G E M E I N S C H A F T - B A U E N


Karl Königs
Ur-Camphill-Impuls
Vorbild christlicher, zukunftsgemäßer Gemeinschaft ?



Und
die soziale Tätigkeit
wird eine
Opferweihehandlung,
sie setzt das fort,
was die alte
Kultushandlung war.

Rudolf Steiner (18.11.22, GA 218)


Es ist wahr, dass es auf den Geist
einer Sache ankommt
und nicht auf die Form.
Aber so wie die Form ohne den Geist nichtig ist,
so wäre der Geist tatenlos,
wenn er sich nicht eine Form erschüfe.

Rudolf Steiner (GA 10, S.105)




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Mit Texten von
Volker David Lambertz (Zusammenstellung), Karl König, Dieter Brüll, Stefan Karl,

aus «Arbeitsmaterial Zur Kultus-Frage - Gemeinschaft bauen - TEIL 6»

INHALT:
= hier klicken zu den Absätzen :
-> SCHALE DES KULTUS
-> GEHEIMNIS GEMEINSCHAFT
-> Wohin ?
-> L E R N E N + B E T E N + A R B E I T E N
->
DIE DREI LEITSTERNE
->
EXKURS - Blick auf Karl König
->
DIE SAKRAMENTE DER GEMEINSCHAFT
->
ANMERKUNGEN



->
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SCHALE DES KULTUS

Schale-bilden
als Konsequenz und Voraussetzung


«Wir beginnen das erste Verständnis für die geistige Welt erst zu entwickeln, wenn wir am Seelisch-Geistigen des anderen Menschen erwachen. Dann beginnt erst das wirkliche Verständnis für Anthroposophie. Ja, es obliegt uns, auszugehen von jenem Zustande für das wirkliche Verständnis der Anthroposophie, den man nennen kann:
Erwachen des Menschen an dem Geistig-Seelischen des anderen Menschen.» (Steiner) 1)
«Aber eine religiöse Erneuerung muss herbeiführen Gemeindebildungen, religiöse Gemeindebildungen. Der Mensch kann seine Erkenntnis als Einzelner pflegen, wenn er sie erst durch die Gemeinschaft erhalten hat. Aber jenes unmittelbare, nicht so sehr denkerische als empfindungsgemäße Erleben der geistigen Welt, das als Religiöses bezeichnet werden kann, das Erleben der geistigen Welt als einer göttlichen, das kann nur sich ausleben im Gemeinschaftsbilden. Und so, sagte ich, muss eine Gesundung des religiösen Lebens durch eine gesunde Gemeinschaftsbildung entstehen. ... Und religiöses Leben kann nicht ohne Gemeindebildung bestehen.» (Steiner) 2)

Die mögliche "Kraft" der Gemeinschaft wird sich dabei sicherlich nicht danach richten, ob ihre Mitglieder nun "Amts"-«Priester» oder "Laien"-«Priester» sind, und entsprechend über die "lebenslängliche Amts-" oder die direkte, allgemeine Individual-«Priesterweihe» verfügen.
Maßgebend wird - neben dem "richtigen" Kultusvollzug - natürlich sicherlich das individuelle soziale, moralische und spirituelle Streben des Einzelnen, aber andererseits ganz gewiss auch die "Formfrage" sein: Nämlich ob die geformte Schale fähig und passend ist, den erbetenen Inhalt zu fassen. Denn Inhalt und Form müssen sich entsprechen.
So wird also der Mensch, der "freie" Sakramente praktisch verfügbar machen will, die tragende Kraft einer "passenden", schalebildenden Gemeinschaft suchen. «Wo zwei oder drei in meinem Namen zusammen sind, da bin ich mitten unter ihnen». Die Kraft der Gemeinschaft wird zur mittragenden Kraft für den Einzelnen und zum Konzentrationspunkt gemeinsamen Wollens und Bittens für das Hineinwirken der Gnade und der Antworten der Geistigen Welt. 3) «Wahre Gemeinschaftsbildung ist ein Mittel zur Herbeirufung helfender göttlicher Kräfte, sie ist schließlich ein Mittel zur Verwirklichung des neuen Kommens Christi selbst.» (Emil Bock) 4)
Sofern sich der Tätigseinwollende in eine Gemeinschaft hineinstellt, soll ihn diese auf einen WEG bringen, an dessen Ende (er endet nie!) er so viel "Wissen", Reife und Erfahrung um die Aufgabe, den Ernst, den Schulungsweg, etc. erarbeitet hat, dass er selbst - in der Nachfolge und in Zwiesprache mit Christo - seine Be-Ruf-ung, die Entscheidung, das Ja der Geistigen Welt, diesen Weg zu gehen, dieses «Kreuz auf sich zu nehmen» wahr-nehmen kann.

So muss nun, mit der Frage nach Freien Sakramenten, die Frage nach deren wesensgemäßen Schale gestellt werden, nach zeitgemäßer Gemeinschaft, die erst die Kraftquelle für den Sakramentendienst bildet: dem Geheimnis der Gemeinschaft.
In einem Zeitalter der Individualität, und für einen Impuls der ganz besonders auf das Wirken der freien, selbstverantwortlichen Individualtität baut, scheint der Ruf nach einer Gemeinschaft zunächst vielleicht unverständlich, natürlich auch weil er belastet ist von dem was "alte" Gemeinschaft noch heute ist: Gemeinschaft von "oben und unten", aber auch die konkrete Erfahrung, dass heutzutage Gemeinschaft oftmals mehr zwischenmenschliche Probleme schafft, als dass sie Liebe lebt und zur Kraftquelle wird, eben weil wir heute zumeist noch in Gemeinschaften des alten "römischen Rechts" leben und aber auch weil wir uns nicht auf den Weg machen... Doch das muss nicht so sein.
«So muss seelische Harmonie sich entwickeln, die durch die Sache selbst gefordert wird: wenn jeder Mensch für sich handelt, so entstehen Disharmonien. Wenn auf unserem Gebiet die einzelnen Menschen, die aus diesem oder jenem heraus wirken, nicht zusammengehen, sich nicht zusammenfinden, so entsteht gar nicht Anthroposophie innerhalb der Menschheit. Anthroposophie erfordert als Sache wirklich menschliche Brüderlichkeit bis in die tiefsten Tiefen der Seele hinein. Sonst kann man sagen: ein Gebot ist die Wirklichkeit. Bei Anthroposophie muss man sagen: sie wächst nur auf dem Boden der Brüderlichkeit; sie kann gar nicht anders erwachsen als in der Brüderlichkeit, die aus der Sache kommt, wo der Einzelne dem Anderen das gibt, was er hat und was er kann.» (Steiner) 6)
«Das ist das Geheimnis des Fortschritts der zukünftigen Menschheit, aus Gemeinschaften heraus zu wirken ... Der Zukunft obliegt es, wieder Bruderschaften zu begründen, aus den höchsten Idealen der Seele heraus.» (Steiner) 7)
«Alle früheren Gruppenseelen waren Wesenheiten, die den Menschen unfrei machten. Diese neuen Wesenheiten aber sind vereinbar mit der völligen Freiheit und Individualität der Menschen.» (Steiner) 5)






GEHEIMNIS GEMEINSCHAFT


Dass die Soziale Frage von der religiösen als untrennbar angesehen wird, schimmerte bisher immer wieder durch.
Der Erkenntnis-Kultus findet sein DU im «Aufwacherlebnis am Anderen» (Steiner) 8) ergreift letztlich das ganze Leben, das alltägliche Handeln und wird so schon heute zum «Sozialen Kultus». 9)
Werden wir auch für einen "freien" und spirituell anthroposophisch vertieften Kultus eine Form finden, die ihm Gemeinschaftsschale, Boden, ja Nährboden sein kann?
Folgend können nur Bausteine zusammengetragen werden. Eine Sammlung die unvollständig und unsortiert ist - ein Anfang und vor allem ein Aufruf, den Boden zu bearbeiten! 11)

Der Weg zur Geistigen Welt um uns, zu Christus im Bruder ist meist noch weit. Ohne den Bruder aber finden wir nicht den Christus.
« Wir haben den anthroposophischen Sozial-Impuls als den christlichen Impuls für unsere Zeit kennen gelernt. «Wer nicht an den Menschen in jedem Menschen glaubt, der glaubt heute in Wahrheit nicht an den Christus.» (Sigmund von Gleich) 12)
Dreigliederung ... Dieser Impuls ist, wie sich bereits an verschiedenen Stellen zeigte, ein manichäischer ... den man nur gehen kann, wenn einem die Frage «Was fehlt dir, Bruder?» im Herzen brennt ...

«... dass das Soziale die Fortsetzung der Verchristlichung der Erde ist, die mit dem Mysterium von Golgatha ihren Anfang genommen hat; dass das Christus-Prinzip nur im Sozialen walten kann und darum die Erlösung der Erde von unserem sozialen Wirken abhängt ...» (Steiner/Brüll) 13/14)

«Ich kann nur helfen, wenn ich gewillt bin, im Bruder den Helfer und in mir selbst den Hilfe-Empfangenden zu erblicken. Wenn ich ihm helfe, wird mir Hilfe zuteil. Wenn ich ihn leite, wird er mich führen. Wenn ich ihn speise, wird mir selber Brot gereicht. Dann erst ist das Wort des Evangeliums auf dem Wege Wirklichkeit zu werden, das sagt: " Was ihr getan habt einem unter diesen meinen geringsten Brüdern, das habt ihr mir getan."» (König) 15)
«Was uns geschichtlich vorwärts bringen wird, das ist nicht so sehr die Wahrheit unserer Verkündigung und nicht einmal so sehr die Weihekraft unserer Gottesdienste, als das Wirklich-Werden einer Gemeinschaft ...» (Rittelmeyer) 16)




Wohin ?

