Fragt ein Chassid den Rebbe: Wo wohnt Gott ?
Fragt der Rebbe: Wo wohnt Er nicht ?
Martin Buber




Wer hat Recht?
Judentum - Islam - Christentum ?


Der weise Richter Nathan ermutigt in Lessings Ringparabel
die drei zerstrittenen Brüder
- Judentum, Islam und Christentum -
zu einem edlen Wettstreit um die Wahrheit:
„Wohlan!
Es eifre jeder seiner unbestochnen
Von Vorurtheilen freyen Liebe nach!
Es strebe von euch jeder um die Wette,
Die Kraft des Steins in seinem Ring' an Tag
Zu legen! Komme dieser Kraft mit Sanftmuth,
Mit herzlicher Verträglichkeit, mit Wohlthun,
Mit innigster Ergebenheit in Gott,
Zu Hülf'!"
(siehe unten die ganze Parabel)


Nathans Richterspruch scheint angesichts heutiger Denkvorstellungen, die Religionen als kollisionsgefährdete Konkurrenzunternehmen begreifen und Toleranz auch gegenüber Wahrheitsfragen einfordern, den Religionsfrieden zu gefährden. Nathan bekäm's heute mit Political Correctness zu tun.
Unangekränkelt von derlei Begriffsverwirrungen spricht der aristotelisch-thomistisch geschulte Seminarleiter und Vortragsredner (ca. 150 Vorträge in 2004) Pietro Archiati über ein wenig bemerktes Tabu: Die tiefere Bedeutung der Religionen im Leben eines jeden Menschen. Archiatis Treffsicherheit in Fragen des Denkens wird zunehmend bemerkt: INF03 stellt eines seiner neuen Bücher, Das Geheimnis der Liebe, in eine Reihe mit Martin Bubers Ich und Du und Erich Fromms Die Kunst des Liebens.
Nachfolgender Auszug stammt aus einer Vortragsnachschrift des Autors. Red.





