Im Zusammenhang mit der Kultus-Frage
soll innerhalb des «Arbeitsmaterials Zur Kultus-Frage»
doch auch noch die grundlegendste, wesentlichste
Zusammenstellung zum Sinn des Kultus
aus anthroposophischer Perspektive
zitiert werden :


VOM GEISTESWISSENSCHAFTLICHEN SINN DES KULTISCHEN
Hella Wiesberger
Vorwort in: Rudolf Steiner, Zur Geschichte und aus den Inhalten
der erkenntniskultischen Abteilung der Esoterischen Schule 1904-1914, GA 265



Der Inhalt:
Kultusverständnis urständet im geistigen Schauen
Anthroposophie ist ihrem Wesen nach interreligiös. Es geht darum, den allen Religionen gemeinsamen übersinnlichen Wahrheitsgehalt herauszuarbeiten.
Das Ideal von der Sakramentalisierung des ganzen Lebens
Dass dasjenige, was bisher bloß auf dem Kirchenaltar vollzogen wurde, die ganze Welt ergreifen muss. Die Sakramente als Spiegelung und Arznei zu den sieben Stadien des menschlichen Lebens
Spirituelles Denken als geistige Kommunion, als Beginn eines der Menschheit der Gegenwart gemäßen kosmischen Kultus
Die Vorschule für die mystische Vereinigung mit dem Christus ist das Abendmahl. Vom Physischen zum Geistigen muß sich das Abendmahl entwickeln. Geisterkenntnis und Meditation als Kommunion der Zukunft.
Die für verschiedene Gemeinschaften geschaffenen Kultformen
Die Freien Sakramente. Die Freien Schulhandlungen. Eine kultische Arbeit in der anthroposophischen Bewegung müsse aus demselben geistigen Strom hervorgehen wie die Schulhandlungen, gewissermaßen eine Fortsetzung der «Opferfeier». Diese kann überall gehalten werden, wo Menschen sind, die sie wünschen. Zum Allgemeinen Priestertum.









Nach den Erkenntnissen der Anthroposophie lebte die Menschheit in alten Zeiten in dem instinktiv-hellsichtigen Bewusstsein, dass alles Welt- und Menschenleben bewirkt, gestaltet und getragen wird durch die Schöpferkräfte einer göttlich-geistigen Welt. Dieses Bewusstsein wurde im Laufe der Zeiten immer schwächer, bis es sich durch das einzig auf die physischen Weltgesetze gerichtete Verstandesdenken der Neuzeit völlig verlor. Es war dies notwendig, weil nur so der Mensch von der schöpferischen Geistigkeit des Universums bewusstseinsmäßig unabhängig werden und sich dadurch den Freiheitssinn erobern konnte. Nunmehr besteht die Aufgabe der menschlichen Entwicklung darin, aus dem freien, von der Weltgeistigkeit nicht bestimmten Intellekt sich das Bewusstsein vom Zusammenhang mit der Weltgeistigkeit neu zu erringen.
Diese Erkenntnis war es, die es zu einem Grundanliegen Rudolf Steiners werden ließ, dem modernen Verstandesdenken einen ihm gemäßen Weg zur Geist-Erkenntnis zu bahnen. Darum beginnt der erste anthroposophische Leitsatz: «Anthroposophie ist ein Erkenntnisweg, der das Geistige im Menschen zum Geistigen im Weltall führen möchte.» 1) Die konkreten Mittel zum Beschreiten dieses Weges finden sich im Gesamtwerk vielfach dargestellt, paradigmatisch in den Grundwerken «Die Philosophie der Freiheit» und «Wie erlangt man Erkenntnisse der höheren Welten?».
War es den alten Kulturen selbstverständlich, dasjenige, was von kosmischer Geistigkeit innerlich erlebt werden konnte, im äußeren Leben durch Symbol und Kultushandlungen zu pflegen und dadurch das soziale Leben zu gestalten, so musste mit dem Dahinschwinden des Bewusstseins, mit der göttlich-geistigen Welt existenziell verbunden zu sein, auch das Verständnis für den Sinn des Kultischen verloren gehen. Und so können dem modernen abstrakten Verstandesdenken, das insbesondere im Verlaufe des 20. Jahrhunderts zu der mehr und mehr die ganze Welt beherrschenden geistigen Macht geworden ist, die überlieferten Kultformen eigentlich nur noch als unverständliche Relikte vergangener Zeiten gelten. Gleichwohl vorhandene kultische Bedürfnisse kommen ja nicht aus dem Intellekt, sondern aus anderen Schichten der menschlichen Seele.
Somit stellt sich die Frage, welche Gründe Rudolf Steiner als einen durch und durch modernen Denker bewogen haben können, in seiner Esoterischen Schule Kultformen zu pflegen und später auch für andere Zusammenhänge Kultformen zu vermitteln. Um diese Frage vollgültig beantworten zu können, müsste die ganze tief- und weitgespannte Fülle seiner geisteswissenschaftlichen Darstellungen vom Wesen und der Aufgabe des Kultischen für die Menschen-, die Menschheits- und die Erdenentwicklung aufgezeigt werden. Da dies hier nicht möglich ist, kann nur auf einige im Zusammenhang mit der vorliegenden Publikation wesentliche Aspekte hingewiesen werden.


Kultusverständnis urständet im geistigen Schauen

«Wir brauchen zu unserem komplizierten sozialen Leben, das über die Erde hin ein Chaos zu verbreiten droht ... die Harmonie zwischen Erkenntnis, Kunst, Religion und Sittlichkeit.» 2)

Rudolf Steiners Grundauffassung vom Kultischen wurzelt in seinem mit modernen Erkenntnismitteln geschulten geistigen Schauen, dem sich der geistige Weltinhalt als «Urgrund und Prinzip alles Seins» 3) offenbart und dessen Natur ein gleichermaßen erkennendes, künstlerisch-fühlendes und religiös-verehrendes Erleben hervorruft. Solange die Menschheit in einem instinktiven Hellsehen lebte, waren die Kulturen von solchem einheitlich wissenschaftlich-künstlerisch-religiös gestimmten geistigen Schauen getragen: «Was der Mensch erkannte, dem bildete er den Stoff ein; er machte seine Weisheit zur schöpferisch künstlerischen. Und indem der Mysterienschüler das, was er lernte, in seiner Lebendigkeit als das die Welt durchwaltende Göttlich-Geistige empfand, brachte er ihm seine Kultushandlung dar, gewissermaßen die geheiligte Kunst zum Kultus umgeschaffen.» 4)
Der Menschheitsfortschritt forderte, dass dieses einheitliche Erleben sich in die drei selbstständigen Strömungen Religion, Kunst und Wissenschaft auseinandergliederte. Im weiteren Entwicklungsgang haben sich die drei immer weiter voneinander entfernt und jegliche Verbindung zu ihrem gemeinsamen Ursprung verloren. Das führte dazu, dass das kulturelle und soziale Leben immer chaotischer geworden ist. Damit wieder richtunggebende Aufgangskräfte wirksam werden können, müssen die drei «uralt heiligen Ideale», das religiöse, das künstlerische und das Erkenntnis-Ideal aus moderner Geist-Erkenntnis neu gestaltet werden. Dies betrachtete Rudolf Steiner als vornehmstes Anliegen der Anthroposophie, worauf er insbesondere bei wichtigen Anlässen in der anthroposophischen Bewegung hinwies, so zum Beispiel bei der Eröffnung der ersten Veranstaltung im Goetheanum-Bau. 5)
Im Sinne des bei dieser Gelegenheit ausgesprochenen Wortes: «Wem die Natur ihre offenbaren Geheimnisse durch geistiges Schauen zu enthüllen beginnt, so dass er sie ideengemäß ausdrücken und künstlerisch gestalten muss, den drängt das Innerste seines Gemütes danach, das Erschaute und in Gestaltung Festgehaltene mit religiösem Sinn zu verehren. Für ihn wird Religion das Folgeerlebnis von Wissenschaft und Kunst» 6), hatte es ihn von Anfang an dazu gedrängt, die Ergebnisse seines geistigen Schauens nicht nur nach der wissenschaftlichen, sondern auch nach der künstlerischen Seite hin auszugestalten: nach der Seite einer Bildhaftigkeit, die geistige Realitäten enthält. Denn «Bilder liegen hinter allem, was uns umgibt; diese Bilder haben alle gemeint, die von geistigen Urgründen gesprochen haben» (Berlin, 6. Juli 1915). Weil es ihm gerade im Hinblick auf das soziale Leben notwendig schien, das Wesen des Geistigen nicht nur wissenschaftlich, sondern auch bildlich anschaubar auszugestalten, darum sollte alles dasjenige, was die Anthroposophie als Weltanschauung charakterisiert, durch ihren Repräsentanten, den Goetheanumbau, auch im Bilde da sein (Dornach, 23. Januar 1920). Nachdem durch den Baubrand in der Silvesternacht des Jahres 1922 diese bildhafte Ausgestaltung der Anschauung verloren gegangen war, brachte er das, was er mit dem Goetheanum hatte vor die Welt hinstellen wollen, in der gewissermaßen lapidaren Formel zum Ausdruck:
«Das Goetheanum war empfunden als ein körperhaftes Zeichen für die Gestaltung, welche die drei Hauptinteressen der Menschheit in den Tiefen der Menschenseele gegenwärtig erstreben. Diese Hauptinteressen sind das religiös-moralische, das künstlerische und das Erkenntnis-Interesse. » 7)
Die Ausgestaltung des erkenntnismäßigen und künstlerischen Interesses liegt klar zu Tage.