Gibt es denn in unserer Zeit Orientierungspunkte für neue Wege, für eine anthroposophisch-sakramental handelnde, dreigliedrig geformte und soziale Gemeinschaft ?
Gemeinschaft als Sozial-Kunst,
Gemeinschaft als religiöser Akt,
Gemeinschaft getragen durch die Erkennnisse einer Einweihungs-Wissenschaft ?
Hier würden gleichzeitig die Aufgaben der Anthroposophischen Gesellschaft ergriffen:
die Wiedervereinigung von Wissenschaft - Religion - Kunst... : Re-ligo 29)

In der tiefsten Nacht fanden sich Verfolgte einer "von allen guten Geistern verlassenen" Zeit in den stürmischen Bergen Schottlands. So dunkel es draußen war, in ihnen brannte ein Licht, dass eine neue Zeit entflammte. Aus der Hölle der "Blut- & Boden"-Ideologie nationalsozialistischer Gruppenseele retteten sich aus alt-weisheitsvollen Impulsen Gemeinschaftsideale einer scheinbar schon vergangenen und verlorenen Saat (Zinzendorfs, Comenius, Owens und Rudolf Steiners) und ermöglichten die erlösende Auferstehungs-Tat urielischer Gemeinschaft durch Karl König und seine Mitstreiter.

«In den Gesprächen mit Alfred Heidenreich ... stand noch die Gestalt eines Ordens vor Königs Seele:
die weltliche, spirituelle Kraft Camphills in ihrem Streben nach der -von Rudolf Steiner so genannten- kosmischen Kommunion als Gefäß für die Sakramente zu gestalten und umgekehrt der Einsetzung der Sakramente einen schützenden irdischen Ort zu bereiten.» 30)

Hier findet sich ein Impuls, der die Dreigliederung auch für kommunitäre Formen einführte, dessen Wurzeln selbst der Dreiheit entspringen, und der all die Erkenntnistiefen der Anthroposophie für seine Ausformung nutzen konnte bzw. wollte, 31)
und den man - schaute man ihn religionssoziologisch an - als ein Ordens-Impuls bezeichnen würde ... als ein heilendes und heiliges Licht aus michaelisch-urielischer Quelle.

Würde sich aus diesem - dann doch wieder versunkenen - Impuls doch noch ein Boden finden, der auch Nährboden für -ggf.- einen neuen, freien, allgemein-priesterlichen Sakramentalismus sein könnte ?
Wir werden uns dem Licht seiner Leitsterne zu nähern haben ...






L E R N E N + B E T E N + A R B E I T E N


Der Impuls Karl Königs als Grundlage
mesosozialer, kommunitärer Dreigliederung



«Lernen, beten, arbeiten» ...
...das waren und sind die «Drei Säulen» Camphills.

Hier klingt das « ora (Gebet) et lege (Studium) et labora ( [soziale] Arbeit ) » 36) der alten Mönche deutlich herüber, das hinübertönt in die notwendigen Zukunftsimpulse der Sozialen Dreigliederung, die uns Steiner vermittelte.
Doch als "Bruderschaft" verwirklichte sich Karl Königs Impuls
nach außen hin nicht: «Camphill» ist kein «Orden» geworden.
Das hätte zu viele Missverständnisse herbeigerufen, aber das lag auch an den Zeit- und Kraftverhältnissen und auch an der alles -und zu sehr?- dominierenden Persönlichkeit Karl Königs selbst. Doch sein Impuls, sein Streben danach sind Realitäten, geistige und irdische. Seine «Zukunftsvision» legte Keime in die historische Entwicklung sozialer Wege, die Ausgangspunkt für notwendige
neue Wege sozialer Gemeinschaft aus anthroposophischer Erkenntnis und -Spiritualität sein werden. 37)
Hans Müller-Wiedemann deutet diesen "Ordens"-impuls im Kapitel «Der Weg zur sozialen Gestalt Camphills» in seinem Buch «Karl König» an. 38) Dieter Brüll ergänzte dies und bestätigt die Priorität des religiösen Sozial-Impulses bei Karl König: 39)

« Wie ernst es König mit dem Sozialen war, zeigte sich an einem Wort, das er bestimmt nicht mir allein anvertraute. Auf meine Frage, worauf es ihm ankomme, auf das Heilpädagogische oder das Soziale, antwortete er klipp und klar: auf das Soziale. Er fügte noch hinzu: 'Wir waren eben Heilpädagogen und Ärzte. Wären wir Lehrer gewesen, hätten wir eine soziale Schule gegründet. Irgendwie muss man ja, um das Soziale tun zu können, an seine Existenz kommen.' - Dahinein passt auch folgendes Geschehnis. Eines Morgens trat König in den Kreis seiner Getreuesten und erzählte ihnen von einer nächtlichen Begegnung mit Rudolf Steiner. Der habe zu ihm gesagt: 'Weißt du, was du da heilpädagogisch machst, das ist ja alles gut und nett. Aber das, was du auf sozialem Gebiet machst, das ist wichtig.' » (Brüll) 40)

« Dass die geschichtliche Entwicklung andere Wege gegangen ist, (der heilpädagogische Impuls überlagerte immer mehr den sozial-religiösen -VDL) ... ändert nichts an der Bedeutung dieses frühen, von König initiierten Schrittes, insofern in ihm Keime zukünftiger sozialer Kulturgestaltung für einen historischen Augenblick - vielleicht zu früh - zu Tage getreten sind. » (Müller-Wiedemann) 41)

Urielische, der Jahrhundertwende gemäße Gemeinschafts-Bildung -"Bruderschaft"- ist notwendig und eine Forderung unserer Zeiten-Wende, der sich gerade eine Kultus tragen wollende Gemeinschaft stellen muss.
Was heißt und bedeutet eigentlich "Bruderschaft", "Orden"?

Obwohl die alten Begriffe und Strukturen nicht mehr zutreffend sind ( «Alle früheren Gruppenseelen waren Wesenheiten, die den Menschen unfrei machten. Diese neuen Wesenheiten aber sind vereinbar mit der völligen Freiheit und Individualität der Menschen. » [Steiner, s.o.] ) werden heute immer noch die alten "Ordens"-Schreckgebilde benutzt, um neue, nötige Wege abzulehnen - als "Ausrede", weil die Gefahr droht, persönlich in die Pflicht genommen zu werden?

Was hatte sich Karl König darunter vorgestellt ? Das Wenige was uns übermittelt wird, lässt doch etwas davon erahnen, und kann auch für unser Suchen Wegweiser sein.

Im oben Erwähnten kommt schon deutlich zum Vorschein, dass Karl Königs Gemeinschafts-impuls nicht ein heilpädagogischer, sondern ein sozial-religiöser, und damit ein für Gemeinschaftsgestaltungen grundsätzlicher war:
« Er erzählte mir von seinen Zukunftsvisionen: So tief und persönlich seine Liebe und seine Ehrfurcht gegenüber dem seelenpflegebedürftigen Kind war, so strebte er die notwendigen heilpädagogischen Einrichtungen nicht nur als Zweck in sich selbst an.
Gemeinschaften im Geiste der Anthroposophie Rudolf Steiners sollten einmal Inseln werden, in denen das Leben des Geistes die Katastrophen, welche am Ende des Jahrhunderts die Menschheit von allen Seiten überwältigen werden, überleben kann. » (Heidenreich) 42)
« Bisher hat die Camphill-Bewegung eine zentrale Aufgabe gehabt: die Heilpädagogik. ... Doch ist dies nicht unser einziges Ziel. Andere Aufgaben liegen noch im Schoß der Zukunft und werden uns mit der Zeit aufrufen, ihre Ansprüche zu erfüllen. Die Camphill-Bewegung ist jung genug, um noch viele Jahre der Arbeit vor sich zu sehen. Ich sehe voraus, dass es noch auf vielen Gebieten menschlichen Bemühens Aufgaben geben wird. Wir sollten nicht zu viel erhoffen, aber uns auch nicht zu enge Grenzen setzen.» (König) 43)
« Es ist jetzt unsere Aufgabe in Europa, eine christliche Infrastruktur zu gründen: überall kleine und größere Einrichtungen zu schaffen, wo intensiv geistig geübt und gearbeitet wird. Dann haben wir die Grundlage geschaffen für unsere Zukunft in dem großen Geisteskampf, worin wir stehen. » (Lievegoed) 44)

Denn :
« Das ist das Geheimnis des Fortschritts
der zukünftigen Menschheit,
aus Gemeinschaften heraus zu wirken ...
Der Zukunft obliegt es,
wieder Bruderschaften zu begründen,
aus den höchsten Idealen der Seele heraus. »
(Steiner) 45)
und darauf antwortete König: 46)
« Heute kann man gemeinsame Aufgaben und Missionen nur erfüllen,
wenn man in spirituellen Gemeinschaften lebt. »

« In den Gesprächen mit Alfred Heidenreich, welche der erwähnten Verabredung vorausgingen, stand noch die Gestalt eines Ordens vor Königs Seele:
Die weltliche, spirituelle Kraft Camphills
in ihrem Streben nach der - von Rudolf Steiner so genannten -
kosmischen Kommunion
als Gefäß für die Sakramente zu gestalten
und umgekehrt der Einsetzung der Sakramente
einen schützenden irdischen Ort zu bereiten
. »
(Müller Wiedemann) 47)

« Die Geburt Christi ist der Neubeginn der Schöpfung. Das Mysterium von Golgatha ist das Ende der alten Welt. Von Ostern zu Weihnachten geht der Weg.
Menschen, die sich dazu bekennen, sollten sich vereinigt fühlen,
in einem neuen Orden,
dem Orden der christlichen Güte.
...

