ihnen möglich, in einer vorübergehenden Trennung von der Menschenleiblichkeit des Jesus nach dessen Gefangennahme am Gründonnerstag, aus dem geistigen Erdenumkreis erneut das Interesse der Kyriotetes zu erregen, indem sie diesen vorwiesen, dass sie schuldlos das Menschenlos willig erlitten hatten und damit in ihrer eigenen Wesenhaftigkeit das Bild eines wieder aufgerichteten Menschen trugen. Aber zu dessen realer Verwirklichung wäre das Lebensprinzip der Kyriotetes nötig. Es musste nach der Flucht des Jünglings in die Christusgöttlichkeit aufgenommen ?? außerhalb des Jesusleibes. Deshalb konnte der Christus am Kreuz rufen: Eli, lema asabthani - mein Gott, wofür nur hast du mich verlassen (wenn man das aramäische «lema» ganz präzise mit «für was» und nicht mit «warum» übersetzt). Und als dieser Jüngling am Ostermorgen im leeren Grab wieder erscheint, ist er nicht mehr derjenige, der geflohen war. Die fliehende Exousia-Göttlichkeit des Christus am Karfreitag kehrt erhöht in den Rang der Kyriotetes wieder, sie gebietet jetzt auch über das Leben. Und ohne dieses hätte sich das Heilsgeschehen nicht vollziehen können. Auf all das spielt Paulus an, wenn er sagt, dass nach allem Leiden der Christus vom Göttlichen in den priesterlichen Rang des Melchisedek erhoben worden ist. Christus löst mit dem Ostermorgen Melchisedek als Geist der Umlaufszeit ab. Und er wird zum Lichtreiniger nach Melchisedek, der in die Lage kommt, gefallene Geister neben dem Menschenwesen durch die Lichtkraft des Lebens so zu retten, wie Melchisedek es zuvor getan hat.

Das ist also das Bedeutsame: Christus wird ein Hohepriester. Und er trägt diesen hohen Geistesrang als Substanz mit in das menschliche Ich hinein, in dem er das Leben ist.

Worin aber besteht das Wesenhafte des Christus? Es besteht darin, dass dieser zum Evolutionslenker über die Erdengeschicke und das Menschenkarma wird. Was der Inhalt dieser Geschicke ist, das hat man im Mysterienwesen immer als Apokalyptik bezeichnet. Als der Apokalyptiker den Inhalt der Apokalypse in sich aufgehen sieht von Alpha bis Omega, da ist dieses Apokalyptische «so aus Johannes heraus gesprochen, wie eigentlich im gewöhnlichen Bewusstsein einzig das Wörtchen "ich" heraus gesprochen ist aus dem Menschen.»

Das aber heißt nichts anderes, als dass das Ich des Johannes sich des Ichhaften des Christus darin bewusst wird, und dessen Inhalt ist Apokalypse. Dass sie Apokalypse sein kann ist die Folge der Erhöhung??(war er nicht schon immer der höhste Geist)?? des Christus zum Hohenpriester im Rang des Melchisedek. Aus seiner makrokosmischen Ichhaftigkeit vollzieht er autonom geworden durch seinen Leidensgehorsam nun das Hohepriesteramt, welches die gesamte Erdenevolution nach und nach transsubstanziiert.

Dieses Hohepriesteramt muss aber zusammengeschaut werden mit dem Zentralsatz aus dem Galatherbrief: «Nun lebe nicht ich, es lebt der Christus in mir.» Lebt aber des Menschen wahre Identität dadurch, dass sie aus dem substanziellen Erfülltsein mit dem Inhalt der kosmischen Christus-Ichheit lebt, dann impliziert das auch das Hohepriesteramt des Christus. Vor diesem Hintergrund konnte Rudolf Steiner zu den Priestern der Christengemeinschaft sagen:

«Ihr habt gefühlt, was es bedeutet, wenn der Apokalyptiker sagt, ihn habe der Christus selber zum Priester gesalbt. Die Salbung zum Priester erfolgt, wenn gefühlt wird, wie in Johannes der Inhalt der Apokalypse entstanden ist. Wenn gefühlt wird, dass diese Menschen von heute, die Priester werden wollen, es dadurch werden, dass sie selbsterzeugend in sich selbst das Ich in der Apokalypse erleben, wird das Ich apokalyptisch; dann ist das Ich priesterlich. (Hervorhebung durch den Verfasser) »

In diesem Zitat nun ist der eingangs unterschlagene Halbsatz wieder enthalten. Bemerkenswert ist jedoch, dass Rudolf Steiner seine Sprechweise in diesem kurzen Abschnitt verändert. Er beginnt so, dass er die um ihn versammelten Priester der Christengemeinschaft direkt anspricht. Aber im dritten Satz ist das vorbei. Aus dem «ihr» wird «diese Menschen». Steiner redet jetzt allgemein. Und diese Aussage steht und fällt mit dem Wort «selbsterzeugend».

Wenn ein Mensch also im Sinne des Galatherbriefes zu erleben beginnt: Nun aber lebe nicht ich, sondern der Christus ist das eigentliche Leben in meinem Ich, dann ist es nur noch ein kleiner Schritt dahin, auch den Inhalt dieses Ichhaften des Christus im Ichhaften des Menschen zu erleben, selbsterzeugend zu erleben. Denn alles Leben des Ich kann sich per se nur in der Selbsterzeugung äußern. Jeder Mensch verwirklicht dieses: nicht ich, der Christus in mir – selbsterzeugend. Und insofern sich hieraus priesterliche Betätigungen ergeben, sind diese im menschlichen Ich ebenfalls aus der Hohepriesterlichkeit des Christus als Tätigkeit im menschlichen Ich selbsterzeugt.
Hier liegt das Skandalon, welches Paulus formuliert hat: Ein von oben her durch Weihe bewirktes Amtspriestertum ist im Schwinden begriffen. An die Stelle tritt die von innen aus dem Christuszentrum des menschlichen Ich heraus selbsterzeugte Priesterlichkeit. Sie hat überhaupt keinen Amtscharakter mehr. Sie ist einfach da, wenn Menschen sich versammeln im Sinne von: sind zwei oder mehr in meiner Wesenswirklichkeit beisammen, dann bin ich ihr substanzielles Zentrum. Betätigen sich solche Menschen in religiös-kultischem Sinne, dann wirken sie deshalb vollgültig priesterlich, weil durch sie hindurch die erhabenste aller Priesterlichkeiten tätig wird, die des Hohenpriesters Christus. Niemand aus diesem Kreise erdreistet für sich ein Priesteramt. Aber alle, die sich kultisch in solcher Weise betätigen, werden gar nicht anders handeln können, denn im vollgültig priesterlichen Sinne, weil der Christus es im wahren Sinne durch sie tut. Die Priesterentwicklung schreitet also von einer durch äußeren Weiheakt vollzogenen lebenslänglichen aber starren Weihe in eine dynamische, jeweils aus dem Kairos, aus dem rechten Zeitpunkt sich ereignende, die danach wieder in das Herzensfeuer des Christus selbst zurückkehrt, bis erneute Zeitumstände sie wieder herbeirufen.

So macht der Evolutionsprozess des Menschen und mit ihm die sich entwickelnde Identität wirklich diese zwei unerhörte Schritte:

- Nicht ich lebe, es lebt in mir der Christus.
- Wird das ich apokalyptisch, dann ist das Ich priesterlich.
Das Nicht-Ich evolviert so zum wirklichen Ich, wenn man Nicht-Ich als Christuslosigkeit des Ich und Ich als die vom Christus real belebte Identität des Menschen versteht.






-> Teil 2 dieses Beitrages: Priesterlichkeit im Wandel der Evolution
siehe: Priesterlichkeit im Wandel








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