Das Menschenbild der Anthroposophie
und die Sakramente in der Fassung Rudolf Steiners

Ursula Hausen



Höchstes Gebot

Hab Achtung vor dem Menschenbild!
Und denke, dass, wie auch verborgen,
Darin für irgendeinen Morgen
Der Keim zum Allerhöchsten schwillt.

Hab Achtung vor dem Menschenbild!
Und denke, dass, wie tief er stecke,
Ein Keim des Lebens, der es wecke,
Vielleicht aus deiner Seele quillt.

Hab Achtung vor dem Menschenbild!
Die Ewigkeit hat eine Stunde,
Wo jegliches Dir eine Wunde,
Und wenn nicht die, ein Sehnen stillt.

Friedrich Hebbel





Was noch vor wenigen Jahrzehnten zu den großen Tabu-Themen gehörte, die Auseinandersetzung mit Tod und Sterben, hat sich inzwischen zu einer der entscheidendsten Anregungen für eine geistige Neuorientierung entwickelt. Es besteht kein Zweifel daran, dass durch die Frage nach Tod und Sterben jeder Mensch, der sich ernsthaft mit ihr befasst, zu einem eigenen inneren Entwicklungsschritt aufgerufen ist, der sein ganzes Wesen verändert, ihn vielleicht durch die notwendigen Krisen seines Lebens führt - der aber zugleich die größte Bereicherung im Blick auf Lebenssicherheit, Vertrauen und Zukunftsmut geben kann. Denn der Tod ist der größte Lehrmeister, wenn es darum geht, das Leben fruchtbar und sinnvoll zu gestalten. Er wird zum Brennpunkt des gesamten Weges in die Zukunft der Menschheit.
Nach den ersten Pionier-Taten in der Hilfe für Sterbende und Angehörige durch Elisabeth Kübler-Ross entstand schnell eine ganze Reihe von hilfreichen Initiativen, die Augen der Öffentlichkeit richteten sich auf die plötzlich immer häufiger auftretenden NahtodErfahrungen, und heftige Diskussionen darüber, ob dies wirklich mit den Erfahrungen im >realen Sterben< zu vergleichen sei, erhitzten die Gemüter von Ärzten, Theologen, Philosophen usw.
Die Gründung der Hospiz-Bewegung brachte eine weltweite Bewegung zur Hilfe für Sterbende, die allen Betroffenen das Angebot machen will, ein Zugehen auf den Tod in Würde und Ruhe zu ermöglichen. Jedem Menschen soll dabei Achtung der individuellen religiösen oder weltanschaulichen Haltung entgegengebracht werden. Wie segensreich diese Bewegung wirkt, ist in vielen Erfahrungen schon festgehalten.
(Der sakramentale Impuls Steiners will) ...das Erleben der äußeren Kulturfortschritte mit einer entsprechenden Erneuerung des religiösen Lebens zu verbinden. Dadurch kann vor dem Hintergrund der Anthroposophie ein fundiertes und verantwortliches Handeln gerade in den Grenzbereichen des menschlichen Lebens möglich werden. An der Schwelle des Todes ebenso wie an der Schwelle der Geburt können wir das seelisch-geistige Wesen des Menschen kennen lernen und aus dem Wissen um die helfenden Kräfte der göttlichen Welt den Mut finden, mit den Sterbenden und den Verstorbenen gemeinsam das Tor zur Welt jenseits des Todes zu suchen. Dadurch kann eine kraftvolle Brücke gegenseitiger Hilfe zwischen beiden Welten entstehen.
Noch zu Beginn des vergangenen Jahrhunderts gab es für den Menschen gegenüber den Grenzen von Geburt und Tod keine Handlungsmöglichkeiten, hier wirkte >Gottes Wille<. Heute sind Eingriffe in diesen Bereich durch Empfängnisverhütung, Schwangerschaftsabbruch, pränatale Diagnostik, extrakorporale Befruchtung bis hin zu genetischen Veränderungen Alltag. Entsprechend sind durch medikamentöse Behandlungen, Organtransplantationen und das Leben verlängernde oder verkürzende Maßnahmen die Grenzen verwischt, an denen ein >gottgewolltes Schicksal< wirkt.
An der Schwelle des Todes kann das Göttliche im Menschen auf neue Weise aufleuchten und wir können lernen, seinen Weg in die andere Welt zu verstehen. Durch Jesus Christus entsteht eine radikale Verwandlung des Todes. Indem der Sohn Gottes den Tod als Mensch auf sich nimmt, kann er an der Schwelle des Todes jedem Menschen begegnen und ihm den Weg zu Gott wieder öffnen.