Die Gemeinschaft und ihre Mitglieder fühlten sich als Träger von Aufgaben, die dazu beitragen sollten,
die Werke Christi auf Erden Wirklichkeit werden zu lassen.
Jedes einzelne Mitglied sollte erlernen, in diesem Sinne als Helfer und Diener zu wirken.
Der Bibelabend und die Kinderhandlungen sowie die Jugendfeier, die Rudolf Steiner für die Waldorfschulen gegeben hatte, vor allem aber jene Handlung, die Rudolf Steiner für die Lehrer und die älteren Schüler der Waldorfschule inauguriert hatte, die Opferfeier, aber auch die regelmäßigen Begegnungen der Mitglieder der Gemeinschaft waren die immer wiederkehrende Manifestation dieses Auftrags im Leben der ganzen Einrichtung. » (König) 48)

« Die Sonntagshandlung für die jüngeren Kinder, die Jugendfeier, die Kinder-Weihnachtshandlung und die Opferfeier, die von Rudolf Steiner gegeben worden waren, sind für König von Anfang an als sakramentale Form Ausdruck der Anthroposophie gewesen.
In den frühen Zeiten Camphills
besiegelte der Entschluss der Teilnahme an der
Opferfeier die Mitgliedschaft in der Gemeinschaft
.
Es drückte sich darin auch aus, dass König
die irdische Tätigkeit der werdenden Gemeinschaft als einen sakramentalen Dienst auffasste ....
Ein entscheidungsberechtigtes Mitglied der Gemeinschaft ist verpflichtet zur Teilnahme am Bibelabend und den regelmäßigen Begegnungen in der Sphäre der Gemeinschaft sowie zur aktiven Anteilnahme an anderen Pflichten, als da von König beschrieben worden sind: 'die Arbeit, die Devotion und die innere Arbeit (Schulung)'. Mitgliedschaft ist kein Privilegium, sondern ein Dienst. » (Müller-Wiedemann) 49)

« ... wenn wir Anthroposophen wirklich dazu kommen, uns im Innersten so zu bemühen, wie es die Protestanten tun, indem wir nicht nur die Meditation befolgen, die uns das Ruhen in einem gegebenen Inhalt gibt, sondern das Gebet wieder aufnehmen und beginnen, um Glaube, Hoffnung und Liebe, das heißt um Christus in uns zu ringen, Seine Allgegenwart zu spüren im eigenen Herzen, nicht nur in der uns umgebenden Welt. Wenn wir aufhören, Vertreter einer nur christlich-sein-wollenden Wissenschaft zu sein, also doch Wissenschaftler, sondern auch "Protestanten". Protestanten für uns, Anthroposophen für die Welt, Ringende um Christus in unserer Seele, Verkünder des Christus in der Welt.» (König) 50)



« Überblickt man die in diesem Kapitel 51) geschilderten Entwicklungen auf dem Wege zu einer sozialen Gestalt Camphills, so kann deutlich werden,
dass hier durch die soziale Gestaltungskraft Königs die im Templerorden noch wirksame kosmisch-ätherische Substanz, aus welcher Regeln und das Leben der Templer geflossen sind, umgewandelt wird in einen größeren Organismus, in dem jeder in allen einzelnen Bereichen teilhaben kann. Der trinitarische Grundstein der sozialen Bausubstanz dieses Organismus, der bei der Weihnachtstagung 1923/24 durch Rudolf Steiner gelegt wurde, tritt deutlich in Erscheinung und wird auch in der Zukunft in den Impulsen Königs leben. » (Müller-Wiedemann) 52)

An einen gemeinsamen Weg mit der «Christengemeinschaft» war anfangs noch gedacht. Die spirituell und sozial auseinander laufenden Intentionen beider Gemeinschaften machten dies nicht möglich :
« Sollte es sich dabei vielleicht um ein Wiederaufleben des uralten Kampfes um die Selbstständigkeit der Orden gehandelt haben? » (Brüll) 53)
Die Grenzen einer "Religionsgemeinschaft" (selbst einer «erneuerten») waren für Königs Visionen zu eng. Er ergriff freiere Wege: den Umkreis der «Opferfeier». Damit sind die Wege nicht zu Ende. Mit den von Rudolf Steiner gegebenen freien, erneuerten Sakramenten, fände die Opferfeier ihre -not-wendige- Vollkommenheit im Siebenerkreis der Ganzheit der Sakramente, in dem sie als (Messe-) Mittelpunkt steht und hineingehört.

Damit wäre dann auch ein kommunitärer, autonomer, anthroposophisch-sakramentaler Weg für mesosoziale Gemeinschaften gegeben und möglich, wie ihn Karl König schon zu Beginn seines Weges als wichtig erkannte. Wege, die aufgreifbar sind, auch wenn es unvollendete Gestaltungen sind (wie alles was lebendige Form sein will), die auf die Harmonie ihrer Gesamtheit warten...

Um der Frage nach einer zeitgemäßen "Bruderschaft" am Beispiel Camphills nachzugehen, finden wir die Sphären des LERNENS und ARBEITENS vorbildhaft ausgestaltet. Was heute in Camphill mehr im Verborgenen und behüteten Raum stattfindet und deshalb wenig an das öffentliche Bewusstsein dringt, ist die Sphäre des BETENS, wie auch die Existenz und Verbindlichkeit der "Regeln" der Gemeinschaft. Die Einheit der Siebenheit der Sakramente wurde in Camphill nicht hergestellt. So wie der "Bruderschafts-Impuls" blieb auch der sakramentale auf dem Weg zurück.
Mit dem -Camphill tragenden- Inneren Kreis hat Camphill jedoch faktisch eine Bruderschaften typische Verbindlichkeit und durch die Anthroposophie und die Camphill spezifischen religiösen Gestaltungen auch ihre eigene Spiritualität.
Auf dem Weg ... auf der Suche
nach einem neuen Gemeinschaftsgefäß,
das neuen allgemein-priesterlich-sakramentalen, christlich-brüderlichen Wegen gemäß ist,
wird Karl Königs Impuls ganz gewiss ein ganz wesentlicher sein.
Was sagt nun Karl König selbst, über die Leitsterne seines Impulses ? :







DIE DREI LEITSTERNE


DAS IST DER AUFTRAG,
DEN JCH EUCH GEBE ...

DIE KOMMUNITÄRE DREIGLIEDERUNG

Karl König - 54) :




Der erste Leitstern

Der erste Leitstern ist die
« S c h u l e . u n i v e r s a l e r . W e i s h e i t »,
von der Amos Comenius vor dreihundert Jahren träumte. ... Die Camphill-Bewegung will niemals eine anthroposophische Gruppe oder Gesellschaft sein. 55) Es ist nicht ihre Aufgabe, Geisteswissenschaft zu verbreiten, aber es ist ihre Aufgabe, von der Anthroposophie durchdrungen zu sein.

Wir versuchen immerzu, Geisteswissenschaft in unsere Arbeit einfließen zu lassen, damit deren Resultate Zeugnis von der Wahrheit der ANTHROPOSOPHIE ablegen.

Wir müssen lernen, Anthroposophie in der richtigen Weise zu studieren. Ich meine nicht das persönliche Studium von Büchern und Vorträgen; das ist die Sache jedes einzelnen Menschen, der sich immer mehr und mehr mit der Geisteswissenschaft bekannt machen will. Die Aufgabe der Bewegung ist es, Anthroposophie so zu einem gemeinsamen Erlebnis werden zu lassen, dass es immer neues geistiges Ereignis wird.




Der zweite Leitstern

Der zweite Leitstern der Camphill-Bewegung ist der Versuch von Zinzendorf, einen
c h r i s t l i c h e n . O r g a n i s m u s
aufzubauen.