Pietro Archiati


Schauen wir uns jetzt die drei Grundaussagen des Judentums, des Christentums und des Islams über den Sohn näher an. Das hebräische Wort »Messias« heißt »der Gesalbte« und das Wort »Christus« ist die wörtliche griechische Übersetzung davon. Es geht in beiden Fällen um eine zentrale Wesenheit, die der eine Gott in die Menschheit sendet. Die Aussage des Judentums über den Messias lautet bis heute: »Der Messias ist noch nicht gekommen.« Im Christentum ist die entgegengesetzte Aussage bisher geltend gemacht worden: »Der Messias, der Christus ist schon gekommen, er ist vor zweitausend Jahren durch den Tod gegangen und lebt seitdem als Auferstandener in der geistigen Welt.« Und die Aussage des Korans lautet: »Diesen Messias als Gesandten Jahves und diesen Christus als Sohn Gottes, den gibt es nicht. Allah ist der Einzige, und er hat keinen Sohn.«
Liebe Anwesende, ich muss in Verkürzungen reden; wenn ich mehr Zeit hätte, würde ich die Dinge selbstverständlich ausführlicher erläutern können. Gehen wir davon aus, dass Mohammed als Prophet des Islams und als Mensch eine berechtigte Sorge gehabt haben mag, dass in der christlichen Trinität der Monotheismus der Gottheit gefährdet ist. Er mag darin die Gefahr eines Rückfalls in den Polytheismus, in die Vielgötterei gesehen haben. Er mag sich gesagt haben, dass die »Zeugung des Sohnes« - so heißt es im christlichen Glaubensbekenntnis - allzu materialistisch gedeutet werden kann. Es kann doch nicht so gemeint sein, dass Gott der Vater auf ähnliche Weise einen Sohn bekommt wie ein irdischer Vater, so kann es doch nicht sein. Es mag wohl sein, dass solche Gedanken bei Mohammed als Mensch eine Rolle gespielt haben.
Mir geht es hier aber um etwas ganz anderes. Mir geht es um die geistige Inspirationsquelle des Korans, die Mohammed »Gabriel« nennt. Die wichtige Frage ist: Welche Absicht hat dieser Gabriel, der dem Mohammed den ganz wichtigen Satz inspiriert: »Allah ist der Einzige, und er hat keinen Sohn«?
Diese Inspiration kann nur dazu dienen, die notwendige Gegenkraft zum Wesen des Christus in die Welt zu bringen, denn der Satz enthält eine direkte Verneinung des christlichen Sohnes Gottes, des Christus. Ich habe schon angedeutet, dass die Aufgabe der Gegenkräfte an sich weder gut noch böse ist, sondern notwendig für die Freiheit des Menschen. Wenn es den Koran mit seiner Verneinung des Sohnes nicht gäbe, fehlte in der Menschheit eine notwendige Gegenkraft für das Wirken dieses Sohnes. Und der Mensch könnte nicht zwischen Kraft und Gegenkraft wählen, er könnte seine Freiheit gar nicht ausüben. Das ist genauso wie bei der Rolle des Mephisto im Faust Goethes.
Nicht die Kraft oder die Gegenkraft ist gut oder böse, sondern nur der Umgang des Menschen damit kann für ihn selbst gut oder schlimm sein. Der Umgang mit den widermenschlichen, freiheitsverhindernden Mächten ist für den Menschen gut, wenn er sie durchschaut und etwas dagegen tut. Der Umgang damit ist für den Menschen schlimm, wenn er sich »reinlegen« lässt und sich den allmächtigen Naturkräften ganz übergibt, ohne seine Freiheit in Anspruch zu nehmen. Aber dieses Sich-reinlegenLassen darf nicht den Gegenmächten zugeschrieben werden, sondern alleine der Freiheit des Menschen. Dieses Sich-reinlegen-Lassen fängt gerade mit dem Gedanken an, dass die Freiheit des Menschen eine Illusion ist. Wenn der Mensch so denkt, ist er schon völlig »reingelegt« worden und die Gegenmächte können ein Hohnlachen anstimmen. Sie können genauso wie Mephisto die Überzeugung gewinnen, dass sie die Wette mit Gott über die Freiheit des Menschen gewonnen haben.
Jetzt werden Sie mich fragen: Ja, wer von diesen dreien hat Recht? Das Christentum, das sagt: »Der Messias ist schon gekommen«; das Judentum, das sagt: »Nein, er ist noch nicht gekommen«; oder der Koran, der sagt: »Den Sohn gibt es nicht, Allah hat keinen Sohn.«
Meine Antwort auf diese Frage ist: »Sie haben alle drei Recht!« Das gegenseitige Sichbekämpfen dieser drei Religionen kommt daher, dass alle drei sich von den Gegenmächten haben täuschen lassen, dass sie nicht durchschauen konnten, dass ihre jeweilige Aussage nur berechtigt ist, wenn sie die beiden anderen dazunehmen. In anderen Worten, sowohl das Christentum wie auch das Judentum und der Islam leben bis heute in einer tragischen Einseitigkeit. Der intellektuelle Sündenfall des Menschengeistes ist immer die Einseitigkeit. Alle Irrtümer sind Einseitigkeiten des Denkens.
Jetzt sind Sie aber sicherlich gespannt, von mir zu hören, wie ich solche gegensätzlichen Aussagen miteinander in Einklang bringe? Es ist aber ganz einfach! Wenn wir das Kommen des Messias, des Christus, als historische Tatsache sehen, als objektive, für alle Menschen gültige Tatsache nehmen, dann stimmt die Aussage des Christentums, dass dieses geistige Wesen, dieser »Sohn Gottes« vor zweitausend Jahren im real-historischen Sinne Mensch geworden ist, auf der Erde sein Zeit aufgeschlagen hat und auf menschliche Weise den Tod erlebt hat. Jeder Menschengeist wird im Laufe seiner Entwicklung zu dieser historischen Tatsache früher oder später Stellung nehmen können.