Wie aber steht es mit Bezug auf das religiöse Interesse? Wenn dies nicht in derselben klaren Weise wahrnehmbar ist, so ergibt sich das zum einen aus der Charakterisierung der Religion als «Stimmung» der Menschenseele für das hinter dem Sinnlichen liegende Geistige (Mannheim, 5. Januar 1911), zum andern aus der des Öfteren zu findenden Aussage, dass das in sich religiös-moralisch wirkende Wesen der Anthroposophie nicht im konfessionellen Sinne religionsbildend auftreten könne, dass geisteswissenschaftliche Bestrebungen nicht «ein Ersatz» für religiöse Übung und das religiöse Leben sein sollten, dass man die Geisteswissenschaft «nicht zur Religion» machen sollte, obwohl sie «in höchstem Maße» eine «Stütze», eine «Unterbauung» des religiösen Lebens sein kann (Berlin, 20. Februar 1917). Anthroposophie als Wissenschaft vom Übersinnlichen und die Anthroposophische Gesellschaft als deren Gemeinschaftsträger sollten nicht an ein bestimmtes Religionsbekenntnis gebunden sein, da die Anthroposophie ihrem Wesen nach interreligiös ist. Auch ihre zentralste Erkenntnis, die Erkenntnis von der Bedeutung des Christus-Geistes für die Menschheits- und Erdenentwicklung, beruht nicht auf derjenigen der christlichen Konfessionen, sondern auf der Einweihungswissenschaft, aus der alle Religionen einmal hervorgegangen sind. In diesem Sinne charakterisiert er es einmal als einen «Grundnerv» der geisteswissenschaftlichen Forschungsaufgaben, den allen Religionen gemeinsamen übersinnlichen Wahrheitsgehalt herauszuarbeiten und dadurch «gegenseitiges Verständnis der Einzelnen aus den Initiationen hervorgehenden religiösen Strömungen über die Erde zu bringen» (Berlin, 23. April 1912) 8). Daraus ergibt sich als logische Folge, dass von der Anthroposophie her gesehen praktische Religionsausübung innerhalb einer Konfession Privatsache des Einzelnen sein muss. Das findet sich auch in den Statuten der Gesellschaft von Anfang an ausgedrückt. 9)


Das Ideal von der Sakramentalisierung des ganzen Lebens

«Sakramentalismus ist ein Ausdruck dafür, dass die menschliche Handlung von Heiligkeit durchglüht ist.» 10)
«Was bloß auf dem Kirchenaltar vollzogen wurde, das muss die ganze Welt ergreifen.» 11)

Die Fähigkeit, erleben zu können, wie im Kultischen geistig Wesenhaftes auf sinnenfällige Weise vollzogen wird, musste dahinschwinden, weil es nun einmal entwicklungsgesetzlich bedingt ist, dass Kräfte verloren gehen müssen, um auf anderer Stufe neu erobert werden zu können. Dazu muss jede Entwicklung in einem siebengliedrigen Rhythmus verlaufen: von der ersten bis zur vierten Stufe evolutiv, von der fünften bis zur siebenten Stufe dagegen involutiv, also rückläufig. Das heißt: Die dritte, zweite und erste Stufe müssen als fünfte, sechste und siebente nochmals durchlebt werden, aber nun mit dem, was bis zur vierten Stufe als Neues errungen worden ist. Für die Erdenmenschheit besteht das neu zu Erringende in der Sonder- oder Ichheit, die sich in der Phase der Evolution physisch aus Geburt und Tod entwickelt und in der Phase der Involution sich zu Freiheit und Liebe vergeistigen soll. Letzteres aber erfordert, den zur Entwicklung der Sonderheit und des Freiheitssinnes notwendig gewesenen Egoismus zu opfern.
Auf dieses Grundgesetz der mikro-makrokosmischen Entwicklung findet sich im Gesamtwerk vielfach hingewiesen. Besonders anschaulich, weil in Diagrammen und Meditation gebracht, kommt es in den folgenden Aufzeichnungen zum Ausdruck:
Handschriftliche Eintragung in einem Notizbuch aus dem Jahre 1903 (Archivnummer 427):
Schreitend bewegst du durch des Denkens Macht dich auf den Fluten des Sonderseins und folgst sieben Richtkräften unter der Wahrheit Führung: Lust zieht dich hinab, die Richtkräfte stellend in des Unglaubens Gewalt; Geist zieht dich hinan, die sieben hebend zu der tönenden Sonne.

1. In dem Sondersein entdecke das Gesetz: denn das Gesetz wob der erste der Sieben in den Stoff.
2. In der Bewegung entdecke das Leben: denn das Leben goss der zweite der Sieben in den Stoff.
3. In dem Verlangen entdecke die Person: denn die Person prägte der dritte der Sieben in den Stoff.
4. In dem Gedanken entdecke dich: denn dem Ich schenkte der vierte der Sieben sein Selbst.
5. In deinem Verlangen entdecke die Entsagung: denn durch die Entsagung opferte sich der fünfte der Sieben, auf dass du Selbst seiest.
6. In deiner Bewegung entdecke die selige Ruhe: denn die selige Ruhe opferte der sechste der Sieben, auf dass du als Selbst lebend dich bewegst.
7. In deinem Sondersein entdecke dein ewiges Gesetz: denn als ewiges Gesetz hat der siebente der Sieben dein Selbst in Sonderheit geschaffen, und wird es als ewiges Gesetz aus der Sonderheit führen.