... Aber die Camphill-Bewegung hat nicht die Absicht oder den Wunsch, sich zu einer Sekte zu entwickeln. Sie sollte daher nicht als eine sektiererische Gemeinschaft angesehen werden, davon ist sie weit entfernt. Aber für die Camphill-Bewegung ist das Christentum ein unentbehrlicher Teil ihres Lebens und ihrer Arbeit; sie wirkt aus dem Christentum und nicht für das Christentum. Daher ist sie nicht eine Organisation, die den christlichen Glauben verbreiten will. Denjenigen, die in der Camphill-Bewegung oder für die Camphill-Bewegung arbeiten, steht es völlig frei, Mitglieder irgendeiner Kirche, einer Gruppe oder Gesellschaft zu sein, wenn sie es wollen. Die Camphill-Bewegung ist keines von alledem. Sie ist ein Versuch, ein Impuls, eine Gemeinschaft von Menschen, die zusammen für ein geistiges Ziel leben und arbeiten.
In unserem christlichen Lebensbereich ist das wesentlichste Mittelpunkts-Ereignis der
BIBELABEND, der sich, in der Sphäre der pansophischen Ideale, mit der Konferenz vergleichen lässt. Jeden Samstagabend kommt jede Hausgemeinschaft zusammen - wo und was ihre Arbeit auch sein mag -, um den Sonntag vorzubereiten. Die Mitglieder der Hausgemeinschaft versammeln sich um einen Tisch, halten ein einfaches Bruder-Mahl, sprechen über die Ereignisse der letzten Woche und wenden sich dann dem Teil des Evangeliums zu, der am Sonntag vom Altar verlesen wird. Von jedem wird erwartet, dass er sich während der Woche auf den Bibelabend vorbereitet, und wem es möglich ist, der sollte dann seinen Freunden die Erfahrungen mitteilen, die er machte, als er das Evangelium las und darüber nachdachte.
Diese regelmäßigen wöchentlichen Zusammenkünfte lassen ein starkes und intimes Band unter den Mitarbeitern entstehen. Sie begegnen sich auf einer höheren Ebene als Brüder und Schwestern. Keiner zeichnet sich durch etwas anderes aus als durch seine Liebe zu Christus und zu seinen Mitmenschen, die mit ihm aus dem gleichen Grund um den gleichen Tisch sitzen. So vereint der Bibelabend die einzelnen Hausgemeinschaften jede Woche von neuem, und was es auch für Schwierigkeiten unter den Mitgliedern einer Hausgemeinschaft gab - nun sitzen sie zusammen bei Tisch und wenden ihre Seelen dem gleichen Ziele zu. Sie begegnen sich neu im wahren Licht des Geistes.
Es ist sehr wichtig, dass sich in der ganzen Bewegung jeder täglich mit dem EVANGELIUM beschäftigt. Daraus ergibt sich eine gemeinsame innere Aufgabe, aus der man Kraft und Sinn schöpft. Es ist eine Übung für die Konzentration und den Mut, dass so viele von uns versuchen, ihre Gedanken über den wöchentlichen Abschnitt aus dem Evangelium zu formulieren, um darüber am Bibelabend zu sprechen.
Durch diese Bemühungen sind die
SONNTAGSHANDLUNGEN (wozu auch die OPFERFEIER gehört -VDL) für Kinder und Jugendliche gut vorbereitet. Der Text dieser Handlung wurde von Rudolf Steiner der ersten Waldorfschule in Stuttgart gegeben und ist seither in vielen Rudolf-Steiner-Schulen angewendet worden, für die normalen wie für die zurückgebliebenen Kinder. Diese Handlungen sind ein wesentlicher Bestandteil der Bewegung geworden, da wir die tiefe und dauernde Heilkraft erfahren haben, die sie in den Kindern erzeugen. Denn ihre Seelen sehnen sich nach einem wirklich religiösen Inhalt, und sie nehmen ihn jeden Sonntag mit Andacht auf. Jedes Kind, auch wenn es zurückgeblieben und gestört ist, kann mit seinem Herzen dem Inhalt der Handlung folgen. Der Bibelabend als Vorbereitung für Lehrer und Helfer trägt sehr dazu bei, diesem Akt der christlichen Andacht Kraft zu verleihen. Durch den Bibelabend und durch die Sonntags-Handlung nähern sich Kinder und Erwachsene dem zentralen Ereignis des Erdendaseins: dem Mysterium von Golgatha.
Mit dem Bibelabend versuchen wir am Sonn-Tag in eine innere Kapelle einzutreten. Am Saturn-Tag abends öffnen wir ihre Türe, durch die wir die Kinder am folgenden Morgen hineinführen. Ihre Begegnung mit der immer währenden Kraft des Christus - Seinem Licht und Seiner Liebe - bestärkt sie und auch uns. Wir alle nehmen teil an einem wirklichen Geschehen und nicht nur einer Erinnerung; denn wir gedenken nicht nur der Taten und der Christus-Wesenheit, sondern wir verbinden uns mit ihr und leiden mit seiner ewigen Gegenwart.
Seine Worte: «Ich bin bei euch alle Tage bis ans Ende der Welt», sind für viele von uns eine wachsende Erfahrung.

So wie sich die Konferenz zu Gruppen und Studiengruppen erweitert hat, so erstrecken der Bibelabend und die Sonntags-Handlung ihre Substanz und Kraft noch weiter: in die regelmäßigen MORGEN- und ABENDGEBETE mit den Kindern, das TISCHGEBET vor jeder Mahlzeit, der GESANG am Sonntagmorgen und andere solche BRÄUCHE. Wesentlich sind auch die Vorbereitungen für die JAHRESFESTE und die große Sorgfalt, die auf ihre Gestaltung verwendet wird. Die Kinder werden durch die Adventszeit zur Weihnacht geführt und durch die Fastenzeit zum Osterfest. Viele Wochen hindurch hören sie die entsprechenden Geschichten, Legenden und Märchen; sie malen und modellieren solche Dinge, die Herz und Sinn mit der Bedeutung der Feste erfüllen können. BESONDERE SPIELE werden von den Mitarbeitern für Michaeli, Weihnachten, Ostern und Johanni vorbereitet und einstudiert. Kinder, Jugendliche und Erwachsene nehmen an diesen Aufführungen teil, die jedem Fest einen besonderen Charakter geben und tief in die einzelnen Seelen hinein wirken. Deshalb sind die Spiele nicht so sehr künstlerische Aufführungen als Akte des Glaubens, die man mit den «Mysterien-Spielen» vergleichen kann, wie sie in den Kirchen im Mittelalter aufgeführt wurden. Sie gehören zu jener Sphäre, deren Mittelpunkt der Bibelabend ist.

Diese Sphäre ist jedoch erfüllt von den Offenbarungen, die Rudolf Steiner über das Mysterium von Golgatha gegeben hat. Er schuf ein neues Verständnis für die Christus-Taten, er lehrte uns die Worte des Evangeliums in einer neuen Weise zu verstehen und erklärte ihre Bedeutung so, dass der moderne Mensch ihr folgen kann. Rudolf Steiner hat nicht nur die pansophische Ideale von Comenius verwandelt; er hat auch die inbrünstige «Imitatio Christi» des Zinzendorf mit einer neuen Christus-Erkenntnis durchdrungen.

Wir halten fest an seinen Worten:
«Wenn Sie den Geist der Anthroposophie wirklich aufnehmen, so werden Sie finden, dass die Anthroposophie gerade das Menschenohr und das Menschenherz und die ganze Menschenseele wiederum für das Geheimnis Christi öffnen wird.
Das Schicksal der Anthroposophie möchte dasjenige des Christentums zugleich sein.»




Der dritte Leitstern

Der dritte Leitstern, der über Camphill und der Bewegung leuchtet, ist der Versuch einer
n e u e n . w i r t s c h a f t l i c h e n . O r d n u n g
von Robert Owen.

... Hier kann uns wiederum ein grundlegender Hinweis Rudolf Steiners Führung und Richtung geben. Er sagt :
'Wenn ein Mensch für einen Anderen arbeitet, dann muss er in diesem Anderen den Grund zu seiner Arbeit finden; und wenn jemand für die Gesamtheit arbeiten soll, dann muss er den Wert, die Wesenheit und Bedeutung dieser Gesamtheit empfinden und fühlen. Das kann er nur dann, wenn diese Gesamtheit noch etwas anderes ist als eine mehr oder weniger unbestimmte Summe von einzelnen Menschen. Sie muss von einem wirklichen Geist erfüllt sein, an dem ein jeder Anteil nimmt. Sie muss so sein, dass ein jeder sich sagt: sie ist richtig, und ich will, dass sie so ist.'

Die Gesamtheit muss eine geistige Mission haben;
jeder Einzelne muss beitragen wollen,
dass diese Mission erfüllt wird.
Heute kann man gemeinsame Aufgaben und Missionen nur erfüllen,
wenn man in spirituellen Gemeinschaften lebt.

... So offenbart sich das innerste Geheimnis aller Arbeit :
Es ist LIEBE und nichts als endlose Liebe. Es ist die Liebe und Barmherzigkeit, von der Paulus in den Korintherbriefen spricht.




In der Bewegung hoffen wir auf ein pansophisches Ideal, das durch die Anthroposophie erneuert wird. Wir glauben an die Taten Christi und an das Mysterium von Golgatha. Wir arbeiten und erkennen immer mehr, dass der innerste Kern der Arbeit Liebe ist. ...

L E R N E N
Durch das Studium der gesamten Anthroposophie in allen ihren Aspekten trägt die Camphill-Bewegung dazu bei, dass die «Schule der Weisheit» von COMENIUS «Pansophia» erbaut wird.

B E T E N
Indem die Camphill-Bewegung versucht,
ein christliches Leben zu führen, die christlichen Feste als heilige Regelung der Jahreszeiten
(und eine eigene religiöse Feier [Opferfeier] -VDL) einzuhalten und den Christus-Geist als wahres Licht jeder Menschengemeinschaft zu erkennen, möchte sie den Weg der «Nachfolge Christi» von ZINZENDORF gehen.