Aber der Sinn dieser Tatsache ist nicht nur dasjenige, was Christus vor 2000 Jahren getan hat, sondern auch dasjenige, was er durch seine damalige Tat der Freiheit jedes einzelnen Menschen ermöglicht. Der Nullpunkt des heutigen Christentums liegt gerade darin, dass durch die ausschließliche Betonung des erfolgten ersten Kommens Christi die von ihm in Aussicht gestellte »Wiederkunft« fast völlig aus dem Auge verloren wurde. Die Wiederkunft des Christus ist sein »Kommen« im Bewusstsein des einzelnen Menschen. Dies geschieht dann, wenn der Mensch die Liebe des Christus so versteht, dass er in seiner Seele das Verlangen nach geistigem Schaffen erweckt. Der Sohn Gottes verleiht der Seele jedes Menschen das Vermögen der Freiheit, das ist die Erfahrung des Heiligen Geistes - des Geistes des Christus, den er als die zweite Art seines Kommens bezeichnet hat. Das Vermögen der Freiheit wird dadurch immer mehr zur real erlebten Freiheit, dass der Mensch sein Denken, die Erfahrung des Heiligen Geistes in sich, immer schöpferischer macht und sein Tun immer mehr mit eigener Willenskraft durchtränkt.
Wenn wir die Frage stellen, wie viel in der Christenheit von der Wiederkunft des Christus bis jetzt erlebt worden ist, dann muss die ehrliche Antwort lauten: kaum etwas. In Bezug auf diese zweite, für den einzelnen Menschen noch viel wichtigere Art des Kommens des Christus ist die Grundaussage des Judentums viel wahrer als die des Christentums: Er muss noch kommen, dieses Kommen steht noch bevor. Die Menschen haben noch nicht einmal angefangen, die Natur dieses Kommens zu verstehen, geschweige denn, dass sie danach leben.
Die Rede von einer zweiten Ankunft des Christus war in den vergangenen zweitausend Jahren immer vorhanden. Man hätte sich fragen müssen: Wozu braucht man ein zweites Kommen, wenn er schon gekommen ist? Das historische, objektive, für alle Menschen gültige Kommen hätte keinen Sinn, wenn die damit beginnende Wirksamkeit des Christus nicht die Möglichkeit für jeden Menschen schaffen würde, dass er die zweite - moralisch gesehen viel gewichtigere - Ankunft des Christus herbeiführt. Und die zweite Ankunft ist die Art und Weise, wie der Geist des Christus von jedem einzelnen Menschen verinnerlicht und durch die Auswirkung in seinem eigenen Leben individualisiert wird.
Und jetzt frage ich Sie, liebe Anwesende, ganz gleich ob Sie Christen, Juden oder Moslems sind: Was diese zweite Ankunft angeht, die Ankunft des Sohnes des Menschen, das Hervorbringen all desjenigen, wodurch der einzelne Mensch als »Sohn Gottes« lebt, das heißt als ein von göttlichen Kräften durchdrungener Mensch - was diese innerliche und individualisierte Ankunft angeht, schätzen Sie, dass sie schon geschehen ist?
Wir könnten uns glücklich nennen, wenn wir mit dieser zweiten Ankunft mindestens schon angefangen hätten. Denn in der Bewusstseinstrübung des Materialismus hat die heutige Menschheit kaum eine Ahnung von dieser zweiten Dimension des Kommens des Messias, des Christus. Was diese zweite, für das Individuum viel wichtigere Art seines Kommens betrifft, ist die Grundaussage des Judentums in tiefstem Sinne wahr: »Er muss noch kommen.« Und der Anfang dieses Kommens besteht darin, dass wir die zwei Arten seines Kommens unterscheiden lernen, dass wir uns bewusst machen, dass das zweite Kommen nicht nur von der göttlichen Gnade, sondern auch von der Freiheit des Menschen abhängt. Das erste Kommen des Christus war ganz das Wirken seiner Gnade, die darin besteht, das zweite Kommen als Aufgabe der Freiheit jedem Einzelnen möglich zu machen. Das griechische Wort für Wiederkunft - parousia - heißt wörtlich »Gegenwart«, ein geistiges Dabeisein. Christus ist geistig niemals von der Erde und von der Menschheit weggegangen und die so genannte Wiederkunft ist das bewusstseinsmäßige, freiheitliche Hinfinden des einzelnen Menschen zum Christusgeist.
Die Grundaussage des Judentums ist, dass das Kommen des Messias in das Bewusstsein, in die Herzenskräfte des Menschen, die ganze zweite Hälfte der Entwicklung in Anspruch nehmen wird. Diese Entwicklung ist dazu da, um sich vom Geist des Messias, des Christus, immer tiefer durchdringen zu lassen. Wenn dieses Durchdringen zu Ende ist, dann ist die Entwicklung zu Ende. Das erklärt die Aussage des Judentums: Der Messias kommt am Ende der Zeit, sein Kommen bedeutet die Vollendung der Entwicklung in der Zeit. Diese Aussage wird missverstanden - und dadurch wird sowohl dem Judentum als auch dem Christentum unrecht getan -, wenn sie im Gegensatz zur Aussage des Christentums gesehen wird, dass der Messias schon gekommen ist. Denn kein Mensch könnte das individualisierte, verinnerlichte Kommen des Christus in Angriff nehmen, wenn der Christus nicht schon gekommen wäre, wenn er nicht in allen Erdenkräften schon wirksam wäre, um ihm dies möglich zu machen. Christus wirkt seit zweitausend Jahren in der Erde und in der Menschheit so, dass durch sein übersinnliches Wirken jeder Mensch die Fähigkeit bekommt, seine Wiederkunft innerlich zu erleben.
