"... der Doktor hat gesagt..." ???

Anthroposophie soll nichts Dogmatisches sein...
An folgender Diskussion
wird das wohl deutlich...




in Diskussion

GRONBACH: Wozu Anthroposophische Gesellschaft? Ich meine: Damit Du direkt zum Wesentlichen kommst! Im persönlichen Gespräch und in der Öffentlichkeit mache ich folgende Erfahrung: Mein Status als „Anthroposoph" bringt Gespräche sofort in den innersten Menschen. Wörter, die im Gefühl der Leute eine große Bedeutung haben, aber in unserem Alltag kaum atmen können, katapultieren sich nach vorne: Gott, Seele, Schicksal... Plötzlich geht es um das große Ganze, der Blick wird ganz weit und der Ton enorm persönlich. Mit der Anthroposophischen Gesellschaft im Rücken darf ich über mich hinauswachsen und erhalte ein riesiges Geschenk: Die ErIaubnis und Pflicht, mit meiner Persönlichkeit für das Überpersönliche sprechen zu dürfen. Mein GEIST ist gefragt. Was ist Deine Antwort auf meine Eingangsfrage?

SCHMOCK: Ja, wozu Anthroposophische Gesellschaft? Das hat mit den konkreten Menschen zu tun. An Dir zum Beispiel schätze ich, dass Du einen ganz eigenen Weg gehst und Deinen eigenen Zugang zu den entscheidenden Lebensfragen findest. Es wird in Zukunft immer mehr auf diesen persönlichen, eigenen Ansatz ankommen. Dann ist mir aber noch ein Zweites wichtig: Du hast die Entscheidung getroffen, Dich in einen Zusammenhang zu stellen. Der Schritt, sich mit anderen Menschen in Zusammenhang zu halten, ist der Entschluss, Anthroposophische Gesellschaft zu bilden. Ich selbst zu sein und den Zusammenhang zu bilden - auch gerade wenn das Skepsis, Kritik und Auseinandersetzung bedeutet - das ist eine Kulturleistung. Individuell sind wir alle - die moderne Kulturleistung besteht darin, dass wir den zweiten Schritt machen. Wir zwei sind jetzt hier Anthroposophische GeselIschaft - oder?


GRONBACH: Ja! Du sagst etwas Bewegendes. Das Überpersönliche ICH wird in starken Persönlichkeiten lebendig - aber (und das ist mehr als ein Schritt, eher ein Sprung und tatsächlich eine Kulturleistung) das Überpersönliche WIR, das wird in starken Gemeinschaften lebendig. Das neue Gemeinsame - ein "Wunder namens WIR". In der Anthroposophischen Gesellschaft kann der Raum zwischen den Individuen transformiert werden. Von etwas, was trennt und Unterschiede zementiert, zu einem gestalteten Bewusstseinsraum: Vom Gruppen-Wir transzendiert es sich - ja, in was? In das neue Wunder-WIR - ein dynamisches Feld, welches anfängt zu pulsieren und urplötzlich etwas von uns verlangt. Ebenso dezidiert wie zart. Wie klingt dieses Wunder-WIR für Dich? Nach was sehnt es sich? Was können wir anbieten?

SCHMOCK: Das ist der entscheidende Punkt: Vom Gruppen-Wir zu - ja, zu was eigentlich? Ich erinnere mich noch gut an meine Jugendzeit in den 70er Jahren. Wir waren die Aussteiger, die Verweigerer, die Alternativen. Dieses WIR hat sich heute überlebt. Nicht mehr die seelische Gemeinsamkeit bringt den neuen Schritt, sondern die Erfahrung, dass jemand da ist, der ganz anders ist als ich selber. Durch diese Andersartigkeit, ja sogar Fremdheit, erfahre ich mich selber neu - allerdings nur, wenn ich das auch will. Beziehung ist ein bewusster Entschluss, anders zu werden als ich vorher war. Das ist dann neu, das ist ein WIR mit Aufwachen, das ist mehr als der Ausgangspunkt. Das "Wunder" geschieht, weil ich ein Werdender sein will - und Du auch! Außer uns beiden ist dann ein Drittes dabei: der Zukunfts-Werde-Mensch. Bist Du mit uns dreien einverstanden?