A R B E I T E N
Durch die tägliche Arbeit an der Realisierung des sozialen Hauptgesetzes hilft die Camphill-Bewegung, OWEN
«Allumfassende Barmherzigkeit» zu verwirklichen.

So werden wir innerhalb der Bewegung
Brüder auf dem ökonomischen Gebiet, wir sind alle gleich am Tisch des Bibelabends und wir erreichen unsere Gedankenfreiheit in der Konferenz.
Wir teilen unsere Arbeit brüderlich, wir sind alle gleich vor dem Angesicht Christi und wir sind freie Individualitäten, wenn wir Anthroposophie erarbeiten.

So versuchen wir, wahre Menschen zu werden,
damit wir der Menschheit dienen dürfen.

(Karl König)






Doch will ich euch den Weg weisen,
der höher als alle Anderen ist:
Wenn ich mit Menschen- und mit Engelzungen redete:
bin ich aber ohne Liebe,
so bleibt mein Sprechen wie tönend Erz
und eine klingende Schelle.
Und wenn ich die Gabe der Prophetie besäße
und wüsste alle Mysterien und alle Erkenntnisse
und hätte dazu die Kraft des bergeversetzenden Glaubens:
wenn ich ohne Liebe bin,
so bin ich nichts.
Und wenn ich alles, was mein ist herschenkte
und schließlich sogar meinen Leib hingäbe zum Verbrennen:
bin ich aber ohne die Liebe,
so ist alles umsonst.
Die Liebe macht die Seele groß.
Die Liebe erfüllt die Seele
mit wohl tuender Güte.
Die Liebe kennt keinen Neid,
sie kennt keine Prahlerei,
sie lässt keine Unechtheit aufkommen,
die Liebe verletzt nicht,
was wohlanständig ist,
sie treibt die Selbstsucht aus,
sie lässt nicht die Besinnung verlieren,
sie trägt niemandem Böses nach,
sie freut sich nicht über Unrecht,
sie freut sich nur mit der Wahrheit.
Die Liebe erträgt alles,
sie ist stets zu gläubigem Vertrauen bereit,
sie darf auf alles hoffen
und bringt jede Geduld auf.
Die Liebe sei euer Weg und euer Ziel.

( Der erste Brief des Paulus an die Korinther, Kap. 13,1-7 / 14,1
in der Übersetzung von Emil Bock )




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EXKURS - Blick auf Karl König


In diesem Beitrag wurde vielleicht deutlich, dass jeder kultische, bzw. sozial-religiöse Impuls - will er Erdenrealität werden - eine ihm gemäße Form braucht. Beide - Inhalt und Form - bedingen und beeinflussen sich gegenseitig. Suchen wir nach einem weiterschreitenden Kultusprinzip, wird sich dieses vor allem in einer neuen Form offenbaren und damit auf seine Zukünftigkeit hinweisen - denn der Kultus-Text ist ja insgesamt kein ganz neuer. Auch die «Kirche» «Die Christengemeinschaft - Körperschaft des öffentlichen Rechtes» benutzt größtenteils diese Texte, und ist doch "etwas ganz anderes"!
Die Leitsterne für die Gemeinschaftsbildung eines freien allgemein-priesterlich-sakramentalen Impulses sind aufgezeigt: Es könnte der sozial-religiöse Impuls Karl Königs sein, der zu einem gewissen Teil sich auch in «Camphill» manifestierte, allerdings nicht so konsequent und radikal wie es Karl König ursprünglich noch dachte.
Warum? So regt sich doch Interesse für die Person Karl Königs und das Bedürfnis ein Licht auf speziell diese Ur-Impulse zu werfen. Dem kommt Hans Müller-Wiedemann mit der Biographie «Karl König» entgegen. 56)
Dieter Brüll konnte in einer Buchbesprechung dieser Biographie das soziale und religiöse Anliegen Königs bestätigen und gleichzeitig die ungewohnte und zumeist unbekannte Seite Königs als Sozial-Revolutionär hervorheben. Brülls sozial geschulter Blick und seine persönliche Freundschaft mit König lässt mit folgenden Beitrag diesen wesentlichen und in der Regel unbekannten Teil des König'schen Impulses aufleuchten, wie man ihn sonst nicht mehr findet 57) :
(Weil ich dabei Brülls Gedanken im Zusammenhang vorbringen möchte, werden sich einige Stellen wiederholen, die schon zuvor Erwähnung fanden.)


(Dieter Brüll:)

Karl König war bereits zu Lebzeiten eine Legende. Wie so mancher Mensch, der wirklich etwas zu bringen hat, trennte er seinen Lebenskreis in Freunde und Feinde: in jene, die königlicher als der König waren und in andere, die "Republikaner". Letztere sprachen gerne (und nicht unbedingt unwohlwollend) vom "Königreich im Norden", wenn sie seine Schöpfung Camphill meinten. Negativ gemeint war der Spruch vom "Zurück ins Mittelalter" oder, genau das Gegenteil, vom verfrühten Sprung in die sechste Kulturepoche, beide vereint in einem "Unzeitgemäß". Gegnerisch-gehässig ist die Charakterisierung von der Sozialstruktur als Ausbeutungssystem und gemein die Aussage, dass in König alt-jüdisch Mondenhaftes wieder heraufkäme.

Schon darum dürfen wir dankbar sein, dass einer der nächsten Mitarbeiter Königs, Hans Müller-Wiedemann, Arzt im Camphill-Heim Brachenreuthe, eine umfängliche wissenschaftliche Biographie mit einer Dokumentation mit einigen hundert Fußnoten vorgelegt hat. Es ist eine erstaunliche Leistung. Da dem Autor die Tagebücher, die König fast sein ganzes Leben führte, zur Verfügung standen, war die Gefahr einer Hagiographie gebannt. König war sehr selbstkritisch. Manchem Märchen blühte deshalb ein unrühmliches Ende. Nirgends gibt es zum Beispiel einen Hinweis darauf, dass König die anthroposophische "Orthodoxie" in Frage gestellt hätte, sogar dort nicht, wo sie die Prüfung und Selbstständigkeit in Bezug auf Steiners Erkenntnisse fordert.

Dass König ein genialer Geist war, zeigte sich bereits in seiner Kindheit und Jugend. Er entwuchs schnell dem kleinbürgerlichen, jüdischen-wienerischen Familienleben durch Fragen und Probleme, die seine Eltern nicht beantworten konnten. Der Gymnasiast war lästig und in Opposition, weil ihn der Stoff nicht befriedigen konnte. Das anschliessende medizinische Studium enttäuschte ihn, weil es die Kernfragen ausklammerte, so sehr, dass er erwog, es abzubrechen und Sozialwissenschaft zu studieren. Damit trat sein zweiter Impuls hervor, der ihn schon als Kind dazu brachte, nur ärmliche Kleider anzuziehen, weil er es nicht besser haben wollte als Arbeiterkinder.
Noch bevor König, knapp neunzehnjährig, den Namen "Rudolf Steiner" und "Anthroposophie" begegnete, findet er aus Selbstbeobachtung des Denkens das Grundprinzip der "Philosophie der Freiheit". Als ihm diese später in die Hände fällt, bricht er nicht, wie die Legende will, in einen Wutanfall aus, weil ein Anderer ihm zuvorgekommen ist, sondern ist "tief und furchtbar erschüttert" (S.41), dass gewissenhaftes Denken die Menschen zum gleichen Resultat führt. Wenn er dann weiterhin die Bedeutung von Goethes naturwissenschaftlichen Werken als Schlüssel für eine wahre Wissenschaftlichkeit erkennt, wird die Lektüre von Steiners Grundwerken zu einem Heimkommen. Er bricht die Karriere, in der ein Professorat in der Embryologie winkte, ab, um einem Ruf Ita Wegmans nach Arlesheim zu folgen.

Das war der Anfang einer Odyssee, auf die uns der Autor jetzt mitnimmt. Trotz der freundschaftlichen Beziehung zu Wegman können es die Alteingesessenen nicht verschmerzen, dass so ein Grünschnabel von 25 Jahren aus eigener Forschung zur Embryosophie spricht. König spürt die Animosität und sucht sich ein eigenes Wirkensfeld. Es wird das heilpädagogische Institut Pilgramshain in Schlesien, wo er auch heiraten wird und durch seine Frau die Verbindung findet zur Herrnhuter Brüdergemeinde. Deren großer Leiter Zinzendorf wird ihm später aus der geistigen Welt zentrale Anweisungen für Camphill geben. - Seine nebenberufliche Praxis bereitet sich bald bis ins nahe Prag aus, aber die menschlichen Verhältnisse in Pilgramshain sind so miserabel, dass König Zweifel kommen, ob ein Institut überhaupt sozial gestaltbar ist. Das mildert den Schmerz, 1936 vor den Nazis nach Wien fliehen zu müssen. Sein Aufenthalt dort sollte nur kurz sein, denn nach dem "Anschluss" 1938 geht die Flucht weiter. Doch hatte die Wiener Zeit lange genug gedauert, um eine Gruppe zumeist junger jüdischer Leute zusammenzuschweißen, die später die gründenden und tragenden Persönlichkeiten von Camphill werden sollten.