Und wie ist es mit der Aussage des Korans: »Allah hat keinen Sohn?« Wenn wir einsehen, dass die Aussagen des Christentums und des Judentums nur zusammen einen Sinn ergeben, dann können wir auch dieser Aussage des islamischen Gabriel einen positiven Sinn abgewinnen. Nur muss dieser positive Sinn wiederum richtig verstanden werden, er muss vor allem seine Fruchtbarkeit im Leben zeigen.
Diesem Gabriel kann jeder Mensch, der sich als »Sohn Gottes« versteht - ganz gleich ob er im Islam, im Judentum oder im Christentum aufgewachsen ist -, erwidern: »Ganz Recht hast du, Gabriel! Wenn Allah einen Sohn hätte, wenn er den Sohn schon gezeugt hätte, wenn dieser Sohn schon da wäre, hätte ich weiter nichts zu tun. Es ist gerade meine Lebensaufgabe, dass ich in meinem Denken, in meinem Herzen, in meiner Art zu leben dem Allah einen Sohn gebe. Diesen Sohn muss und will ich in mir erzeugen. Immer tiefer und echter dieser Sohn selber zu werden, ist meine Bestimmung als Mensch.«
Sie haben vielleicht in Erinnerung, was in Goethes Faust geschieht, als Faust dahinter kommt, dass die Welt nicht nur einen sichtbaren Vordergrund, sondern, viel entscheidender, einen geistigen Hintergrund hat. Er hat ein Gespür vom »Reich der Mütter« bekommen. Das sind die geistigen Zeugungskräfte allen Daseins, die geistigen Wesen und Kräfte, die alles Sichtbare zustande bringen. Und jetzt will Faust unbedingt zu den Müttern. Da wird es für den Mephisto wirklich brenzlig, denn er weiß: »Mensch, wenn mein Faust zu den Müttern, zu der Realität des Geistes durchdringt, dann ist es aus mit mir. Dann wird er auch mich als Geist durchschauen, als Geist, der )stets das Böse will und stets das Gute schafft.(« Mephisto ist es zu Recht bange, wie gesagt, er ist ein vorzüglicher Teufel, der Mephisto, er nimmt seine Aufgabe ernst. Er muss alles tun, dass der Mensch nicht in die Realität des Geistes hineinkommt. Also, was tut er? Um den Faust davon abzuhalten, ins Reich der Mütter vorzudringen, sagt er ihm: »Ach, Faust, da wirst du gar nichts finden. Da wirst du nicht einmal mehr deine Schritte hören, wirst keine Wolken sehen, keine Wellen in der Tiefe spüren. Da wirst du vor dem Nichts stehen.«
Und wir kennen die Antwort des Faust: »In deinem Nichts hoff' ich das All zu finden.«
So kann jeder Mensch jenem Gabriel, der den Koran inspiriert hat, sagen: Lieber Gabriel, willst du mit deiner Aussage sagen, dass Allah noch keinen Sohn hat oder dass er in alle Ewigkeit keinen Sohn wird haben können? Wenn du meinst, dass es diesen Sohn Allahs nicht geben kann, dass das ein Nichts ist, dann sag ich dir: In deinem Nichts hoff' ich das All zu finden. Ich hoffe, in mir selbst im Laufe der Entwicklung die Realität dieses Sohnes zu erzeugen. Denn wenn es für mich diesen Sohn schon gäbe, hätte ich nicht die Möglichkeit, ihn in mir täglich und täglich neu zum Leben zu bringen.
Sie werden mir vielleicht erwidern: Es wird schon eine Zeit dauern, bis wir solche Moslems haben, die den Koran so lesen können, die ihrem Gabriel so »die Leviten lesen« können. Aber gerade dazu ist die Entwicklung da. Zunächst sind vielleicht nicht einmal die allermeisten Christen so weit, diese Aussage des Korans so auffassen zu können. Umso mehr kann es die Entwicklungsaufgabe für uns alle sein, auf diese drei Religionen so zu schauen, dass ihre Aussagen aufhören sich gegenseitig auszuschließen.
Der einzelne Mensch muss in seinem Kopf und in seinem Herzen zur lebendigen Versöhnung aller drei werden: Wahr ist es, dass der Sohn Gottes schon gekommen ist; genauso wahr ist es, dass er noch kommen muss; und nicht weniger wahr ist es, dass Allah nur in dem Maße einen Sohn haben kann, in dem ich täglich zu seinem Sohn werde. Das tragische Schicksal und das viele Leiden, das sich diese drei Religionen gegenseitig bereitet haben, kommt von der Tatsache, dass jeder die Aussage des anderen als Irrtum bekämpft hat und dadurch sich selber in einem Irrtum des Denkens, in einer Einseitigkeit des Lebens verfangen hat.
Diese Art und Weise, die drei monotheistischen Religionen zu sehen, wird niemals durch irgendeinen Gruppengeist in die Welt kommen. Niemals wird eine Kirche oder eine Synagoge oder eine Moschee als homogene Gruppe von Menschen die volle Wahrheit derjeweils anderen zwei Religionen anerkennen können. Um dieses zu tun, müsste eine Gruppe, die als solche immer die nicht zu ihr gehörenden Menschen ausschließt, sich selbst aufheben. Ganz universell kann nur der einzelne Mensch werden; nur er hat die Möglichkeit, die ganze Menschheit zu umfassen. Ganz gleich, ob er im Islam oder im Judentum oder im Christentum aufgewachsen ist, hat er als selbständig denkender Mensch die Aufgabe, sowohl seiner Religion wie auch der der anderen gegenüber Stellung zu nehmen. Er kann die Versöhnbarkeit ihrer Aussagen erkennen. Er kann durch sein Leben zeigen, dass nur durch ihre Versöhnung die volle Wahrheit über den Menschen gefunden wird und dass die Menschen nur so aufhören werden, sich gegenseitig zu bekämpfen.