Die Kraft zur Rückentwicklung wurde der Menschheit geboren, als der den kosmisch-menschheitlichen Evolutions-Involutionsprozess bewirkende Weltengeist Christus historisch in Erscheinung trat und durch das große Opfer auf Golgatha zum führenden Geist der Erde wurde:
«... Dass der Mensch sich wieder zurückentwickeln kann zu einem Bewusstsein von seiner geistigen Beziehung [zum Kosmos], das verdankt man dem Mysterium von Golgatha. Aber man muss das, was man dem Mysterium von Golgatha verdankt, aus freiem inneren Antrieb heraus suchen. Das Christentum setzt Freiheit voraus.» (Dornach, 11. Februar 1920) .
Nachdem von unserem Zeitalter an diese Bewusstseins-Rückentwicklung einzusetzen hat, ergibt sich als notwendig, dass das christliche Freiheitselement auch dem Wesen des Kultus, dem Sakramentalismus einverleibt werden muss. Das heißt, dass zunehmend nach der Zukunft hin nicht mehr der eine für die anderen alle das Opfer zu vollbringen haben wird, sondern dass der eine mit dem anderen gemeinschaftlich das Gleichwerden der Menschen gegenüber dem Christus, der als Sonnenwesen auf die Erde heruntergestiegen ist, erleben soll (Dornach, 23. Dezember 1922). Freiheit, Individualismus im Religiösen, im Sakramentalismus, bedeute aber für die Geisteswissenschaft nicht, dass jeder Mensch seine eigene Religion haben solle - das müsste nur zur völligen Zersplitterung der Menschheit in einzelne Individuen führen -, sondern dass durch das Aufnehmen geisteswissenschaftlicher Erkenntnisse eine Zeit kommen wird, «wenn sie auch noch so ferne liegt», in der die Menschheit immer mehr und mehr von der Erkenntnis der innerlichen Wahrheitswelt ergriffen werden wird. Und dadurch werde dann «trotz aller Individualität; trotzdem jeder die Wahrheit einzeln in sich finden wird, Übereinstimmung herrschen»; unter völliger Wahrung von Freiheit und Individualität wird man sich dann in freien Zusammenhängen zusammenschließen (Berlin, 1. Juni 1908).
In diesem Sinne wurde immer wieder darauf hingewiesen, dass dasjenige, was bisher bloß auf dem Kirchenaltar vollzogen wurde, die ganze Welt ergreifen muss, dass alle menschlichen Tätigkeiten ein Ausdruck des Übersinnlichen werden sollen. Insbesondere seit dem ersten Weltkrieg ist immer stärker betont worden, wie wichtig es für das ganze soziale Leben ist, sich wieder in ein harmonisches Zusammenleben mit dem Universum hineinzufinden, da die Menschheit sonst dazu verurteilt ist, «immer mehr und mehr die Disharmonie im sozialen Zusammenleben zu entwickeln, und immer mehr und mehr Kriegsstoff über die Welt auszusäen». Zu aufsteigenden Kulturkräften wird man nicht wieder kommen, solange man vor allem in Wissenschaft und Technik neben einer abgesonderten Religion nur dem menschlichen Egoismus dient, solange man am Laboratoriumsund Experimentiertisch ohne das verehrende Bewusstsein für das «große Weltgesetz» forscht und experimentiert. «Der Laboratoriumstisch muss zum Altar werden», ist eine Formel, der man immer wieder begegnet. 12)
Dass es dazu noch eines langen Weges bedürfen wird und darum Toleranz geübt werden sollte, sowohl von Seiten derer, die die alten Formen weiterzupflegen haben, wie von Seiten derer, die das Zukünftige erstreben sollten, geht aus den folgenden Äußerungen hervor:
«Freilich, so wahr es ist, dass in Bezug auf das spirituelle Leben ein ganz neues Zeitalter anbricht, so wahr ist es auch, dass der Weg zu dem Christus, der für viele Jahrhunderte der richtige war, es auch für viele Jahrhunderte noch bleiben wird. Die Dinge gehen nach und nach ineinander über. Aber das, was früher richtig war, wird sich nach und nach in ein anderes verwandeln, wenn die Menschen dafür reif werden.» (Karlsruhe, 13. Oktober 1911)
«Gleich wie derjenige - der dadurch, dass er den Geist des Mysteriums von Golgatha, den Christus, in seinem Innern so tief ergriffen zu haben glaubt, dass er unmittelbar, man möchte sagen <Zwiesprache, mit diesem Christus pflegen kann - mit Verständnis hinblicken muss auf die, welche die positiven Satzungen eines Bekenntnisses brauchen, welche den Christus-Diener brauchen, der ihnen immer wieder und wiederum Trost mit den Worten gibt: Deine Sünden sind dir vergeben - sollten auf der anderen Seite tolerant sein diejenigen, welche sehen, dass Menschen da sind, die schon mit sich selbst fertig werden. Das mag alles ein Ideal sein im Erdendasein, aber wenigstens der Anthroposoph darf zu einem solchen Ideal aufblicken.» (Norrköping, 16. Juli 1914)
Aber nicht nur auf die Bedeutung des Kultischen für die individuelle, sondern auch für die ganze Menschheits- und Erdenentwicklung wurde hingewiesen. In Vorträgen, die in der Zeit gehalten wurden, in denen sich die religiöse Erneuerungsbewegung «Die Christengemeinschaft» begründete und in denen das Wort fiel, dass in dem Kultus die Mysterien stecken, die sich «in ihrer vollen Bedeutung» erst in der Zukunft offenbaren werden, «eben die Mysterien der kommenden Zeit», wurde ausgeführt, dass eine Zeit kommen werde, in der die Erde nicht mehr sein wird; alles, was heute an Stoffen die Naturreiche und die Menschenleiber ausfüllt, wird im Weltenall zerstäubt sein. Auch alle durch die maschinelle Technik bewirkten Vorgänge werden der Vergangenheit angehören. Aber dadurch, dass durch «richtige» Kultushandlungen, die aus einem «richtigen Erfassen der geistigen Welt» hervorgehen, in diese untergehenden Natur- und Kulturprozesse elementar-geistige Wesenheiten, die mit der Fortentwicklung der Erde zu tun haben , hereingerufen werden können, werde die Erde aus der Vernichtung neu auferstehen (Dornach, 29. September 1922).
Eine andere tief in die Gesamtentwicklung von Menschheit und Kosmos hineinleuchtende Begründung für das Wort, dass in dem Kultischen die Mysterien der Zukunft liegen, ergibt sich aus jenem geisteswissenschaftlichen Forschungsergebnis, wonach das Göttlich-Geistige des Kosmos durch das freie, aus dem Ich-Bewusstsein heraus selbstverantwortlich gewordene Menschentum in der Zukunft ein anderes Wesen als bisher offenbaren werde: «Nicht mehr dieselbe Wesenheit, die einst als Kosmos da war, wird da durch die Menschheit aufleuchten. Das Göttlich-Geistige wird im Durchgang durch das Menschentum ein Wesen-erleben, das es vorher nicht offenbarte.» 13) Für diese neue Offenbarungsweise des kosmischen Geistwesens werden somit auch erst in der -Zukunft die entsprechenden Kultformen entstehen können, da das Wesen eines echten Kultus darin besteht, «dass er das Abbild ist von demjenigen, was in der geistigen Welt vorgeht» (Dornach, 27. Juni 1924).
Voraussetzung zu all dem ist die Spiritualisierung des Denkens. Erst davon ausgehend wird man dazu kommen können, nach und nach alle Lebensbetätigungen zu sakramentalisieren. Dann werden sich aus der Erkenntnis der geistigen Wirklichkeiten heraus auch die alten Zeremonien ändern, weil es da, wo man Wirklichkeiten hat, keiner Symbole mehr bedarf (Karlsruhe, 13. Oktober 1911, und Arbeitervortrag Dornach, 11. September 1923).
Mit dem Ändern der Zeremonien sind hier die christlichen Sakramente gemeint, in denen für die traditionelle christliche Anschauung der Sinn des Christentums enthalten ist, deren Ursprung aber bereits in den antiken Mysterien zu suchen ist. Erst im 16. Jahrhundert- mit der durch das Tridentinum 1546 als allein authentisch erklärten Bibelübersetzung, der Vulgatatrat an die Stelle des griechischen «mysterion» das lateinische «sacramentum». Der Begriff der Sakramente findet sich im kirchlichen Sprachgebrauch jedoch schon seit dem Kirchenvater Tertullian im 2. Jahrhundert. Hinsichtlich der Anzahl, Bedeutung und Wirkung war die Auffassung allerdings schwankend, bis die römisch-katholische Kirche auf dem Konzil von Ferrara-Florenz 1439 ihre Anzahl auf sieben festsetzte (Taufe, Abendmahl, Buße, Firmung, Ehe, Ordination, letzte Ölung) und zum Dogma erhob, dass die Sakramente von Christus eingesetzte, aus einem sichtbaren Element (materia) und rituellen Worten (forma) bestehende Handlungen sind, durch die die heiligmachende Gnade übertragen wird.
Wenn dagegen die evangelische Kirche nur zwei Sakramente, die Taufe und das Abendmahl, anerkennt, so rührt dies nach Rudolf Steiners Darstellung im Vortrag Stuttgart, 2. Oktober 1921, davon her, dass man in der Zeit der Reformation schon keinen Sinn mehr für die innere Zahlenkonstitution der Welt gehabt hat. Denn der Gedanke der sieben Sakramente sei ursprünglich aus der alten Erkenntnis hervorgegangen, dass die Gesamtentwicklung des Menschen von Evolutions- und Involutionsprozessen bewirkt wird. Mit den sieben Sakramenten sollte darum den sieben Stadien, durch die der Mensch im Leben einschließlich des Sozialen geht und in denen er teils evolutive, teils involutive Werte entwickelt, die entsprechenden Gegenwerte hinzugefügt werden. Die sieben Stadien im menschlichen Leben sind. Geburt, Stärke (Reife), Nahrung, Zeugung, Wiedererlangung, Rede, Verwandlung. Sie werden wie folgt charakterisiert. Die den Geburtskräften innewohnende Involution ist der mit dem Geburtsprozess einsetzende Sterbeprozess; er sollte geheiligt werden durch das Sakrament der Taufe. Der gesamte Reifeprozess einschließlich der Geschlechtsreife sollte geheiligt werden durch das Sakrament der Firmung (Konfirmation). Mit dem als «Nahrung» bezeichneten Prozess ist die Verleiblichung des Geistig-Seeliscben im Physisch-Leiblichen gemeint; das heißt, zwischen Geistig-Seelischem und Physisch-Leiblichem muss.der richtige Rhythmus hergestellt sein, damit das Seelisch-Geistige nicht in das Tierische hinuntersinkt, aber auch nicht in weitenfremde Geistigkeit sich verliert. Die diesem Evolutionsprozess innewohnende Involution sollte geheiligt werden durch das Sakrament des Heiligen Abendmahles. Verbunden mit diesem rhythmischen Schwingungsprozess zwischen Seelisch-Geistigem und Physisch-Leiblichem ist die Möglichkeit, auch in der Zeit immer wieder zurückschwingen zu können durch das Erinnerungsvermögen. Zur vollständigen Entwicklung bedarf es der Erinnerung an vorhergehend erlebte Erdenerfahrungen. Die dem aus dem menschlichen Wesen evolvierenden Erinnerungsvermögen innewohnende Involution sollte geheiligt werden durch das Sakrament der Buße, das die Gewissenserforschung, die Reue und den Vorsatz einschließt, die begangenen Fehler abzulegen und entsprechende durch sich selbst oder den Priester auferlegte Vergeltung auf sich zu nehmen, so dass der Erinnerungsvorgang durchchristet und zugleich ins Moralische hinaufgehoben wird. Mit diesen vier charakterisierten Prozessen sind die Evolutionsvorgänge seit der Geburt des Menschen erschöpft. Der Erinnerungsvorgang stellt,schon eine starke Verinnerlichung dar, die Evolution nähert sich bereits der Involution. Ein natürlicher Involutionsvorgang ist der Tod. Das entsprechende Sakrament ist die letzte Ölung. So wie vordem durch die entsprechenden natürlichen Lebensvorgänge das physisch-leibliche Wesen angeregt worden ist, so soll nun durch den Ölungsvorgang - der in alter Naturerkenntnis als ein Verseeligungsvorgang angesehen wurde -, das geistig-seelische Leben angeregt werden. «Es soll, im Rhythmus ausgedrückt, beim Tod das Physisch-Leibliche wieder verschwinden, das Geistig-Seelische wiederum Form gewinnen.» Das ist, was «Wandlung» genannt wird.
Da sich mit dem Tod das individuelle Leben des Menschen erschöpft, beziehen sich die beiden noch fehlenden Stadien und Sakramente auf etwas, was nicht mehr individueller Natur ist. Es ist einmal das Wechselverhältnis des Menschen mit dem Himmlisch-Geistigen, wie es unbewusst bei jedem Menschen vorhanden ist. Wäre das nicht der Fall, könnte man den Weg nimmermehr zurückfinden. Aber es sei ein tief im Menschen verbor-gener Involutionsvorgang, «noch verborgener als dasjenige, was im Menscheninnern geschieht, wenn er mit seinem Organismus durch den Tod geht», ein Prozess, der im Verlauf des individuellen Lebens überhaupt nicht zum Bewusstsein komme. Den diesem Involutionsprozess entsprechenden Evolutionsvorgang hätte man gesehen in dem Sakrament der Priesterweihe, das dem entspricht, was «Rede» genannt wird.
Das, was als Siebentes in Frage komme, sei das Abbild des Geistig-Seelischen im Physisch-Leiblichen, wie es in Mann und Weib zum Ausdruck komme: «Man müsste sagen, das Heruntersteigen in das irdische Leben würde durch eine gewisse Grenze bezeichnet. Das Weib erreicht diese Grenze nicht vollständig, der Mann aber überschreitet sie. Darin besteht eigentlich der Gegensatz im Physisch-Leiblichen.» Weil beide also eine gewisse Unvollkommenheit in sich tragen, bestehe zwischen ihnen ein naturgegebener Spannungszustand. «Wenn dazu der sakramentale Evolutionswert gesucht wird, so haben wir den gegeben im Sakrament der Ehe.» Dieser Grundgedanke der christlichen Esoterik in Bezug auf den Sakramentalismus - dass der Mensch als unvollkommenes Wesen ins Leben tritt, teils evolutive, teils involutive Werte entwickelt, denen, um ihn zu einem sich vollständig entwickelnden Wesen zu machen, auf sakramentale Weise die Gegenwerte hinzugefügt werden sollen - sei schon nicht mehr verstanden worden, seitdem man begönnen hatte - «selbstverständlich wiederum mit Recht» - über das Sakramentale zu diskutieren. Heute jedoch hätten wir wiederum sehr nötig, zu Involutionswerten zu kommen.