Bevor Müller-Wiedemann den Leser ins Exil, das König schließlich in Schottland fand, führt, wächst die Biographie zu einem Höhepunkt: Wie Meyer mit Dunlop, Tautz mit Stein, Meffert mit Mathilde Scholl durchbricht auch er die Grenzen von Geburt und Tod und lässt uns, unterstützt von den Tagebuchnotizen, einen Blick in Königs voriges Leben werfen. Das ist nicht nur mutig, weil man sich schnell den Vorwurf der Spekulation einhandelt, es ist vor allem ein zukunftsträchtiger Schritt bei der Suche nach den Kräften, die in unserer Zeit Einlass begehren.

Im zweiten Teil tritt das rein Biographische zugunsten der Beschreibung von Königs großem Werk, Camphill, etwas zurück. Dessen Ausbreitung und Probleme, seine Leiden und Freuden, seine Strukturierung und seine Geisthelfer lernen wir kennen. Wir begegnen einer christozentrischen Gemeinschaft, in der viele Neuschöpfungen auf wissenschaftlichem und praktischem Gebiet sich entwickeln können.
Wenn König schließlich, 61-jährig, seinen Wohnsitz nach Deutschland verlegt, nach Brachenreuthe über dem Bodensee, dann heißt das vornehmlich, dass damit der Schritt in den Osten getan worden war. Nachdem eine erste Reise in die Tschechoslowakei, trotz Kommunismus, sehr erfolgreich war - der Autor findet dabei wundervolle Worte zum Karlstein und seinem Erbauer, Karl IV., - starb er mitten in der Vorbereitung einer zweiten, 63-jährig, in Brachenreuthe.

Dieser kurzen Inhaltsangabe von Müller-Wiedemanns Buch darf ich eine Bemerkung hinzufügen, die eine Camphillfreundin anlässlich des Todes von Karl König zu mir machte: "Camphill war für seine Bestrebungen zu klein geworden, er musste sterben, um mit den Möglichkeiten für ein breiteres Wirkungsfeld wiederzukommen."

Dem Kenner der anthroposophischen Szene wird bei der Lektüre des Buches nicht entgehen, dass der Biograph bemüht ist, die intern-anthroposophischen Gegensätze zu minimalisieren und zu bagatellisieren. Ein löbliches Bestreben, keine alten Wunden aufzureißen, mag dem zugrunde liegen. Doch bin ich der Meinung, dass solche Rücksichtnahmen nicht in eine Biographie gehören. Und wenn ich jetzt die Gelegenheit einer Stellungnahme nutze, Fragen stelle und Bedenken anmelde, soll es dazu dienen, eine Diskussion herauszufordern, nicht aber die Wertschätzung des Buches zu verringern.

Zwar wird uns mitgeteilt, dass König im Jahre 1935, also 33-jährig, aus der Anthroposophischen Gesellschaft ausgeschlossen wurde, die Begründung, das Warum fehlt aber. Und auch wer die in einer Fußnote genannten Stellen im Nachrichtenblatt aufsucht, wird kaum klug daraus. Das Eigentümliche dieses Ausschlusses ist, dass er außerhalb der eigentlichen Kontroverse stand. (Er soll zu meiner Mutter gesagt haben: "Die Gesellschaftshändel interessieren mich überhaupt nicht"). Er wurde denn auch in einem separaten Beschluss verabschiedet. Was hatte er verbrochen? In seinem "trittsicheren" Brief wandte er sich an Albert Steffen als Vorsitzenden der Gesellschaft und als verantwortlichen Schriftführer des Mitteilungsblattes, um zu protestieren gegen eine Veröffentlichung, in der mit Zitaten aus sekretierten Vorträgen Steiners nicht nur Taten verurteilt wurden, sondern durch diffamierende Urteile über eine Persönlichkeit die "menschliche Würde" und die "Achtung vor menschlichem Dasein" verletzt wurden. Beide Punkte betreffen das Zwischenmenschliche, das Ich und du - den sozialen Impuls von König. Deswegen, und nicht wegen des darauf folgenden Ausschlusses, ist das Geschehen für eine Darstellung der Persönlichkeit Königs wichtig.

Auch im Aufbau Camphills wird König Wege gehen, die, obwohl auf dem Lehrgut Steiners fußend, nicht gerade üblich waren. Die Einsetzung des Bibelabends, welchem gute Worte geweiht sind, ist wohl kaum nur aus dem gläubigen Folgen von Zinzendorfs Anweisung zu erklären. Sie passte in die soziale Struktur, die König vor Augen stand, das heißt, dass in der Arbeitsgemeinschaft, in der Camphillbewegung, nicht der Erkenntnisweg, sondern die Übung und damit der christlich-soziale Weg im Mittelpunkt zu stehen habe. In dieser Beziehung ist nicht unwichtig, dass in Königs frühen Schriften das Wort gefunden worden sein soll, dass der soziale Weg beim Großen Hüter beginnt. - Das meditative Leben war das zentrale Anliegen der Geistgemeinschaft. Zu der Selbstständigkeit, die sich König auch der Gesellschaft gegenüber herausnahm, gehörte auch, dass er bestimmte, wer in Camphill den Klassenstunden folgen durfte. Für solcherlei Vorgehen gab es nicht bei jedem Verständnis.

Anders gewichtet zwar, aber in der Biographie ähnlich behandelt, ist das Zustandekommen und Kündigen des Convenants mit der «Christengemeinschaft» (S. 218 ff.). Die Vagheit des Mitgeteilten verhüllt mehr als sie erklärt. Sollte es sich dabei vielleicht um ein Wiederaufleben des uralten Kampfes um die Selbstständigkeit der Orden gehandelt haben?


Auch intern war Camphill nicht nur ein Galiläa (S. 168 f.). Kein Wort zum Beispiel darüber, dass Camphill-Norwegen gescheitert ist. (Ein zweiter Anlauf nach vielen Jahren hatte Erfolg.) Im Persönlichen trifft man auf viel Bitteres und Unverständliches. Dies gehört zum Bild Königs dazu. In der Biographie fehlen sie oder werden so behutsam angedeutet, dass nur der Kenner von Camphill weiß, um welche Tragödie es geht.

Wenig hören wir darüber, dass König in anthroposophischen Kreisen sehr umstritten ist. Ein gewisser Neid mag mitgespielt haben, wie auch Angst um die eigenen Positionen. Daneben wird ihm das Erforschen von heilpädagogischen und medizinischen Wegen von den Selbstzufriedenen nicht in Dank angenommen worden sein. Das erleben wir ja bis in unsere Tage, es erklärt aber nicht, warum die Feindseligkeit sich über seinen Tod hinaus fortsetzte. Hört man deren Wortführer, dann geht es letztlich fast immer darum, dass König das Soziale getan hat, was wie ein unausgesprochener Vorwurf wirken musste an diejenigen, die wie selbstverständlich ihre Aktivitäten in das gegebene kapitalistische System einordneten oder ihre soziale Ader auslebten, indem sie sich mit der Frage beschäftigten, was Andere zu tun hätten.


Das führt uns zu einem zentralen Punkt. Immer wieder betont Müller-Wiedemann die Doppelgleisigkeit Königs: des therapeutisch-naturwissenschaftlichen und des sozialen Impulses. Während ersterer aber in dem Buch eine deutliche Behandlung erfährt, verliert sich Letzterer etwas in Allgemeinheiten. Was war denn nun eigentlich sozial an Königs Wirken? Gewiss, man lebte nach dem sozialen Hauptgesetz, aber wie waren damals, unter König, die Einrichtungen, die das möglich machten? Wie ging man mit dem Prinzip um, dass sozialer Impuls und Macht sich nicht vertragen? Wie lebte das soziologische Grundgesetz, wie die Dreigliederung in den Heimen und Dörfern? Welche Prioritäten bestimmten das Tun, wenn sich raphaelische und urielische Forderungen widersprachen?
Wie ernst es König mit dem Sozialen war, zeigte sich an einem Wort, das er bestimmt nicht mir allein anvertraute. Auf meine Frage, worauf es ihm ankomme, auf das Heilpädagogische oder das Soziale, antwortete er klipp und klar: auf das Soziale. Er fügte noch hinzu: "Wir waren eben Heilpädagogen und Ärzte. Wären wir Lehrer gewesen, hätten wir eine soziale Schule gegründet. Irgendwie muss man ja, um das Soziale tun zu können, an seine Existenz kommen." - Dahinein passt auch folgendes Geschehnis. Eines Morgens trat König in den Kreis seiner Getreuesten und erzählte ihnen von einer nächtlichen Begegnung mit Rudolf Steiner. Der habe zu ihm gesagt: "Weißt du, was du da heilpädagogisch machst, das ist ja alles gut und nett. Aber das, was du auf sozialem Gebiet machst, das ist wichtig." Das, was mir von einem der Anwesenden erzählt wurde, sollte doch in weiteren Kreisen bekannt und vor allem in Königs Tagebüchern zu finden sein!