Pietro Archiati: Die heutige Weltlage und ihre geistigen Hintergründe. Archiati Verlag, 2004






Pietro Archiati wird 1944 bei Brescia als viertes von zehn Kindern in einer Bauernfamilie geboren. Er besucht eine Klosterschule, studiert Theologie und Philosophie in Rom und München. Einige Jahre arbeitet er in Laos und New York. Nachdem er seine Stimme verliert, entdeckt er 1977 in einer Einsiedlerzeit am Comer See die Schriften Rudolf Steiners, die ihm wegweisend werden. Nach erfolgreicher Operation lehrt er 1981 bis 1985 an einem katholischen Priesterseminar in Südafrika. Seit 1987 lebt er als freiberuflicher Schriftsteller in Deutschland und ist als Kursleiter und Vortragsreisender in verschiedenen Ländern unterwegs.
Siehe:
www.archiati.de / www.archiati-verlag.de
aus marcstein 2005





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Die Ring-Parabel



Vor grauen Jahren lebt' ein Mann in Osten,
Der einen Ring von unschätzbarem Werth'
Aus lieber Hand besaß. Der Stein war ein
Opal, der hundert schöne Farben spielte,
Und hatte die geheime Kraft, vor Gott
Und Menschen angenehm zu machen, wer
In dieser Zuversicht ihn trug. Was Wunder,
Daß ihn der Mann in Osten darum nie
Vom Finger ließ; und die Verfügung traf,
Auf ewig ihn bey seinem Hause zu
Erhalten? Nehmlich so. Er ließ den Ring
Von seinen Söhnen dem Geliebtesten;
Und setzte fest, daß dieser wiederum
Den Ring von seinen Söhnen dem vermache,
Der ihm der liebste sey; und stets der Liebste,
Ohn' Ansehn der Geburt, in Kraft allein
Des Rings, das Haupt, der Fürst des Hauses werde. -
Versteh mich, Sultan.