Die entscheidende Frage: Was ist der Mensch?
Das anthroposophische Menschenbild, durch das die Sakramente (Steiners) ..verständlich werden, ermöglicht uns in den gegenwärtigen Lebensfragen, zu denen in besonderer Weise die Frage nach dem Sterben gehört, ein neues Verständnis zu entwickeln: Für die Erlebnisse des Sterbenden, für Nahtoderlebnisse und für die geistige Existenz der Seele nach dem Tod sowie vor der Geburt. Die ganze Entwicklung durch die Menschheitsgeschichte bis zu dem Augenblick, in dem durch den Menschen Jesus der Sohn Gottes, Christus, auf der Erde wirken konnte, erscheint durch die Geisteswissenschaft in einem dem heutigen Denken verständlichen Licht. So kann sichtbar werden, dass der Mensch ursprünglich als Ebenbild und Gleichnis Gottes geschaffen war, dass diese Gleichheit durch die Trennung von Gott seit dem >Sündenfall< verloren ging, durch Christus aber wiedergefunden werden kann. Und für einen sterbenden Menschen ist dies oft die entscheidende Frage: Kann ich im Tod durch Christus mein wahres Wesen wiederfinden?
Für die Zukunft der Menschheit wird sichtbar, dass die Auferstehung des Christus das Leben des Menschen auf der Erde und vor allem seinen Weg durch den Tod grundlegend verwandelt hat. Seit durch das Pfingstereignis für jeden Menschen die Möglichkeit gegeben ist, die Kraft des Christus im eigenen Inneren als göttliche, schöpferische Kraft, die auch seine menschlichen Schwächen erkennt und verwandelt, wahrzunehmen, lautet die Frage, die uns für die Zukunft gestellt wird: Wie lernen wir aktiv daran mitzuwirken, dass die von Christus ausgehenden Kräfte in unser Schicksal eingreifen und dass wir Wege finden können, uns in jedem Ereignis unseres Lebens mit seinem Wirken zu verbinden, und dadurch zu erleben, dass er all unsere Schwächen im Inneren heilt?
Ein Mensch, der sich an den Arzt wendet, um seine körperlichen Beschwerden lindern oder heilen zu lassen, weiß, dass dieser Arzt die Gesetze der Naturwissenschaft kennen muss. Und er weiß, dass auch sein Körper diesen Gesetzen unterliegt. Wer .. nach den Sakramenten .. fragt, kann dies in dem Bewusstsein tun, dass das Sakrament eine wirkliche heilende Arznei für das geistig-seelische Wesen des Menschen ist und in der Weise, in der das Geistig-Seelische in die körperlichen Prozesse eingreift, auch körperliche Krankheiten verwandeln kann. In der Zusammenarbeit zwischen Arzt und (sakramental Handelnden) .. auf anthroposophischer Grundlage ist es deshalb möglich, eine das ganze Wesen des Menschen umfassende Form der Begleitung und der Therapie zu entwickeln. In diesem Sinne stammen auch die Rituale, die das Sterben begleiten, aus einer Weisheit, die nicht nur den Körper, sondern auch Seele und Geist des Menschen umfasst, und sind dafür geschaffen, diese Schritte in der entsprechenden Weise zu gestalten.
Aus dem Verständnis dessen, wie sich die Wesensglieder des Menschen im Tode voneinander lösen und das geistig-seelische Wesen seinen Weg in der geistigen Welt beginnt, lassen sich exakt die Entwicklungsschritte ableiten, die ein Sterbender erlebt. Die Nahtoderlebnisse, die von Menschen geschildert werden, die für kurze Zeit klinisch für tot erklärt wurden, dann aber ihr Bewusstsein wieder erlangten, stimmen im Wesentlichen mit diesen Erkenntnissen überein. Sie werden auf andere Weise in den Ritualen .., die das Sterben begleiten, sichtbar. Ein Arzt kennt die typischen Krankheitsverläufe und weiß, in welchem Augenblick welche Behandlung oder welches Medikament notwendig ist. In der entsprechenden Weise können wir lernen, auch in den religiösen Zusammenhängen die Entwicklungsgesetzmäßigkeiten zu sehen. Dann kann durch die Sakramente in der richtigen Weise eine heilende und verwandelnde Kraft wirken.
Die Sakramente führen unser Bewusstsein auf eine Höhe, von der aus gesehen man neue Horizonte erschließen kann. Sie geben uns die Möglichkeit, einen Blick auf die andere Seite zu tun und die dort auf uns zu kommenden Ereignisse einzubeziehen in die Erfahrungen des Weges auf der Erde. ...
Wo es um die Frage nach der individuellen Gestaltung des einzelnen Schicksals geht, ist die Frage nach dem Schicksalssakrament der erneuerten Beichte an der richtigen Stelle. Dieses Sakrament bezieht sich nicht nur auf die vergangenen Sünden und Schwächen, sondern es schafft vor allem die Möglichkeit, in jeder Lebenssituation, in der wir der Hilfe des Christus bedürfen, uns an ihn zu wenden und ihn um neue Kraft und neue Impulse für die Zukunft zu bitten, sodass aus dieser Kraft alles Vergangene verwandelt und geheilt werden kann. Was im Laufe des Lebens geübt wurde, kann so zu einer Kulmination am Ende des Lebens kommen, wenn in der letzten Beichte und der Krankenkommunion diese beiden Sakramente noch einmal aufgenommen werden.
Die Heilige Ölung wird im Allgemeinen als einmaliger Akt verstanden. Sie begleitet den Schritt über die Todesschwelle und verbindet das Leben des einzelnen Menschen mit dem Wirken des Christus, mit seinem Tod und mit seiner Auferstehung auf Golgatha. Während im Todesaugenblick die unmittelbare Begegnung des Menschen mit dem Wesen des Christus geschieht, verwandeln sich in den folgenden Tagen sämtliche Lebensgesetze im Zurückschauen über die vergangene Biografie. Mit der Aussegnung wird Abschied genommen von dem ganzen Lebensumkreis, in dem ein Mensch nun bis zur Aufbahrung geblieben ist. Die Bestattung begleitet den Augenblick, in dem der Leib endgültig an die Elemente der physischen Welt (die Erde oder das Feuer) zurückgegeben wird. Und durch die Weihehandlung für den verstorbenen wird nach der Bestattung an dem folgenden Samstag der Seele ein Weg für ihren nachtodlichen Weg durch die Verarbeitung des Schicksals durch alle Sphären der göttlichen Welt in der Gemeinsamkeit mit Christus gewiesen.
Während für ein materialistisches Bewusstsein der Tod der endgültige Abschied von einem anderen Menschen ist, kann auf diese Weise sichtbar werden: Wer die entsprechenden Schritte miterlebt und einen sterbenden Menschen in seinem jetzt beginnenden Entwicklungsweg begleitet, wird gerade durch das gemeinsame Erleben der Sakramente und Rituale zu dem unmittelbaren Erlebnis geführt, dass das, was in der geistigen Welt vorgeht, in das Erdenleben hinein wirkt. Und was im Erdenleben gedacht und erlebt wird, kann weiterwirken und den Verstorbenen, etwa in der Form von Gebet und Fürbitte, weiterhin erreichen.
So entsteht eine Brücke zwischen den beiden Welten. Wir arbeiten mit Christus gemeinsam daran, Himmel und Erde wieder zu verbinden, und dadurch all die Entwicklungen möglich zu machen, die am Ende der Bibel in den Worten der Apokalypse vorgezeichnet sind. So entsteht ein gemeinsames Ziel für die Menschheit und Christus. Dieses Ziel ist, mit ihm an dem Himmlischen Jerusalem zu bauen, damit es als verwandelte Erde am Ende der Erdenzeit in Erscheinung treten kann als der Ort, an dem Gott bei den Menschen wohnt, und durch den die Einheit der Welt durch die Tat des Christus wiederhergestellt ist.