Des Öfteren wurde mir später, nach Königs Tod, auf die Frage nach dem Fehlen gewisser sozialer Einrichtungen geantwortet, dass dieser sie nicht gewollt hätte. Das betraf insbesondere die Meso-Dreigliederung, das heißt, die Dreigliederung der einzelnen Heime. Das kommt mir recht verständich vor, denn er hatte Schwierigkeiten mit Formen, die auch die Leitung binden, den Mitarbeitern Rechte geben. Alles sollte offen bleiben, dass die Intuitionen des inneren Kreises ungestört in die Arbeit fließen konnten. Die Form wurde gleichsam durch die gewaltige Formkraft Königs ersetzt - solange er lebte. Trotzdem ist mir keine Äußerung von ihm bekannt, in der er sich gegen die Meso-Dreigliederung wandte. Hätte sie sich gefunden, dürften wir annehmen, dass Müller-Wiedemann sie zitiert hätte, denn er hielt nichts davon.

Die Sache bekommt eine tragische Wendung, nachdem König kurz vor seinem Tod (nach dem Tode Steffens?) mit Dornach Frieden geschlossen hat. Was da ausgehandelt wurde, davon lesen wir wenig, eigentlich nur, dass sich Camphill nun in die Medizinische Sektion fügt. Damit wurde meines Erachtens eine Fehlentwicklung eingeleitet. Nicht weil König Verständigung mit der Anthroposophischen Gesellschaft suchte; dass diese zustandekam, ist erfreulich. Sondern deshalb, weil Königs Mission entsprechend Camphill in die Sozialwissenschaftliche Sektion gehörte. Da die damals ruhte, hätten ja die Heilpädagogen und Ärzte à titre personel die Medizinische Sektion besuchen können. Das hätte auch der Tatsache mehr Recht widerfahren lassen, dass die Dörfer, die Königs ganzes Herz hatten (S. 363), nach dessen ausdrücklichen Richtlinien nichts mit Heilpädagogie zu tun haben, sondern dass dort das religiöse Element die zentrale Hilfe darstellt.

Meine Frage ist eigentlich, ob König die hier angedeutete Gefahr nicht erkannt hat? Ob dieser Schritt tatsächlich so von ihm beabsichtigt war? Und wenn ja, ob er dann nicht ein Gegengewicht beabsichtigte? Es ist gewiss nicht zufällig, dass er in jener Zeit die Föhrenbühl-Zyklen "Soziale Dreigliederung" und "Der Mensch als soziales Wesen und die Mission des Gewissens" (Warum fiel eigentlich bei der Neuauflage des Letzteren der erste Teil des Titels weg?) gehalten hat. Diese Geschichte muss noch geschrieben werden.

Auf die weiteren Schicksale Camphills einzugehen, ist hier natürlich nicht der Ort. Es darf jedoch konstatiert werden - und meiner Ansicht nach als Konsequenz jener Eingliederung - dass nach Königs Tod das Heilpädagogisch-Therapeutische deutlich vorrangig wurde, dass mit dem Wegfallen Königs auch dessen Formkraft, wohinein sich die sozialen Impulse ergießen konnten, verschwand, und das Suchen nach strukturellen Möglichkeiten, um die menschliche Zusammenarbeit zu sichern, hier und da zu traurigen Zuständen und Formen geführt hat. So ist es zum Beispiel für mich sehr die Frage, ob das, was heute als (makro-)soziale "Dreigliederung", die, Camphill zusammenhaltend, präsentiert wird, von König je als Dreigliederung anerkannt worden wäre. ... »

(Dieter Brüll)



Könnten nun heute die Ur-Impulse Karl Königs wieder Leitsterne bilden für eine "Gemeinschaft Freier Christen" ?

Er hat diese für eine zusammenlebende Gemeinschaft geformt. Eine Gemeinschaft die nun nicht zusammenlebt, müßte diese Formen anpassen, wie spezifisch auch immer.
Doch mit dem Impuls Karl Königs, mit den DREI LEITSTERNEN sind Vorbilder, Anknüpfungspunkte, Fundamente für eine Schalebildung einer freien christlichen, allgemein-priesterlich-sakramentalen Arbeit angeboten.
Sterne, die aus der Zukunft den Weg dorthin beleuchten.
Doch Morgen beginnt Heute ...





ER bahnte einen neuen Weg -
darum,
und nur darum
hatte er den Mut,
weiterzugehen
und nicht zu fragen,
ob andere folgten oder auch nur verstanden.
Er hatte kein Bedürfnis
nach dem Schutz gegen Lächerlichkeit,
den andere in geteilter Verantwortung suchen,
- weil er einen Glauben besaß,
der auf Bestätigung verzichtete.

Dag Hammarskjöld




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DIE SAKRAMENTE DER GEMEINSCHAFT


Dieter Brüll hat uns noch mehr "Bausteine" hinterlassen. Und so möchte ich hier - da wir das Thema "Gemeinschaft bauen" einmal aufgegriffen haben - noch einige Bausteine hinzufügen, die für den Bau einer freien christlichen Schale wichtig sind: 1. den Baustein des Sozialen «Sakramentes der Aufnahme in eine Gemeinschaft» und 2. den Baustein des Sozialen «Sakramentes der Aussendung».

Eines muss ein freier, allgemein-priesterlicher Weg, eine Gemeinschaft für eine christliche Erneuerung beinhalten:
Jeder möge der Geringste sein wollen. Allgemeines Priester-Sein muss allgemeines Bruder-Sein werden können. Und das muss sich auch in der Form, in der Verfassung spiegeln. Eine Hierachie - als angebliches Bild geistiger Ordnung - gehört einer vergangenen Zeit an. In Zukunft - und für uns heute - ist der Meister der Diener, der den Seinigen die Füße wäscht; dann haben wir es IHM getan. Daran werdet ihr sie erkennen, dass sie sich untereinander lieben, Bruder und Schwester geworden sind.
Und Christus-Dienst, Kultus kann letztlich ohne Gemeinschaft nicht sein 59), das haben wir nun mehrmals erfahren.
Und so werden auch die, die einen freien, allgemein-priesterlichen Kultus wollten, sich zusammenfinden, um eine dementsprechende Schale zu bilden.


Deshalb darf ich Dieter Brüll noch einmal direkt zitieren 62) :

Zum « SAKRAMENT DER AUFNAHME IN EINE GEMEINSAMKEIT »
« Was eine Gemeinsamkeit ist, habe ich in 'Gemeinschaft und Gemeinsamkeit' beschrieben und fasse es hier nur kurz zusammen. Ich charakterisierte sie dort wie folgt:
' Es geht dabei um das Gegenteil von Zusammenarbeit. Menschen finden sich, die einen Impuls gemeinsam haben. Ein Impuls ist eine konkrete geistige Kraft, die als ein reales Ideal Besitz von ihnen ergriffen hat und dem sie ihr Leben weihen wollen. Diesen Impuls haben sie auch in dem Andern erkannt, und sie treten zusammen zu dem Gelöbnis, dieser Kraft, die sie als ein Höheres, als etwas im Verhältnis zum Menschen Vollkommeneres erleben, die Treue zu halten und einander in diesem Streben zu unterstützen. So bilden sie eine Schale, die das lebendige Wirken dieser Kraft auffängt, Es ist die Form, die dem Geist erst Macht verleiht. - Im Gegensatz zur Gemeinschaft stehen die Gefährten mit dem Rücken zueinander. Jeder steht in seinem eigenen Arbeitskreis. Man braucht einander nur selten zu begegnen. Aber bei jedem Schritt im Leben spürt man die geistige Anwesenheit aller Anderen: mahnend oder helfend, um die Situation im Sinne des Impulses zu meistern.' 63)
Weil man einander nicht bei der Arbeit begegnet, begegnet man auch dem Doppelgänger des Anderen nicht, was heißt, dass das Sich-ineinander-Verkrampfen der Hüllenwesen wegfällt. Hingegen fordert das Instandhalten der Schale, durch die der Geist die Gemeinsamkeitsgefährten speist, dass man selbst und jedem Kreismitglied gelobt, keinen Schritt im Leben zu tun, von dem man nicht der Überzeugung ist, dass alle anderen Kreismitglieder ihn -im Geist!- mitvollziehen können. ...
Wie wichtig dieses Opfer auch ist, es ist gleichfalls nur Vorbedingung. Worum es eigentlich geht, ist, dass die dem Geistselbst, der Sophia geöffnete Schale jenes Mehr als die Summe der persönlichen Möglichkeiten erbringt, das in dem Einzelnen als Sozialvermögen in allerlei menschliche Zusammenhänge fließen darf.» (Brüll) 64)

Nicht ICH, sondern CHRISTUS in uns, in mir, durch mich, in dir !
Eng mit dem «Sakrament der Aufnahme in eine Gemeinsamkeit» ist das
«SAKRAMENT DER AUSSENDUNG»
verbunden, es entsteht als Folge der Aufnahme.
Denn « ... was in der Gemeinsamkeit begnadend empfangen (und auch erarbeitet) ist, ist nicht zur Erbauung der Mitglieder da. Es will gesundend ausfließen in die Gesellschaft ... übernimmt die Gemeinsamkeit als Ganzes die Verantwortung. Sie sendet aus und verpflichtet sich dadurch, geistig die Arbeit der Gesandten nicht nur mitzuvollziehen - das ist ja der Grund ihres Daseins -, sondern diese mit ihren Gebeten oder Meditationen weiterzubegleiten. Die Aussendung hat ein biblisches Urbild. ... Wenn sie dann zurückkehren, zeigt sich, dass Er sie auf ihrem Weg begleitet hat (Lukas 10). So mag auch die Schale, also der Zusammenklang der Mitglieder, hinter und neben den Gesandten stehen, ihre Mission zu unterstützen. Dann können sie 'Lämmer unter Wölfen' sein. ...
Es ist das Mehr, das dem Gesandten mitgegeben wird, und, um der Gerechtigkeit willen, auch das Weniger, das für die Gemeinsamkeit übrig bleibt. Im Sozialen müssen wir absehen von dem trostreichen Gedanken, dass die gute Tat belohnt wird. ... »


Die Frage ist nun, wie das «SAKRAMENT DER WEIHE» diese beiden Aufgaben und Qualitäten in sich vereint, bzw. in sich zu vereinen hat...
(Schauen Sie sich doch diesbezüglich die Fragen zur Weihe in Nur mit Weihe? an und insbesondere den Text selbst der Weihe in der Fassung Rudolf Steiners (siehe Die SAKRAMENTS-TEXTE.)