SALADIN.
Ich versteh dich. Weiter!

NATHAN.
So kam nun dieser Ring, von Sohn zu Sohn,
Auf einen Vater endlich von drey Söhnen;
Die alle drey ihm gleich gehorsam waren,
Die alle drey er folglich gleich zu lieben
Sich nicht entbrechen konnte. Nur von Zeit
Zu Zeit schien ihm bald der, bald dieser, bald
Der dritte, - so wie jeder sich mit ihm
Allein befand, und sein ergiessend Herz
Die andern zwey nicht theilten, - würdiger
Des Ringes; den er denn auch einem jeden
Die fromme Schwachheit hatte, zu versprechen.
Das ging nun so, so lang es ging. - Allein
Es kam zum Sterben, und der gute Vater
Kömmt in Verlegenheit. Es schmerzt ihn, zwey
Von seinen Söhnen, die sich auf sein Wort
Verlassen, so zu kränken. - Was zu thun? -
Er sendet in geheim zu einem Künstler,
Bey dem er, nach dem Muster seines Ringes,
Zwey andere bestellt, und weder Kosten
Noch Mühe sparen heißt, sie jenem gleich,
Vollkommen gleich zu machen. Das gelingt
Dem Künstler. Da er ihm die Ringe bringt,
Kann selbst der Vater seinen Musterring
Nicht unterscheiden. Froh und freudig ruft
Er seine Söhne, jeden ins besondre;
Giebt jedem ins besondre seinen Seegen, Und
seinen Ring, - und stirbt. - Du hörst doch, Sultan?

SALADIN (der sich betroffen von ihm gewandt.)
Ich hör, ich höre! - Komm mit deinem Mährchen
Nur bald zu Ende. - Wirds?

NATHAN.
Ich bin zu Ende.
Denn was noch folgt, versteht sich ja von selbst. -
Kaum war der Vater todt, so kömmt ein jeder
Mit seinem Ring', und jeder will der Fürst
Des Hauses seyn. Man untersucht, man zankt,
Man klagt. Umsonst; der rechte Ring war nicht
Erweislich;
(nach einer Pause, in welcher er des Sultans Antwort erwartet)
Fast so unerweislich, als
Uns itzt - der rechte Glaube.

SALADIN.
Wie? das soll
Die Antwort seyn auf meine Frage? ...

NATHAN.
Soll
Mich blos entschuldigen, wenn ich die Ringe,
Mir nicht getrau zu unterscheiden, die
Der Vater in der Absicht machen ließ,
Damit sie nicht zu unterscheiden wären.

SALADIN.
Die Ringe! - Spiele nicht mit mir! - Ich dächte,
Daß die Religionen, die ich dir
Genannt, doch wohl zu unterscheiden wären.
Bis auf die Kleidung; bis auf Speis und Trank!

NATHAN.
Und nur von Seiten ihrer Gründe nicht. -
Denn gründen alle sich nicht auf Geschichte?
Geschrieben oder überliefert! - Und
Geschichte muß doch wohl allein auf Treu
Und Glauben angenommen werden? - Nicht? -
Nun wessen Treu und Glauben zieht man denn
Am wenigsten in Zweifel? Doch der Seinen?
Doch deren Blut wir sind? doch deren, die
Von Kindheit an uns Proben ihrer Liebe
Gegeben? die uns nie getäuscht, als wo
Getäuscht zu werden uns heilsamer war? Wie
kann ich meinen Vätern weniger,
Als du den deinen glauben? Oder umgekehrt. -
Kann ich von dir verlangen, daß du deine
Vorfahren Lügen strafst, um meinen nicht
Zu widersprechen? Oder umgekehrt.
Das nehmliche gilt von den Christen. Nicht? -

SALADIN.
Bey dem Lebendigen! Der Mann hat Recht.
Ich muß verstummen.