Spirituelles Denken als geistige Kommunion, als Beginn eines der Menschheit der Gegenwart gemäßen kosmischen Kultus

Dass all dasjenige, was unser Verhältnis zur Welt ist, zunächst sich als kosmischer Kultus erkennt im Menschen, das ist der erste Anfang dessen, was geschehen muss, wenn Anthroposophie ihre Mission in der Welt vollziehen soll. 14)
Wenn Rudolf Steiner mit der Vergeistigung der Sakramentsformen bei der Kommunion ansetzt, so zeigt sich dies wiederum entwicklungsgesetzlich bedingt dadurch, dass im Sakrament der Kommunion der involutive Gegenwert zu der Verleiblichung des Seelisch-Geistigen im Physischen des Menschen liegt. Nachdem die letzte Stufe des Verleiblichungsprozesses die Bindung des Denkens an das physische Gehirn gewesen ist, muss mit der Rückentwicklung, der Wiedervergeistigung, auch bei diesem physisch gewordenen Denken, der Intellektualität, eingesetzt werden.
Schon in seiner ersten eigenen Buchpublikation, in der Schrift «Grundlinien einer Erkenntnistheorie der Goethe'schen Weltanschauung» (1886) setzte er an diesem Punkte ein, indem er erkenntniswissenschaftlich begründete, wie im reinen, das heißt sinnlichkeitsfreien Denken eine Vereinigung mit der Weltgeistigkeit vollzogen wird, was dann auch ein Jahr später mit dem sakramentalen Ausdruck «Kommunion» bezeichnet wird, wenn es heißt:
«Wer dem Denken seine über die Sinnesauffassung hinausgehende Wahrnehmungsfähigkeit (zuerkennt), der muss ihm notgedrungen auch Objekte zuerkennen, die über die bloße sinnenfällige Wirklichkeit hinaus liegen. Die Objekte des Denkens sind aber die Ideen. Indem sich das Denken der Idee bemächtigt, verschmilzt es mit dem Urgrunde des Weitendaseins; das, was außen wirkt, tritt in den Geist des Menschen ein; er wird mit der objektiven Wirklichkeit auf ihrer höchsten Potenz eins. Das Gewahrwerden der Idee in der Wirklichkeit ist die wahre Kommunion des Menschen. Das Denken hat den Ideen gegenüber dieselbe Bedeutung wie das Auge dem Licht, das Ohr dem Ton gegenüber. Es ist Organ der Auffassung.» 15)

Da der Inhalt der Anthroposophie nichts anderes ist, als was auf diese Weise aus der Welt der ideellen, der geistigen Wirklichkeit erforscht werden konnte und was seiner Natur nach moralisch-religiösen Charakters ist, versteht es sich von selbst, dass auch in deren Anfangszeit ausgesprochen wurde, dass durch ihre Lehren bewirkt werden soll, das ganze Leben bis in seine alleralltäglichsten Verrichtungen hinein zu heiligen, zu sakramentalisieren, ja dass darin sogar einer der tieferen Gründe für ihr Auftreten liegt (Berlin, 8.Juli 1904). Auch wird durchsichtig, warum es in den für den hier betrachteten Zusammenhang so gewichtigen Vorträgen über «Die geistige Kommunion der Menschheit» heißt, dass die im spirituellen Denken zu erlebende geistige Kommunion der «erste Anfang» dessen ist, was geschehen muss, wenn Anthroposophie «ihre Mission in der Welt» vollziehen soll (Dornach, 31. Dezember 1922).
Wie durch die im Geistigen vollzogene Kommunion aus dem Symbolum des Abendmahles Wirklichkeit werden kann, wird im Vortrag Kassel, 7. Juli 1909, so charakterisiert: Die Menschheit ist erst im Anfange der christlichen Entwickelung. Deren Zukunft liegt darin, dass die Erde als Körper des Christus erkannt wird. Denn durch das Mysterium von Golgatha wurde in der Erde ein neuer Lichtmittelpunkt geschaffen; bis in ihre Atome hinein wurde sie mit neuem Leben erfüllt. Darum konnte Christus beim Abendmahl, als er das Brot brach, das aus dem Korn der Erde kommt, sagen: «Dies ist mein Leib!», und indem er den Rebensaft gab, der aus dem Saft der Pflanzen kommt, konnte er sagen: «Dies ist mein Blut!» Wörtlich heißt es weiter: «Weil er die Seele der Erde geworden ist, konnte er zu dem, was fest ist, sagen: Dies ist mein Fleisch - und zu dem Pflanzensaft: Dies ist mein Blut!, so wie Sie zu Ihrem Fleisch sagen: Dies ist mein Fleisch - und zu Ihrem Blut: Dies ist mein Blut! - Und diejenigen Menschen, welche im Stande sind, den richtigen Sinn dieser Worte des Christus zu fassen, die machen sich Gedankenbilder, die anziehen in dem Brot und in dem Rebensaft den Leib und das Blut Christi, die anziehen den ChristusGeist darinnen. Und sie vereinigen sich mit dem Christus-Geist. So wird aus dem Symbolum des Abendmahles eine Wirklichkeit.»
Jedoch, so heißt es weiter: «Ohne den Gedanken, der an den Christus anknüpft im menschlichen Herzen, kann keine Anziehungskraft entwickelt werden zu dem Christus-Geist beim Abendmahl. Aber durch diese Gedankenform wird solche Anziehungskraft entwickelt. Und so wird für alle diejenigen, welche das äußere Symbolum brauchen, um einen geistigen Actus zu vollziehen, nämlich die Vereinigung mit dem Christus, das Abendmahl der Weg sein, der Weg bis dahin, wo ihre innere Kraft so stark ist, wo sie so erfüllt sind von dem Christus, dass sie ohne die äußere physische Vermittelung sich mit dem Christus vereinigen können. Die Vorschule für die mystische Vereinigung mit dem Christus ist das Abendmahl - die Vorschule. So müssen wir diese Dinge verstehen. Und ebenso wie alles sich entwickelt vom Physischen zum Geistigen hinauf unter dem christlichen Einfluss, so müssen sich zuerst unter dem Christus-Einfluss heranentwickeln die Dinge, die zuerst da waren als eine Brücke: vom Physischen zum Geistigen muss sich das Abendmahl entwickeln, um hinzuführen zur wirklichen Vereinigung mit dem Christus. - Über diese Dinge kann man nur in Andeutungen sprechen, denn nur wenn sie aufgenommen werden in ihrer vollen heiligen Würde, werden sie im richtigen Sinne verstanden.»
Im gleichen Sinne heißt es im Vortrag Karlsruhe, 13. Oktober 1911, wie dann, wenn sich der Mensch durch das Kennenlernen der Erkenntnisse der höheren Welten, durch Konzentrations- und Meditationsübungen in seinem Innern ganz mit dem Elemente des Geistes zu durchdringen vermag, die in ihm lebenden meditativen Gedanken «ebendasselbe sein (werden), nur von innen heraus, wie es das Zeichen des Abendmahles - das geweihte Brot - von außen gewesen» ist. Friedrich Rittelmeyer berichtet in seinem Erinnerungsbuch «Meine Lebensbegegnung mit Rudolf Steiner», dass er auf die Frage: «Ist es nicht auch möglich, Leib und Blut Christi zu empfangen ohne Brot und Wein, nur in der Meditation?» zur Antwort erhielt: «Das ist möglich. Vom Rücken der Zunge an ist es dasselbe.»
Im Vortrag Dornach, 31. Dezember 1922 wird mit den Worten, dass spirituelle Erkenntnis «der Beginn eines der Menschheit der Gegenwart gemäßen kosmischen Kultus» ist, der «dann wachsen kann», angedeutet, dass die Vereinigung mit dem Weltengeiste weiter vertieft werden kann. In anderen Zusammenhängen findet sich darauf hingewiesen, wie es dazu eines bestimmten darzubringenden Opfers bedarf, durch das man über das allgemeine Erleben der geistigen Kommunion hinaus dann zu wirklich konkreten kosmischen Erkenntnissen gelangen kann. Was dabei zu opfern ist, wird mit dem terminus technicus «Opfer des Intellektes» bezeichnet. Darunter sei jedoch keineswegs der Verzicht auf das Denken als solches, sondern vielmehr der Verzicht auf den Egoismus, den Eigenwillen im Denken zu verstehen, der im willkürlichen Verbinden der Gedanken bestehe. Ausführungen darüber enthalten zwei Vorträge aus dem Jahre 1904 und zwei Vorträge aus den Jahren 1923 und 1924.
Die beiden Vorträge aus dem Jahre 1904 sind allerdings nur in einer mangelhaften Nachschrift überliefert und deshalb bis heute ungedruckt. Darum sei hier das in Frage Kommende wörtlich angeführt. In dem Vortrag vom 1. Juni 1904 heißt es, dass es zum Lesenkönnen in der AkashaChronik, zum Erforschen der kosmischen Evolution, gewisser Vorbedingungen bedarf, deren eine darin bestehe,
«dass man seine eigenen Gedanken zur Verfügung stellt diesem Prinzip, dieser Kraft und diesen Wesenheiten, die wir in der theosophischen Sprache die Meister nennen. 16) Denn letzten Endes muss uns der Meister die nötigen Anweisungen geben, um die Akasha-Chronik lesen zu können. Sie ist geschrieben in Symbolen und Zeichen, nicht in Worten einer jetzt bestehenden oder einer der bestanden habenden Sprachen. Solange man nur
die Kraft anwendet, die der Mensch gewöhnlich anwendet beim Denken - und jeder Mensch, der nicht ausdrücklich daraufhin gelernt hat, wendet diese Kraft an -, kann man nicht in der Akasha-Chronik lesen.
Wenn Sie sich fragen: <Wer denkt? >, so werden Sie sich sagen müssen: <Ich denke>. Sie verbinden Objekt und Prädikat miteinander, wenn Sie einen Satz bilden. Solange Sie selbst es sind, der die einzelnen Begriffe verbindet, so lange sind Sie nicht im Stande, in der Akasha-Chronik zu lesen. Sie sind nicht im Stande zu lesen, weil Sie Ihre Gedanken mit dem eigenen Ich verbinden. Sie müssen aber ihr Ich ausschalten. Sie müssen verzichten auf jeden eigenen Sinn. Sie müssen lediglich die Vorstellungen hinstellen, um die Verbindung der einzelnen Vorstellungen durch Kräfte außerhalb von Ihnen, durch den Geist, herstellen zu lassen.
Es ist also der Verzicht - nicht auf das Denken, wohl aber darauf, von sich aus die einzelnen Gedanken zu verbinden - notwendig, um in der Akasha-Chronik zu lesen. Dann kann der Meister kommen und Sie lehren, durch den Geist von außen Ihre Gedanken zusammenfügen zu lassen zu dem, was Ihnen der universelle Weltengeist über das, was in der Geschichte sich vollzogen hat, zu zeigen vermag. Dann urteilen Sie nicht mehr über die Tatsachen, sondern dann spricht zu Ihnen der universelle Weltengeist selbst. Und Sie stellen ihm ihr Gedankenmaterial zur Verfügung.