GRONBACH: Ich bin mit uns dreien einverstanden - weil wir das Eine ohne Unterschied sind und die Vielen, die ganz anders sind. Wir sind der Eine väterliche Daseinsgrund und die verschiedenen Kinder dieses Einen. Du bist Schmock ich bin Gronbach. Das sind die Kinder. Aber Schmock und Gronbach sind auch zwei Aspekte des Einen Vaters, der sind wir auch. Du bist ein anderer Aspekt von mir - und umgekehrt. Die Anthroposophische Gesellschaft nun, ist - in großen Worten - eine Stätte, in der wir über all das hinauswachsen und wo sich so das Dritte, das Wunder-WIR ereignet: Da wo Du und ich und andere in diesem Bewusstsein zusammen sind, da kann sich der dritte Aspekt seiner selbst bewusst werden. Wir werden MENSCH. Wie können wir diesem Zukunfts-Werde-Menschen hingebungsvoll dienen?

SCHMOCK: Anthroposophische Gesellschaft ist in dieser Vielheit-Einheit. Da steckt alles drin. Das ist die "Wachstums-Stätte" des "Darüber-hinaus". Was wir brauchen, ist diese Dialog-Begegnungs-Wirklickkeit - und jetzt kommt meine Perspektive: Anthroposophische Gesellschaft will sich in diesem Sinne wandeln. Viele Jahrzehnte ging darum, die Anthroposophie gemeinsam zu pflegen. Das war und ist natürlich auch heute wichtig. Jetzt kommen wir aber von der gepflegten zur gelebten Anthroposophie. Die braucht offene, vielfältige und nicht definierbare Realisierungsräume. Sie findet überall statt, auch da, wo wir es vielleicht nicht gewohnt sind. Also: Ich baue an einer Entdecker-GeselIschaft. StelI Dir vor, es gibt ein Erfahrungsfeld der Sinne (wie bei Kükelhaus) und das verwandelt sich in ein Erfahrungsfeld des Geistes. Und Du und viele andere entdecken mit - eine herrliche Perspektive!


aus "INFO3", Oktober 2008
Sebastian Gronbach, Redakteur bei "INFO3"
Michael Schmock, Vorstandsmitglied der Anthroposophischen Gesellschaft und Kollege von Sebastian Gronbach im Kollegium der AG in NRW.
Siehe auch:
http://www.anthronrw.blogspot.com











Anthroposophen zwischen gestern und morgen




Wolf-Ulrich Klünker steht für überraschende Sichtweisen und für eine modern aufgebrochene Art des Umgangs mit Steiners Werk. Der zweifache Doktor und Autor zahlreicher Bücher studierte Psychologie und evangelische Theologie, bevor er Zugang zur Anthroposophie fand. Klünker gehört seit Jahren zum Vorstand der Anthroposophischen Gesellschaft in Deutschland. Außerdem ist er Leiter der Turmalin-Stiftung in Rindeshagen bei Lübeck und Begründer der Delos-Forschungsstelle für Psychologie in Eichwalde bei Berlin.
Hier trafen ihn Jens Heisterkamp und Felix Hau von INFO3 zum Gespräch.



Interview

Herr Klünker, inwieweit ist die Anthroposophie Ihrer Einschätzung nach bisher überhaupt als ein Kulturfaktor wirksam geworden?
Wenn ich versuche auf mich selbst realistisch zu schauen und zu fragen, wie ich selbst wirke, würde ich sagen, ich wirke als Anthroposoph gerade da, wo ich nicht anthroposophisch rede, sondern wo ich menschlich so bin. Meine 16-jährige Tochter hat beispielsweise gesagt, diese und jene Waldorflehrer in ihrer Schule seien „Anthros", und diese und jene seien keine. Und ich würde nun sagen, diejenigen, die sie als die „Nicht-Anthros" bezeichnet, das sind oft eigentlich die Anthroposophen. Und im gleichen Atemzug sagt sie: Und Du bist ja zum Glück auch kein Anthro". Also, wie ist das mit der expliziten Kulturwirksamkeit der Anthroposophie?