NATHAN.
Laß auf unsre Ring'
Uns wieder kommen. Wie gesagt: die Söhne
Verklagten sich; und jeder schwur dem Richter,
Unmittelbar aus seines Vaters Hand
Den Ring zu haben. - Wie auch wahr! - Nachdem
Er von ihm lange das Versprechen schon
Gehabt, des Ringes Vorrecht einmal zu
Geniessen. - Wie nicht minder wahr! - Der Vater,
Betheu'rte jeder, könne gegen ihn
Nicht falsch gewesen seyn; und eh' er dieses
Von ihm, von einem solchen lieben Vater,
Argwohnen laß': eh' müß' er seine Brüder,
So gern er sonst von ihnen nur das Beste
Bereit zu glauben sey, des falschen Spiels
Bezeihen; und er wolle die Verräther
Schon auszufinden wissen; sich schon rächen.

SALADIN.
Und nun, der Richter? - Mich verlangt zu hören,
Was du den Richter sagen lässest. Sprich!

NATHAN.
Der Richter sprach: wenn ihr mir nun den Vater
Nicht bald zur Stelle schafft, so weis' ich euch
Von meinem Stuhle. Denkt ihr, daß ich Räthsel
Zu lösen da bin? Oder harret ihr,
Bis daß der rechte Ring den Mund eröffne? -
Doch halt! Ich höre ja, der rechte Ring
Besitzt die Wunderkraft beliebt zu machen;
Vor Gott und Menschen angenehm. Das muß
Entscheiden! Denn die falschen Ringe werden
Doch das nicht können! - Nun; wen lieben zwey
Von euch am meisten? - Macht, sagt an! Ihr schweigt?
Die Ringe wirken nur zurück? und nicht
Nach aussen? Jeder liebt sich selber nur
Am meisten? - O so seyd ihr alle drey
Betrogene Betrieger! Eure Ringe
Sind alle drey nicht echt. Der echte Ring
Vermuthlich ging verloren. Den Verlust
Zu bergen, zu ersetzen, ließ der Vater
Die drey für einen machen.

SALADIN.
Herrlich! herrlich!

NATHAN.
Und also; fuhr der Richter fort, wenn ihr
Nicht meinen Rath, statt meines Spruches, wollt:
Geht nur! - Mein Rath ist aber der: ihr nehmt
Die Sache völlig wie sie liegt. Hat von
Euch jeder seinen Ring von seinem Vater:
So glaube jeder sicher seinen Ring
Den echten. - Möglich; daß der Vater nun
Die Tyranney des Einen Rings nicht länger
In seinem Hause dulden wollen! - Und gewiß;
Daß er euch alle drey geliebt, und gleich
Geliebt: indem er zwey nicht drücken mögen,
Um einen zu begünstigen. - Wohlan!
Es eifre jeder seiner unbestochnen
Von Vorurtheilen freyen Liebe nach!
Es strebe von euch jeder um die Wette,
Die Kraft des Steins in seinem Ring' an Tag
Zu legen! komme dieser Kraft mit Sanftmuth,
Mit herzlicher Verträglichkeit, mit Wohlthun,
Mit innigster Ergebenheit in Gott,
Zu Hülf'! Und wenn sich dann der Steine Kräfte
Bey euern Kindes-Kindeskindern äussern:
So lad' ich über tausend tausend Jahre,
Sie wiederum vor diesen Stuhl. Da wird
Ein weisrer Mann auf diesem Stuhle sitzen,
Als ich; und sprechen. Geht! - So sagte der
Bescheidne Richter.

SALADIN.
Gott! Gott!

NATHAN.
Saladin,
Wenn du dich fühlest, dieser weisere
Versprochne Mann zu seyn: ...

SALADIN
(der auf ihn zustürzt, und seine Hand ergreift,
die er bis zu Ende nicht wieder fahren läßt.)
Ich Staub? Ich Nichts?
O Gott!

NATHAN.
Was ist dir, Sultan?

SALADIN.
Nathan, lieber Nathan! -
Die tausend tausend Jahre deines Richters
Sind noch nicht um. - Sein Richterstuhl ist nicht
Der meine. - Geh! - Geh! - Aber sey mein Freund.



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