Nun muss ich etwas sagen, was vielleicht etwas Vorurteil erweckt. Ich muss sagen, was heute vorbereitend notwendig ist, um zu der Ausschaltung des Ich zu kommen, um in der Akasha-Chronik lesen zu können. Sie wissen, wie es eine heute verachtete Sache ist, was die Mönche im Mittelalter gepflegt haben. Sie haben nämlich gepflegt das <Opfer des Intellekts >. Der Mönch hat nicht so gedacht, wie der heutige Forscher denkt. Der Mönch hatte eine bestimmte heilige Wissenschaft, die heilige Theologie. Über den Inhalt hatte man nicht zu entscheiden. Man sprach deshalb davon, dass der Theologe im Mittelalter seinen Verstand dazu zu gebrauchen hat, die gegebenen Offenbarungen zu erklären und zu verteidigen. 17) Das war, wie man sich auch heute dazu stellen mag, eine strenge Schulung in der Hinopferung des Intellektes an einen gegebenen Inhalt. Ob das nun nach modernen Begriffen etwas Vorzügliches oder etwas Verwerfliches ist, davon wollen wir absehen.
Dieses Opfer des Intellektes, das der Mönch des Mittelalters brachte, führte zu der Ausschaltung des von dem persönlichen Ich ausgehenden Urteils, es führte ihn dazu, zu lernen, wie man den Intellekt in den Dienst eines Höheren stellt. Bei der Wiederverkörperung kommt dann das, was damals durch dieses Opfer hervorgebracht wurde, zur Auswirkung und macht ihn zum Genie des Anschauens. Kommt dann das höhere Schauen hinzu, dann kann er die Fähigkeit anwenden auf die Tatsachen, die in der Akasha-Chronik zu lesen sind.» (Berlin, 1. Juni 1904)
In dem einige Wochen später gehaltenen Vortrag heißt es:
«... Je weiter man auch auf dem Erkenntnisweg vorwärtsdringt, umso, mehr wird man sich auch Devotion aneignen müssen; man wird immer devotioneller und devotioneller werden. Aus dieser Devotion fließt dann die Kraft zu den höchsten Erkenntnissen. Wer es dazu bringt, darauf zu verzichten, seine Gedanken zu verbinden, der gelangt zu dem Lesen der Schrift in der Akasha-Chronik. Eines ist aber dabei notwendig: das persönliche Ich so weit ausgeschaltet zu haben, dass es keinen Anspruch darauf macht, die Gedanken selbst zu verbinden.

Es ist gar nicht so leicht, das zu verstehen, denn der Mensch macht darauf Anspruch, das Prädikat mit dem Subjekt zu verbinden. So lange er das aber tut, ist es ihm unmöglich, wirklich okkulte Geschichte zu studieren. Wenn er in Selbstlosigkeit, aber auch in Bewusstheit und Klarheit die Gedanken aufsteigen lässt, dann tritt ein Ereignis ein, welches, von einem gewissen Gesichtspunkte aus, jeder Okkultist kennt, nämlich das Ereignis, dass sich die Vorstellungen, die Gedanken, die er früher nach seinem persönlichen Standpunkte zu Sätzen, zu Einsichten geformt hat, jetzt durch die geistige Welt selbst formen, so dass nicht er urteilt, sondern in ihm geurteilt wird. Es ist dann so, dass er sich hingeopfert hat, auf dass ein höheres Selbst geistig durch seine Vorstellungen spricht.
Das ist - okkult aufgefasst - das, was man im Mittelalter das <Opfer des Intellektes> genannt hat. Es bedeutet das Aufgeben meiner.eigenen Meinung, meiner eigenen Überzeugung. So lange ich selbst meine Gedanken verbinde, und meine Gedanken nicht höheren Gewalten zur Verfügung stelle, die auf der Tafel des Intellektes dann gleichsam schreiben, so lange kann ich nicht okkulte Geschichte studieren.» (Berlin, 25. Juli 1904)
In den beiden Vorträgen Penmaenmawr, 31. August 1923, und Prag, 5. April 1924 tritt der Begriff «Opfer des Intellektes» wieder auf, und zwar im Zusammenhang mit dem Forschungsergebnis über eine verloren gegangene episch-dramatische Dichtung aus den ersten vier christlichen Jahrhunderten. Diese Dichtung sei durch die Mysterienlehrer jener Zeit geschaffen worden, weil sie voraussahen, dass die Menschen in der Zukunft mehr und mehr den Intellekt entwickeln werden, der ihnen zwar die Freiheit bringen, aber auch das Hellsehen nehmen werde, wodurch eine schwere Krise über sie kommen müsse, weil sie mit ihrem Verständnis nicht mehr hinaufreichen werden zu jenen Regionen, aus denen die eigentlichen tieferen Grundlagen der Erden- und Menschheitsentwicklung und die kosmische Bedeutung des Christentums verstanden werden können. Diese Voraussicht habe bei jenen Mysterienlehrern die große Sorge erzeugt, ob die Menschheit sich wirklich werde reif machen können für dasjenige, was durch das Mysterium von Golgatha in die Welt gekommen ist und darum kleideten sie die Lehre, dass es des Opfers des Intellektes bedarf, um den Christus in seiner kosmischen Bedeutung verstehen zu können, in ein «Mysteriendrama» 18), in dieses verloren gegangene epische Drama.
In ergreifender Weise sei darin dargestellt worden, wie sich ein junger Held durch
seine Bereitschaft, das Opfer des Intellektes zubringen, die Hellsichtigkeit für die kosmische Bedeutung des Christentums erworben habe. Und jene Mysterienlehrer hätten mit dieser Dichtung - es sei die größte gewesen, die das Neue Testament hervorgebracht habe - wie eine Art Testament die Aufforderung vor die Menschheit hinstellen wollen zu dem «Sacrificium intellectus». Denn wenn die Verbindung mit dem, was durch das Mysterium von Golgatha in die Menschheit hineingekommen ist, gefunden werden soll, dann müsste dieses Sacrificium im Grunde genommen von allen, die zum Geistesleben, zur Gelehrsamkeit streben, geübt werden «Über jeden gelehrt werdenden, weise werden wollenden Menschen müsste kultische Haltung, Opferhaltung kommen.» (Penmaenmawr, 31. August 1923, und Prag, 5. April 1924). Denn «Opfer ist das Gesetz für die geistige Welt» (Berlin, 16. Februar 1905); «Opfer muss sein, ohne Opfer gibt es kein Werden, keinen Fortschritt», heißt es in Notizen von einer Instruktionsstunde in Basel am 1. Juni 1914.
Künstlerisch gestaltet findet sich das «Opfer des Intellektes» im dritten Mysteriendrama «Der Hüter der Schwelle». In einem geistdramatischen Augenblick leistet darin die Geistesschülerin Maria - unterstützt von dem Geisteslehrer Benediktus, der charakteristischerweise in diesem im Geistgebiet spielenden Bild im Priestergewand auftritt - vor Luzifer, dem Repräsentanten der egoistischen Kräfte, das Gelöbnis, in Zukunft von allem Wissen die Eigenliebe stets fern zu halten:

Niemals will ich künftig
Von jener Seligkeit mich finden lassen,
Die Menschen fühlen, wenn Gedanken reifen.
Zum Opferdienst will ich das Herz mir rüsten,
Dass stets mein Geist nur denken kann, um denkend
Des Wissens Früchte Göttern hinzuopfern.
Erkenntnis wird mir dann zum Weihedienst.

Aus den angeführten Vorträgen vom Jahre 1904 wird deutlich, dass das Opfer, das die Geistesschülerin Maria zu bringen gelobt, dem gleichkommt, was dort als «Opfer des Intellektes» charakterisiert ist.
Außer den Hinweisen auf die Spiritualisierung des Sakramentes der Kommunion im spiritualisierten Denken, finden sich auch noch Hinweise auf die Spiritualisierung des Sakramentes der Taufe. Diese weist, im Gegensatz zur geistigen Kommunion als einem individuellen Geschehen im Inneren des Menschen, auf die Spiritualisierung der äußeren Arbeit. Anfänge dazu könnten heute schon in Erziehung und Unterricht gemacht werden, wenn einmal jedes Menschenkind unter dem Gesichtspunkt betrachtet werden wird, dass es auf seine ganz persönliche Art die Kraft des ChristusGeistes in die Welt mit hereinbringt. 19) In einem anderen Zusammenhang findet sich die Bemerkung: «Dasjenige, was früher als Symbolum des Sakramentes der Taufe in den Mysterien vollzogen wurde, sollte heute ins äußere Geschehen, in die äußere Tat eingeführt werden. Spiritualisierung der menschlichen Arbeit, Sakramentalisierung im äußeren Geschehen, das ist die wahre Taufe.» 20)


Die für verschiedene Gemeinschaften geschaffenen Kultformen

Kultus bindet die Menschen, die im Kultus sich vereinigen, aneinander. 21)

Inwiefern Kultus gemeinschaftsbildend wirkt, wurde eingehend im Jahre 1923 behandelt, als durch verschiedene seit dem Ende des ersten Weltkrieges entstandene Tochterbewegungen und durch den Brand des Goetheanum eine grundlegende Neuorganisierung der Anthroposophischen Gesellschaft notwendig geworden war. Das Problem «Gemeinschaftsbildung» war damals besonders aktuell geworden, einerseits durch die in die Gesellschaft hereinströmende Jugend, die größtenteils aus der damaligen mit dem Gemeinschaftsideal ringenden Jugendbewegung (Wandervogelbewegung) kam, andererseits durch die im Herbst 1922, kurze Zeit vor dem Baubrand, begründete religiöse Erneuerungsbewegung «Die Christengemeinschaft». Diese Bewegung hatte sich gebildet, nachdem um 1920/21 junge Theologen, zumeist noch Studenten, an Rudolf Steiner mit der Frage herangetreten waren, ob er nicht auch ihnen in ihrem Bedürfnis nach einer geistigen Erneuerung des religiösen Berufes raten und helfen könne.