Wenn Sie sich frei und christlich, anthroposophisch, sozial und kultisch einsetzen wollen, mit diesen Bausteinen an einer Schale für eine Zukunft eines freien christlichen Wirkens, mit Liebe und Bescheidenheit mitbauen wollen, bringen Sie SJCh doch ein, melden Sie sich:
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Du,
der du uns frei geschaffen hast,
der du alles siehst,
was geschieht
- und dennoch des Sieges gewiss bist,
Du,
der du jetzt unter uns der bist,
der die äußerste Einsamkeit leidet,
Du -
der du auch ich bist,
dürfte ich
deine Bürde
tragen,
wenn meine Stunde kommt,
dürfte ich -

Dag Hammarskjöld








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ANMERKUNGEN


1) Rudolf Steiner, GA 257/6, S.116.
2) Rudolf Steiner, GA 257/9, S.167 + S.172.
3) Siehe Kap. «Fundament Gemeinschaft», siehe auch u.a. Steiner « Bruderschaft und Daseinskampf» in GA 54 «Die Welträtsel und die Anthroposophie».
4) Emil Bock, «Michaelisches Zeitalter.
5) Rudolf Steiner, 1.6.1908, Berlin.
6) Rudolf Steiner, «Anthroposophie als ein Streben nach Durchchristung der Welt», 11.6.1922, Wien.
7) Rudolf Steiner, 23.11.1905.
8) Rudolf Steiner, 3.3.1923, GA 257.
9) ...wenn auch "noch" nicht zum «Sozialen Sakramentalismus» Siehe u.a. Dieter Brüll «Der anthroposophische Sozialimpuls», Dieter Brüll «Gemeinschaft und Gemeinsamkeit», Athys Floride «Die Begegnung als Aufwacherlebnis», Rudolf Steiner «Anthroposophische Gemeinschaftsbildung», und das zum Thema Sozialer Kultus grundlegende und einzige Werk «Bausteine für einen Sozialen Sakramentalismus», von Dieter Brüll im Verlag am Goetheanum, s. Kap.«Quellen».
11) Auf Dieter Brülls Buch «Bausteine für einen sozialen Sakramentalismus» darf ich hier besonders hinweisen, vor allem auf das einführende Kapitel «Fünf urielische Betrachtungen»! Ohne diese zu erarbeiten, ist eine Urteilsbildung zur Sozialen Frage nicht möglich.
12) Sigmund von Gleich, «Die Inspirationsquellen der Anthroposophie», Zeist, 1953.
13) Siehe Rudolf Steiner, GA 139/S.175 + GA 129/S.220.
14) Obige Zitate: Dieter Brüll, «Der anthroposophische Sozialimpuls», Novalis-Verlag.
16) Friedrich Rittelmeyer, «Menschen untereinander Menschen füreinander», Verlag Urachhaus.
29) = «wiedervereinen, wiederanbinden»
30) Müller-Wiedemann, in «Karl König» S.220.
31) Karl Königs Impuls führte zur Gründung der heilpädagogischen Bewegung «Camphill». Durch die Institutionalisierung, die zunehmende Größe der Bewegung, aber auch durch die übergroße Persönlichkeit Karl Königs gelang manches, das anfangs aufleuchtete, nicht umzusetzen (siehe unten Kap. «Exkurs - Blick auf Karl König»). Das haben aber große Impulse immer an sich, und zeigt lediglich unser Nachhinken hinter dem von der Zeit Geforderten.
36) In den frühen Zeiten des Mönchstums, das überall durch Benediktus geprägt war, zeigt sich am Tageslauf (ideal fast auf die Minute gleich, siehe z.B. Kloster Leicestershire, Ende 19.Jhdt., Werktag im Sommer) eine fast genaue Drittelung des Tages (die über den Tag verteilten Tätigkeiten zusammengerechnet). Der Benediktiner studierte, las die Bibel etc., arbeitete und pflegte den Gottesdienst und das Beten. Damals wurde Beten und Studieren noch als Einheit aufgefasst und unter dem Begriff «Ora» zusammengefasst, deshalb kursiert dieses Prinzip heute verkürzt als "ora et labora" . Siehe Knowles «Geschichte des christlichen Mönchtums», S.208.
37) ...und zwar für alle sozialen Tätigkeiten.
38) Hans Müller-Wiedemann, «Karl König», Verlag Freies Geistesleben.
39) In seiner Buchbesprechung des Buches «Karl König» von Müller-Wiedemann, in INFO-3, 12/92.
40) Dieter Brüll, «INFO-3», 12/1992, Buchbesprechung zu Müller-Wiedemanns «Karl König» Biographie.
41) Müller-Wiedemann, in «Karl König».
42) Alfred Heidenreich, Nachruf auf Karl König, in Mitteilungen der AG in GB.
43) König, in «Die Camphill-Bewegung».
44) Bernard Lievegoed, «Info-3», 11/90.
45) Rudolf Steiner, 23.11.1905, GA 54.
46) König, in «Die Camphill-Bewegung».
47) Müller-Wiedemann, «Karl König», S.220.
48) König, aus den Memoranden, unveröffentlichte Manuskripte.
49) Müller-Wiedemann, «Karl König», S.217-218.
50) König, Tagebuch.
51) Müller-Wiedemann, «Karl König», Kap. «Der Weg zur sozialen Gestalt Camphills».
52) Müller-Wiedemann, «Karl König», S.236.
53) Dieter Brüll, «INFO-3», 12/1992, Buchbesprechung zu Wiedemanns «Karl König»-Biographie.
54) Folgende Texte dieses Kapitels (bis zum Abschnitt «Exkurs...») zu den Drei Leitsternen sind alle von Karl König, «Die Camphill-Bewegung», Auszüge aus «Die drei Säulen», «Die drei Leitsterne», auch in Zeitschrift «WEGE»
55) Das ist genau die Position, die auch hier im «Bericht...» als autonomer, freier Kreis gegenüber der Anthroposophischen Gesellschaft vertreten wird (siehe insbesondere Kap. «weiter») !! Ein "freier" Weg als "Organisation" (als [z.B.] «Arbeitsgemeinschaft Kultus») bedeutet keinesfalls ein "Weg außerhalb der Anthroposophischen Gesellschaft" und damit "Sektenbildung"; die Mitglieder des Kreises wären -wie eben auch in «Camphill» intensivst "Anthroposophen" und verantwortlich tätige Mitglieder.
56) Hans Müller-Wiedemann, «Karl König», Verlag Freies Geistesleben, Stuttgart, 1992.
57) Dieter Brüll, Buchbesprechung «Karl-König - 1902 bis 1966», Zeitschrift «Info-3», 12/92, S.32-33.

59) Selbst wer "solo" arbeitet, steht als Christ in der Gemeinschaft der Christen. Er wird aber an all dem, was eine (Träger-, Arbeits-) Gemeinschaft an erweiterten Kräften eröffnet, nicht teilnehmen, an den Quellen der Gemeinschaft nicht trinken und sich nicht stärken können. Mancher wird dies nicht brauchen oder wollen. Einfacher haben es jedoch «erhabenen Wesenheiten», wenn sie den Zutritt durch das Tor der Gemeinschaft erhalten. Dennoch ist prinzipiell auch der zu akzeptieren, der den allgemein-priesterlichen Weg ohne verbindliche Gemeinschaft gehen will.
62) Dieter Brüll, «Bausteine für einen sozialen Sakramentalismus», S.157 ff.
63) Dieter Brüll, «Gemeinschaft und Gemeinsamkeit», Verlag Urachhaus.
64) Dieter Brüll, «Bausteine...», S.164ff.
Foto oben: Karl König

aus: «Arbeitsmaterial Zur Kultus-Frage», «TEIL 6 Gemeinschaft bauen»


Manuskript
als privates Arbeitsmaterial nur für den eigenen wissenschaftlichen, nicht öffentlichen Gebrauch, insbesondere gemäß § 53, 2.UrhG. Bitte beachten Sie die bestehenden Urheberrechte an den Texten Karl Königs, Dieter Brülls, Stefan Karls.
Zusammenstellung und Bearbeitung: V.D.Lambertz, Wahlwies.
Michaeli 1999




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Siehe dazu insbesondere auch : Gemeinschaft - praktisch
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