Was ist also der Mensch? Am Anfang der Schöpfung des Menschen stand der schaffende göttliche Urgedanke (in der Menschen-Weihehandlung wird er genannt »der Menschheit Wesen in dem Übersinnlichen«), das Ebenbild und Gleichnis Gottes. Durch den Sündenfall ging dem Menschen sein Urbild verloren, er war nicht mehr Ebenbild Gottes, seit er sich von der Einheit mit dem Willen Gottes getrennt hatte. Daraus entwickelten sich im Laufe der Menschheitsgeschichte die Tatsachen, die wir heute als das >niedrige< und das >höhere Ich< des einzelnen Menschen bezeichnen, während das wahre Ich der ganzen Menschheit als rein übersinnliches Wesen in der göttlichen Welt mit Christus vereint lebt. Während des Erdenlebens haben wir die Aufgabe, unser niedriges Ich so zu läutern und zu verwandeln, dass es sich mit dem höheren Ich wieder vereinigen
kann und so durch alle Inkarnationen hindurch aus Freiheit die Vereinigung mit dem Christus und durch ihn mit dem Vatergott als dem allumfassenden Wesen wieder vollziehen kann.
Christus kam zur Erde, um das wahre Urbild des Menschseins durch seinen Tod und seine Auferstehung zu retten. Seit er durch den Tod ging, kann er jedem Menschen schon im Erdenleben und mit Sicherheit an der Schwelle des Todes begegnen und ihm sein wahres Wesen wieder entgegenbringen. Durch ihn finden wir die Kraft, alles im Erdenschicksal unserem wahren Wesen nicht entsprechende Handeln auszugleichen und die entsprechende Verarbeitung des Schicksals nach dem Tod und in der Vorbereitung eines zukünftigen Erdenlebens aktiv und zuversichtlich anzugehen. So können wir durch jede Inkarnation mehr unser wahres Wesen ergreifen und gemäß unserer Entwicklung mitwirken an der Verwandlung der Erde.
Christian Morgenstern, der als Dichter in den einfachsten Worten die größten Inhalte der geistigen Welt künstlerisch erfasste und gestaltete, hat sein Erlebnis, in Jesus das wahre Wesen des Menschen zu erkennen und sich in seinem Willen mit ihm zu vereinigen, in einem Gedicht festgehalten:

Ich habe den MENSCHEN gesehn in seiner tiefsten Gestalt,
ich kenne die Welt bis auf den Grundgehalt.
Ich weiß, dass Liebe, Liebe ihr tiefster Sinn,
und dass ich da, um immer mehr zu lieben, bin.
Ich breite die Arme aus, wie ER getan,
ich möchte die ganze Welt, wie ER, umfahn.

In den Sakramenten finden wir für jeden entscheidenden Entwicklungsschritt unseres Lebens die Kraft, durch die Christus uns unser wahres Wesen entgegenbringt, sodass wir durch die Stufen unserer Biografie unser Erden-Ich wieder mit dem Urbild unseres Wesens vereinigen können. So lebt in den Sakramenten das Urbild der Menschheit als eine Art >Ur-Biografie<, die alle notwendigen Kräfte der Entwicklung als Keime in sich trägt. Das wahre Ich des Menschen wird in der Taufe auf Erden empfangen und von dem Christus in allen weiteren Sakramenten durch seine Lebenswege geführt, bis es im Todesaugenblick an der Schwelle zu ihm zurückkehrt.






Zitiert aus Ursula Hausen, >Den Tod als Freund erleben lernen<, Verlag Urachhaus

Bearbeitete Fassung: Als Priesterin der >Christengemeinschaft< wurde in diesem Beitrag der Blick allein auf die >Christengemeinschaft< gerichtet.
Da aber der sakramentale Impuls Rudolf Steiners auch (und sogar zuerst) die >freien christlichen< Handlungen betraf und das auch unsere Perspektive hier ist, habe ich (VDL) in diesem Beitrag die übergeordnete Position eingenommen und im Text >Christengemeinschaft< entsprechend ersetzt (siehe in Klammern oder mit .. versehen).






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