Seine Antwort ging dahin, dass er selbst die Geisteswissenschaft zu bringen habe und nicht irgendwie religionsbegründend wirken könne; wenn sie jedoch mit einer Schar von 30 bis 40 Gleichgesinnten das durchführten, was sie vorhätten, so würde das etwas ganz Großes für die Menschheit bedeuten. 22) Denn er war überzeugt, dass für diejenigen Menschen, die den Weg zum Geistigen über das religiöse Praktizieren suchen wollen, die Erneuerung des christlich-religiösen Lebens eine tiefe Notwendigkeit sei. Und so leistete er dieser jungen Bewegung - allerdings nicht als deren Begründer, sondern wie er sagte, als «Privatmann» - auf das Tatkräftigste die erbetene Hilfe. Er gab in Vorträgen die Grundlagen für das, «was eine künftige Theologie braucht» und gab vor allem «einen gültigen und spirituell kräftigen, spirituell von Wesenheit erfüllten Kultus», denn eine Gesundung des religiösen Lebens müsse durch eine gesunde Gemeinschaftsbildung entstehen, die wiederum nur in einem Kultus gegeben sei (Dornach, 31. Dezember 1922, und 3. März 1923).
Nachdem durch die Begründung der «Christengemeinschaft» in der Anthroposophischen Gesellschaft eine gewisse Unsicherheit in Bezug auf das Verhältnis der beiden Bewegungen entstanden war, sah er sich veranlasst, das Thema Gemeinschaftsbildung und Kultus zu behandeln. Ausgehend von der Frage, ob die Gemeinschaftsbildung, die durch die «Christengemeinschaft» aufgetreten ist, die in der Gegenwart einzig mögliche sei, oder ob sich innerhalb der Anthroposophischen Gesellschaft auch eine andere Möglichkeit finden ließe, stellte er die zwei Pole der durch den Kultus möglichen Gemeinschaftsbildung dar. Während der bekannte Pol im religiösen Kultus darin liege, dass durch Wort und Handlung Wesenheiten der übersinnlichen Welten auf den physischen Plan heruntergeholt werden, handle es sich bei dem anderen Pol um einen «umgekehrten» Kultus, der dann entstehen könne, wenn man sich in anthroposophischen Arbeitsgemeinschaften durch gemeinsame Erkenntnisbemühung zu den übersinnlichen Welten hinauf erhebe. Wenn eine Menschengruppe sich zusammenfinde, um gemeinsam dasjenige zu erleben, was aus der übersinnlichen Welt heraus durch Anthroposophie geoffenbart werden kann, «dann ist dieses Erleben in einer Menschengruppe eben etwas anderes als das einsame Erleben». Wenn dies in der richtigen Gesinnung erlebt werde„so bedeute das einen Prozess des Aufwachens an der anderen Menschenseele und ein Sich-Erheben zur Geistgemeinschaft:
«Wenn dieses Bewusstsein vorhanden ist und solche Gruppen in der Anthroposophischen Gesellschaft auftreten, dann ist in diesem, wenn ich so sagen darf, umgekehrten Kultus, in dem anderen Pol des Kultus, etwas Gemeinschaftsbildendes im eminentesten Sinne vorhanden» und daraus könne diese «spezifisch anthroposophische Gemeinschaftsbildung» erwachsen (Dornach, 3. März 1923).
Diese ohne äußeres Zeremoniell mögliche Form kultischen Erlebens liegt offensichtlich in der Linie des durch spirituelle Erkenntnis erlebbaren kosmischen Kultus. Gleichwohl hätte Rudolf Steiner, wenn er noch längere Zeit hätte wirken können, auch einen äußerlich zu vollziehenden Kultus geschaffen, gewissermaßen als eine wirksame Hilfe auf dem schweren Wege zu dem im rein Geistigen zu suchenden kosmischen Kultus. Denn das Erleben des kosmischen Kultus als geistig-mystische Vereinigung des Menschengeistes mit der Weltgeistigkeit sollte wohl immer angestrebt werden, kann aber, wenigstens heute noch, sicherlich nur selten wirklich erlebt werden. Das deutete auch Rudolf Steiner einmal mit den Worten an: «Ich erinnere daran, dass ein großer Mystiker der alexandrinischen Schule in hohem Alter gestand, dass er nur wenige Male im Leben jenen großen Augenblick erlebt habe, in dem die Seele sich reif fühlt, so sich zu vertiefen, dass der Geist des Unendlichen wach wird und jener mystische Augenblick eintritt, wo der Gott in der Brust vom Menschen selber erlebt wird. Das sind Mittagsaugenblicke, wo die Sonne des Lebens am höchsten steht, in denen so etwas erlebt werden kann, und für diejenigen; die immer mit ihren abstrakten Ideen zur Hand sein wollen, dass sie sagen: Wer einmal, richtige Gedanken hat, dann muss ihn das zum Höchsten führen - für die sind solche Mittagsstunden des Lebens, die man als Gnade des irdischen Lebens ansehen muss, keine Zeit, zu der sie gerne reisen wollen; 23) für solche Abstraktlinge muss jederzeit der Augenblick da sein, die Welträtsel zu lösen.» (Heidelberg, 21. Januar 1909).
Dass Rudolf Steiner im Jahre 1923, dem Jahr der Neugestaltung der Anthroposophischen Gesellschaft, in Betracht zog, auch wieder eine anthroposophische Kultusform zu gestalten, ergibt sich aus zwei seiner Äußerungen im Frühjahr 1923. Die eine fiel bei der Schilderung des «umgekehrten» Kultus als einer spezifisch anthroposophischen Form der Gemeinschaftsbildung. Da fügte er zu der Ausführung, dass viele Menschen zur Anthroposophischen Gesellschaft kommen und nicht nur die anthroposophische Erkenntnis in abstracto, sondern eben aus dem Drang unseres Bewusstseinsseelenzeitalters heraus auch entsprechende Gemeinschaftsbildungen suchen, die Bemerkung hinzu: «Man könnte nun sagen: die Anthroposophische Gesellschaft könnte la auch einen Kultus pflegen. Gewiss, das könnte sie auch; das gehört aber jetzt auf ein anderes Feld» (Dornach, 3. März 1923). Die ändere Äußerung war die Antwort auf eine ihm, in einem persönlichen Gespräch gestellte Frage nach einem Kultus für die anthroposophische Bewegung. Der Fragesteller, Rene Maikowski, hat dieses Gespräch wie folgt festgehalten und zur Wiedergabe zur Verfügung gestellt:
«Nach der Begründung und beim Aufbau der <Freien, Gesellschaft>, die auf Anregung von Rudolf Steiner nach der Delegiertenversammlung Ende Februar 1923 in Stuttgart entstanden war und zu deren Comite ich gehörte, war liier, wie auch anderorts in der Bewegung, vielfach über das Verhältnis unserer Arbeit zu derjenigen der Christengemeinschaft gesprochen worden, insbesondere nach Rudolf Steiners Vortrag vom 30. Dezember 1922. Es kam in unserem Mitarbeiterkreis zu einem Gespräch über unsere Aufgaben und unsere Arbeitsweise. Von einigen wurde festgestellt, dass die Christengemeinschaft es mit ihrer Arbeit leichter habe, da sie durch ihren Kultus eine tragende spirituelle Substanz habe und dadurch dem Bedürfnis nach unmittelbarem Zusammenhang mit dem Geistigen entgegenkommen könnte, mehr als durch die Vortragstätigkeit, auf die sich unsere Arbeit vor allem beschränkte. So tauchte bei einigen Freunden die Frage auf, ob es wohl denkbar wäre, dass für die Gesellschaft auch einmal ein Kultus gegeben werden könnte. Die Meinungen waren geteilt. Ich wandte mich darauf - es war im Frühjahr 1923 - mit dieser Frage an Dr. Steiner selbst, den ich wiederholt auf Reisen begleiten durfte. Zu meiner Überraschung ging er auf den Gedanken einer kultischen Arbeit für die Gesellschaft als durchaus positiv ein. Er erklärte, dass es ja vor dem Kriege auch ein Kultisches gegeben habe. In der Zukunft werde das aber eine andere Gestalt erhalten müssen. Es käme 'auch nicht die Form der Christengemeinschaft in Frage. Er charakterisierte darauf die andersartigen Grundlagen von Anthroposophie und Christengemeinschaft. Beide Bewegungen stellten einen verschiedenen Weg dar und hätten zum Teil verschiedene Meister. Eine kultische Arbeit in der anthroposophischen Bewegung müsse aus demselben geistigen Strom hervorgehen wie die Schulhandlungen, gewissermaßen eine Fortsetzung dessen werden, was in Form und Inhalt in der Opferfeier der Schule gegeben wurde. Und er deutete an, dass er darauf zurückkommen werde, nachdem er danach gefragt worden sei.»
Zu dieser neuen Gestaltung des anthroposophischen Erkenntniskultus ist es allerdings nicht mehr gekommen. Nach seinem Tode versuchte Marie Steiner eine Art Ersatz zu schaffen durch die Art, wie sie den am Goetheanum veranstalteten Feiern, insbesondere der Jahresfeste, einen künstlerisch-kultischen Charakter gab.
Rückblickend zeigt sich, dass durch die an Rudolf Steiner herangetragenen Bedürfnisse verschiedener Lebenskreise eine Fülle von Ritualtexten entstanden ist.
Als erste entstanden die Texte für die Ritualien des interreligiösen Erkenntniskultus, wie er innerhalb der Esoterischen Schule vom Jahre 1906 bis zum Ausbruch des ersten Weltkrieges im Sommer 1914 gepflegt worden war.
Kurz vor oder unmittelbar nach dem Ende des Krieges (Ende 1918) war er um eine Neugestaltung kirchlicher Ritualien gebeten worden. Diese Bitte kam von einem schweizerischen anthroposophischen Freund, Hugo Schuster, der von Rudolf Steiners Christus-Darstellungen so tief ergriffen worden war, dass es ihn zum Priesterberuf gedrängt hatte. Und nachdem er im Sommer 1918 innerhalb der altkatholischen Kirche - in der man schon damals die Ritualien in deutscher Sprache las - geweiht worden war, erhielt er von Rudolf Steiner um die Jahreswende 1918/19 ein Ritual für Bestattungen und im Verlaufe des Frühjahres 1919 eine Neuübertragung der «Messe». 24)
Auch andere im Priesterberuf stehende oder gestanden habende Freunde der Anthroposophie erhielten auf entsprechende Ansuchen hin Ritualtexte. Pastor Wilhelm Ruhtenberg, der an der 1919 begründeten Freien Waldorfschule in Stuttgart Lehrer geworden war, erhielt 1921 ein Tauf- und ein Trau-Ritual. Wie es dazu gekommen war, wurde so überliefert:
«Schon 1921 wurde < Pastor Ruhtenberg > häufig von anthroposophischen Freunden gebeten, sie zu trauen und ihre Kinder zu taufen. Darauf bat er Rudolf Steiner um ein Taufritual. Nachdem er es erhalten hatte, empfand er den schwarzen Talar mit den weißen Bäffchen als nicht mehr angemessen und fragte nach einem neuen Gewand. Rudolf Steiner zeichnete ihm das Gewünschte auf und gab dazu die Farben an. Mit dem Trauritual verhielt es sich nach Ruhtenbergs Bericht folgendermaßen: <Als einmal ein Bräutigam zu mir kam und sagte, Dr. Steiner, den er um die Trauung gebe. ten hatte, habe ihn zu mir geschickt, wollte ich den Mann nicht eine Fehlbitte tun lassen und traute ihn. Danach aber ging ich zu Dr. Steiner und sagte zu ihm: `Herr Doktor, wenn Sie mir jemanden schicken, den ich trauen soll, dann, bitte, geben Sie mir auch ein Ritual.' Einige Wochen später, als ich bei meiner Klasse in der Eurythmiestunde saß, öffnete sich die Saaltür; Dr. Steiner kam auf mich zu, übergab mir einige Blätter und sagte:
'Hier bringe ich Ihnen das Trauungsritual.' Ich setzte mich sogleich hin, um mit brennender Neugier mich in das Ritual zu vertiefen. Nach der Stunde, im Sprechzimmer, fragte ich nach dem Gewande für diese Handlung. Ich trug noch die Skizze vom Taufgewande bei mir, und Dr. Steiner schrieb dazu die Farben für die Trauung, die Form des Gewandes blieb die gleiche. » 25)
Vor dem hatte auch schon ein anderer Lehrer, Johannes Geyer, der früher ebenfalls Pfarrer gewesen war, für die Taufe eines Kindes, um die er von einem anthroposophischen Freund gebeten worden war, ein Taufritual erhalten.
Auch für den freien christlichen Religionsunterricht der Waldorfschule waren Ritualien gestaltet worden, nachdem man an Rudolf Steiner die Frage herangetragen hatte, ob nicht für die Schüler des freien Religionsunterrichtes an den Sonntagen eine religiöse Feier eingerichtet werden könnte. Die Antwort lautete, dass dies dann schon ein Kultus sein müsste. So entstand noch vor Neujahr 1920 das erste Ritual, die «Sonntagshandlung». Auf weitere Fragen gestaltete er die drei anderen Handlungen: in der Weihnachtszeit 1920 die «Weihnachtshandlung»; 1921 die «Jugendfeier» - für die kirchliche Konfirmation stehend; im Frühjahr 1923 für die beiden oberen Klassen die «Opferfeier» - für das Messopfer stehend.
Die «Opferfeier» war entstanden, nachdem Rudolf Steiner in einer Besprechung mit den Religionslehrern am 9. Dezember 1922 berichtet wurde, dass eine Schülerin der oberen Klassen gefragt habe, ob diese nicht eine Sonntagshandlung erhalten könnten, die über die Jugendfeier hinaus weiterführe. Er habe diese Anregung besonders nachdenklich aufgenommen und sie als von weittragender Bedeutung bezeichnet; er wolle sie weiter erwägen. EineMesse wolle er in die mit dem freien Religionsunterricht verbundenen Handlungen nicht hereinnehmen, aber «etwas Messe-Ähnliches» könne man machen. Wenige Monate später, im März 1923, wurde der Handlungstext übergeben und am Palmsonntag, den 25. März 1923, konnte die «Opferfeier» für die Schüler der elften Klasse und die Lehrer zum ersten Mal gehalten werden? 26)
Auf einen in der Lehrerkonferenz vom 16. November 1921 geäußerten Wunsch nach einer besonderen Sonntagshandlung nur für die Lehrer, ist er allerdings nie zurückgekommen.

Als durch das Wirken der im Herbst 1922 begründeten «Christengemeinschaft» in der Schule die Frage aufgekommen war, ob denn der freie Religionsunterricht und die «Handlungen» nunmehr noch berechtigt seien, habe sich Rudolf Steiner unmissverständlich dahingehend ausgesprochen, dass beide Arten von Religionsunterricht, der freie christliche wie derjenige der «Christengemeinschaft», ihren, eigenen Charakter, ihre eigenen Ziele und volle Berechtigung für die Zukunft hätten. Als einige Eltern wünschten, ihre Kinder sollten an beiden Unterrichtsarten teilnehmen, ließ er - sofern es nicht gesundheitsbelastend werde - auch dieses gelten. (Damals wurde der Religionsunterricht der Christengemeinschaft nicht in der Schule, sondern in deren eigenen Räumen erteilt.) Die immer gleich bleibende Grundhaltung größtmöglicher Toleranz in religiösen Fragen spricht auch aus der Art, wie er den Unterschied in der Zielsetzung der beiden Arten des Religionsunterrichtes charakterisierte: «Der innere Sinn unserer Jugendfeier ist, dass der Mensch ganz allgemein in die Menschheit hineingestellt wird, nicht in eine bestimmte Religionsgemeinschaft; die <Christengemeinschaft> aber stellt ihn in eine bestimmte Religionsgemeinschaft hinein». Doch - und das habe er mehrfach betont - «eine Diskrepanz zwischen beiden in inhaltlicher Beziehung kann es eigentlich nicht geben». 27) Und als ihm von Seiten der «Christengemeinschaft», der das Ritual der «Jugendfeier» auch für ihren Aufgabenbereich (Konfirmation) zur Verfügung gestellt worden war, die Frage gestellt wurde, ob dieses Ritual für ihren sakramentalen Zusammenhang nicht einiger Änderungen bedürfe, habe er in «temperamentvoller» Weise entwickelt, dass es gerade «lehrreich» sei, das gleiche Ritual «als den Ausdruck verschiedener Lebenszusammenhänge» verwendet zu wissen. 28)
Ähnlich äußerte er sich im Zusammenhang mit der «Opferfeier». Maria Lehrs-Röschl berichtet a. a. O., wie nach dem ersten Vollzug dieser Handlung Lehrerkollegen darum ersuchten, die Feier für die Lehrer allein zu wiederholen. Da die Ausführenden der Handlung zu der Auffassung neigten, die Handlung solle nur für Schüler unter Teilnahme von Lehrern und Eltern stattfinden, sei sie gebeten worden, Rudolf Steiner darüber zu befragen: «Ich fragte ihn in einer Formulierung, die bereits zeigte, ich sei der Meinung, es gehe nicht an, die Opferfeier anders als für Schüler zu halten.
Rudolf Steiner aber blickte mich mit weit geöffneten Augen an (ich kannte diese Geste als seinen Ausdruck überraschten, leicht missbilligenden Erstaunens) und sagte: <Warum nicht? Diese Handlung kann überall gehalten werden, wo Menschen sind, die sie wünschen! >»
Für den Aufgabenbereich der «Christengemeinschaft» waren, außer dem völlig neu gestalteten Messopfer «Menschenweihehandlung». und den ihr übergebenen schon früher entstandenen Ritualien, nach und nach die noch fehlenden entstanden. Das zuletzt gestaltete Ritual war dasjenige für die Einsetzung des Erzoberlenkers. Es entstand noch kurze Zeit vor Rudolf Steiners Tod.
Die Fülle der so entstandenen Ritualien ist umso erstaunlicher, als Rudolf Steiner selber einmal äußerte, dass es schwierig sei, Kultus zu gestalten «Dass das Kultusartige an sich schwierig zu gestalten ist, können Sie schon daraus ersehen, dass seit langer Zeit man alles Kultusartige darauf beschränkt hat, das Traditionelle zu übernehmen. ... Alle Kultformen, die man heute hat, sind eigentlich uralt, nur in dem einen oder anderen etwas umgestaltet.» (Stuttgart, 14. Juni 1921).
Daraus folgt, dass derjenige, der Kultus zu gestalten unternimmt, wenn dieser ein wahres Spiegelbild von Vorgängen in der geistigen Welt werden soll, in einem souveränen Verhältnis zur Geistwelt stehen muss. Er wird jedoch auch über künstlerisches Gestaltungsvermögen verfügen müssen. Denn Kultformen als Spiegelbilder geistiger Vorgänge sind keineswegs Fotografien gleichzusetzen, sondern sind auf physischen Mitteln beruhende selbständige Gestaltungen. Eine ergänzende Erklärung hierfür scheint in der folgenden Aussage gegeben. zu sein: «Indem sich der Mensch in die nächste Stufe des Daseins hinauferhebt, ergeben sich ihm Bilder, die wir aber jetzt nicht mehr so anwenden wie unsere Gedanken, so dass wir fragen: wie entsprechen diese. Bilder der Wirklichkeit? -, sondern die Dinge zeigen sich in Bildern, die aus Farben und Formen bestehen; und durch die Imagination muss der Mensch selber die Wesenheiten, die sich ihm so. symbolisch zeigen, enträtseln.» (Berlin, 26. Oktober 1908). Konkret findet sich dies einmal am Beispiel des Totenkultus veranschaulicht und daran die Bemerkung geschlossen: «Er könnte noch komplizierter sein, aber in seiner Einfachheit, so wie er jetzt ist, kann ja schon dasjenige, was dadurch erobert werden soll, für die Menschheit erobert werden.» (Dornach, 27. Juni 1924). Der Ausdruck «erobern» deutet wiederum darauf hin, wie schwierig es sein muss, Kultus zu gestalten.
Die Einfachheit - ein auffallendes Merkmal aller seiner Ritualien - begründete er einmal damit, dass ein komplizierter Kultus die Menschen von heute nicht befriedigen würde und man ihn deshalb «außerordentlich einfach» gestalten müsse (Stuttgart, 14. Juni 1921). Aber gerade die Einfachheit zeugt wiederum von einem starken künstlerischen Gestaltungsvermögen. Nun sind auch Kunst und Kultus ihrem Ursprung nach eng miteinander verwandt, da sie beide in der gleichen geistigen Region urständen: «Mit der Menschheitsevolution entwickelt sich der Ritus, lebendiges Bild der geistigen Welt, bis hin zu den Sphären der künstlerischen Produktion. Denn die Kunst geht gleicherweise aus der Astralwelt hervor - und der Ritus wird Schönheit.» (Paris, 6. Juni 1906). Eine für diesen Zusammenhang interessante Begebenheit wurde von Emil Bock überliefert: «Als ich so im Frühjahr 1923 das Kinderbegräbnis-Ritual von ihm entgegennehmen durfte, strahlte er selbst vor Beglückung über diese besondere Art des Schöpfertums, das zugleich die höchste Kunst des Empfangens war. Zweimal trat er an jenem Tage - es war bei Gelegenheit einer Tagung - auf mich zu mit den Worten: <Ist der Text nicht schön!>» 29)
Ein anderes Charakteristisches ergibt sich aus dem esoterischen Prinzip der Kontinuität, einem seiner wesentlichsten Leitmotive:

«Das Künftige ruhe auf Vergangenem
Vergangenes ertrage Künftiges
Zu kräftigem Gegenwartssein». 30)

Wo immer es möglich war, knüpfte er um des kontinuierlichen Fortganges der Entwicklung willen das neu Erforschte an das überlieferte Alte an. So auch für seine Ritualgestaltungen. Dass es notwendig war, die Vergangenheitsströmung zu berücksichtigen, findet sich einmal so formuliert: «Um die Kontinuität der Menschheitsentwicklung aufrecht zu erhalten, dazu ist heute noch notwendig, an Ritual und Symbolik gewissermaßen anzuknüpfen» (Dornach, 20. Dezember 1918), ist darin doch etwas bewahrt, was wieder auferweckt werden kann und auch wieder auferweckt werden wird, wenn man einmal den Weg gefunden haben wird, um die Kraft, die von dem Mysterium von Golgatha ausgeht, wiederum in alles menschliche Tun hineinzubringen (Dornach, 29. September 1922). Und auf die sich in der Gegenwart erst anfänglich offenbarende Zukunftsströmung deuten die Worte:
«In unserer Zeit ist es nur möglich zu Symbolen zu kommen, wenn man sich ganz liebevoll vertieft in die Weltgeheimnisse; und eigentlich kann nur aus der Anthroposophie heraus heute ein Kultus oder eine Symbolik erwachsen.» (Stuttgart, 14. Juni 1921). Im gleichen Sinne heißt es in einem Vortrag über verschiedene Kulte, dass heute in einen Kultus hereingebracht werden müsse, was durch moderne geisteswissenschaftliche Schulung an Gesetzen der Weltgeistigkeit wahrgenommen werden kann, und dass man mit dem Aufbau eines solchen Kultus «höchstens wieder am Anfange» stehen könne (Dornach, 11. September 1923, Vortrag für die Arbeiter am Goetheanumbau).
Auf die Verbindung von Vergangenheits- und Zukunftselementen in der Gestaltung der «Menschenweihehandlung» für die «Christengemeinschaft» wurde einmal wie folgt hingewiesen: «Dieser Kultus berücksichtigt durchaus die historische Entwicklung der Menschheit, trägt daher in vielen seiner Einzelheiten und auch in vielem, was in seiner Totalität auftritt, eine Fortführung des Historischen in sich; aber er trägt überall auch die Einschläge desjenigen, was sich erst heute dem übersinnlichen Bewusstsein aus der geistigen Welt offenbaren kann.» (Dornach, 3. März 1923). 31) In ähnlicher Weise äußerte er sich zur Übertragung des Messetextes für Pfarrer Schuster, der ihn gebeten hatte, «einiges aus den gangbaren katholischen Ritualien nicht in der sonderbaren Übersetzung zu bringen, in der man es heute vielfach genießt, sondern in eine Form zu bringen, die eigentlich ursprünglich darin lag»; und dann sei, obwohl es sich nur um eine Übersetzung gehandelt habe, doch eigentlich «etwas Neues» daraus geworden. Auch vom Bestattungsritual sagte er in demselben Zusammenhang: «Natürlich musste man anknüpfen an die gewöhnlichen Bestattungsrituale. Aber dadurch, dass man das gewöhnliche Ritual nicht lexikografisch, sondern richtig übersetzt hat, ist etwas anderes herausgekommen.» (Stuttgart, 14. Juni 1921)
Auf ein Charakteristisches der Ritualien weist auch der folgende überlieferte Ausspruch: «Man kann in einer Zeit nur einen Kultus rechtmäßig aus der geistigen Welt herunterholen.» 32)

Die Frage, wie die verschiedenen Kultformen mit diesem einen möglichen Kultus übereinstimmen, dürfte dahingehend beantwortet werden können, dass die für verschiedene Lebenskreise gegebenen Kulte - Erkenntniskult der Esoterischen Schule, Handlungen für den freien Religionsunterricht der Waldorfschule, kirchlicher Kultus für die «Christengemeinschaft» - mit diesem «einen» Kultus im Tieferen wesensgleich sein müssen. Es scheint sich dies zu bestätigen durch eine andere von Emil Bock überlieferte Aussage, wonach mit der «Opferfeier» versucht worden sei, das der Menschenweihehandlung der «Christengemeinschaft» Entsprechende zu geben, so weit es durch Laien, das heißt durch nicht zum Priester Geweihte, ausgeübt werden könne. Maria Lehrs-Röschl knüpft daran a.a.O. die Bemerkung: «Was in der Entwicklung der Christenheit als Sehnsucht und Streben nach Laienpriestertum immer wieder erstand - allerdings auch immer wieder verfolgt und schließlich zum Verschwinden gebracht wurde -, das hat hier [mit der Opferfeier] durch Rudolf Steiner eine neue Keimlegung erfahren.» Aus all dem kann offensichtlich werden, dass für Rudolf Steiner esoterischer Erkenntniskult, freireligiöser Kultus und kirchlicher Kultus in keinem Widerspruch zueinander standen. Einmal weil ihm, wie überall, so auch in religiösen Fragen, die Freiheit des Einzelnen als oberstes Gebot galt und als rechtes Christentum nur das; welches «absolute Religionsfreiheit» möglich macht (Zürich, 9. Oktober 1918). Zum andern, weil nur durch die Ausweitung des Kultischen in alle Lebenszweige hinein der Weg zu dem hohen Ideal, das ganze Leben zu sakramentalisieren, beschritten werden kann. Die notwendige Voraussetzung dazu ist allerdings, dass spirituelle Gedanken und Empfindungen «ebenso weihevoll das Innere durchdringen und durchgeistigen, wie in dem besten Sinne der inneren christlichen Entwickelung das Abendmahl die Menschenseele durchgeistigt und durchchristet hat». Wenn dies möglich werde, und nach Rudolf Steiner wird es möglich werden, dann sei man in der Entwicklung wiederum um eine Etappe weitergeschritten und es werde dadurch «wieder der reale Beweis geliefert werden», dass das Christentum größer ist als seine äußere Form (Karlsruhe, 13. Oktober 1911).











Anmerkungen:

1) Siehe «Anthroposophische Leitsätze, GA 26
2) Ilkley, 5. August 1923
3) «Die Ideenwelt ist der Urgrund und das Prinzip alles Seins», Beginn des.Credo: Der Einzelne und das All», abgedruckt in Wahrspruchworte», GA 40.
4) Berlin, 5. März 1922
5) Dornach, 26. September 1920
6) Autoreferat der Ansprache vom 26. September 1920 zur Eröffnung des ersten Hochschulkurses am Goetheanum, geschrieben für die «Waldorf-Nachrichten», 111. Jg. März 1921.
7) In einem Entwurf zu einem Artikel über das niedergebrannte Goetheanum.
8) Dies gehörte auch schon zu den Zielen der Theosophischen Gesellschaft. (Punkt 2 der drei Grundsätze lautet: «durch Erforschung des Wahrheitskernes der Religionen, Wissenschaften und Weltauffassungen aller Zeiten und Völker den Menschen zu einer höheren Erkenntnis zu führen.»)
9) Schon in den Statuten der Theosophischen und dann auch in denjenigen der Anthroposophischen Gesellschaft findet sich von Anfang an, dass die Mitgliedschaft nicht an ein Religionsbekenntnis gebunden ist.
10) Köln, 27. Dezember 1907
11) Dornach, 27. November 1916
12) Heidenheim, 29. April 1918. Siehe auch «Die geistige Führung des Menschen und der Menschheit » (1911) GA 15; Dornach, 27. November 1916; Zürich, 9. Oktober 1918; Dornach, 30. Dezember 1922.
13) Siehe «Anthroposophische Leitsätze (Aufsatz «Menschheitszukunft und Michael-Tätigkeit»), GA 26.
14) Dornach, 31. Dezember 1922
15) Siehe «Goethes naturwissenschaftliche Schriften», herausgegeben und kommentiert von Rudolf Steiner, Vorrede zu Band Il, S. IV (1887), GA 1b; die Einleitung allein siehe GA 1.
16) Über die Meister siehe den Band «Zur Geschichte und aus den Inhalten der ersten Abteilung der Esoterischen Schule 1904 bis 1914», GA 264.
17) Über die beiden Wahrheitsarten - die Erkenntnis- und die Offenbarungswahrheiten - in der modernen Geisteswissenschaft siehe den Vortrag Liestal, 16. Oktober 1916 in «Philosophie und Anthroposophie», GA 35, sowie die Studie von Hans Erhard Lauer «Erkenntnis und Offenbarung in der Anthroposophie», Basel 1958.
18) Den Ausdruck «Mysteriendrama hat sich Rudolf Steiner bei seinen Notizbucheintragungen zu dem Vortrag Prag, 5. April 1924, notiert. Notizbuch-Archivnummer 336.
19) Dornach, 27. November 1916.
20) In Notizen von einer esoterischen Stunde, Hamburg, 28. November 1910.
21) Dornach, 3. März 1923.
22) Emil Bock in «Wir erlebten Rudolf Steiner. Erinnerungen seiner Schüler», herausgegeben von M. J. Krück von Porturzyn, 1. Auflage Stuttgart 1956.
23) Bezieht sich auf eine Redewendung der Irrlichter in Goethes «Märchen von der grünen Schlange und der schönen Lilie», dem dieser Vortrag galt.
24) Näheres siehe unter «Einzelne Hinweise.
25) Aus der biografischen Skizze «Wilhelm Ruhtenberg» in «Der Lehrerkreis um Rudolf Steiner in der ersten Waldorfschule», Stuttgart 1977, S. 210f.
26) Maria Lehrs-Röschl in «Zur religiösen Erziehung. Wortlaute Rudolf Steiners für Waldorfpädagogen», Stuttgart 1985.
27) Siehe «Konferenzen mit den Lehrern der Freien Waldorfschule in Stuttgart 1919 bis 1924», Band I (Einleitung von Erich Gabert), GA 300, S. 41.
28) Auf die später nochmals gestellte Frage, hat er dann die gewünschten Änderungen vorgenommen. Von Emil Bock den Priestern der «Christengemeinschaft» überliefert.
29) Emil Bock in «Wir erlebten Rudolf Steiner. Erinnerungen seiner Schüler», herausgegeben von M. J. Krück von Porturzyn, 1. Auflage Stuttgart, 1956.
30) Aus «Zwölf Stimmungen» in «Wahrspruchworte», GA 40.
31) Mit diesem Hinweis auf die historische Entwicklung sind offenbar die vier Teile des christlichen Messopfers - Evangelium, Opferung, Wandlung, Kommunion - gemeint, die «den Weg des Einzuweihenden aus den alten heidnischen Mysterien» darstellen (Dornach, 11. Januar 1919; München, 4. November 1906).
32) Carl Unger, «Zur Frage des Verhältnisses der Christengemeinschaft zur Anthroposophischen Gesellschaft» in «Schriften 11», Stuttgart 1964.

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