Die anthroposophische Gesellschaft tritt natürlich sehr wohl mit einer explizit verstandenen Botschaft vor die Welt.
Trotzdem stellt sich die Frage: Wirken wir durch das, was wir sind oder durch das, was wir vertreten? Ich neige zu Ersterem - wirken durch das Sein. Und ich halte es da ein wenig mit Meister Eckhart, der gesagt hat: Was nützt uns der nur gedachte Gott, wir brauchen den wirklichen Gott. Ähnlich ist der Unterschied von nur vorgestelltem und wirklichem Geist.

So, wie wir Sie aus Ihren Büchern und Artikeln kennen, können wir uns aber nicht vorstellen, dass Sie damit meinen, dass sieh die Anthroposophie auf die sogenannten praktischen Arbeitsfelder wie Waldorfpädagogik oder Medizin reduzieren sollte ...
Ich glaube, dass auch diese Art der anthroposophischen Wirksamkeit keine explizite ist. Ich bin der Überzeugung, dass es gar keine speziellen anthroposophischen Maßnahmen gibt, etwa in der Pädagogik oder der Landwirtschaft. Der Heilpädagogische Kurs Rudolf Steiners bringt in den ersten Vorträgen Menschenkunde, sogar eine spektakulär neue Menschenkunde, und dann bringt er Fallbeispiele. Diese Fallbeispiele sind aber nicht auf eine bestimmte Methode hin ausgelegt. Einmal verkürzt gesagt: Ich beschäftige mich mit der anthroposophischen Menschenkunde, dadurch werde ich selbst anders und dadurch kann ich in konkreten Situationen anders erleben und anders handeln als vorher. Was ich nicht kann, ist Maßnahmen beispielsweise des Heilpädagogischen Kurses umsetzen. Auch hier wirkt also die Anthroposophie implizit.

Gilt das auch für die biologisch-dynamische Landwirtschaft?
Hier ist meines Erachtens gemeint dass heute der Mensch zwischen Himmel und Erde wirksam werden muss, um neue Verhältnisse herstellen zu können. Rudolf Steiners landwirtschaftlicher Kurs ist für mich ein Beispiel dafür was passiert wenn ich mich da hineinstelle, sozusagen Über-Natur schaffe. Auch das ist keine Maßnahme oder Methode, das ist auch nicht rezipierbar...

... auch nicht lehrbar?
Auch nicht wirklich lehrbar - und vor allem nicht in irgendeiner Form als anthroposophisch oder nicht-anthroposophisch identifizierbar.

Wie würden Sie denn dasjenige nennen, was als Anthroposophie in der Praxis auftritt?
Es ist schwer da nicht ins Weltanschauliche zu geraten. Unter Auto-Enthusiasten gibt es ja den Ausspruch, Hubraum ist durch nichts zu ersetzen außer durch Hubraum und das würde ich für mich abwandeln in die Formel: Geist ist durch nichts zu ersetzen als durch Geist. Insofern hängt alles davon ab, welche geistige Entwicklung ich mache. Und die ist nicht antizipierbar.

Dennoch haben Sie sich ja entschlossen, eine Verantwortung für das, was man Anthroposophie nennt, zu übernehmen. Wie bekommen Sie das zusammen, dass Sie eigentlich meinen, gar nicht sagen zu können, wie Anthroposophie wirkt, und Ihr Amt?
Das ist nicht immer einfach! (lacht)

Sie hätten ja auch einfach weiter privater Forscher bleiben können ...
Es gibt eigentlich für die Fragen, die mich interessieren, keinen anderen Entwicklungs- und Resonanzraum als die anthroposophische Bewegung. Ich war z.B. kürzlich beteiligt an der Mysteriendramen-Tagung in Dornach. Ich halte diese Dramen für sehr wichtig. Natürlich nicht im Sinne des äußeren Theaters, aber die Motive dieser Mysteriendramen Steiners sind heute längst ins Leben hineingewandert! Das Leben von vielen von uns ist heute längst zu einem Mysteriendrama geworden. Und wenn man über diese Phänomene auch menschenkundlich sprechen möchte, dann findet sich dafür nur innerhalb der anthroposophischen Zusammenhänge geistige Voraussetzung und Verständnis - zunächst.

Und die künstlerische und geschichtliche Kluft, die uns von diesen Mysteriendramen trennt?
Ja, das ist das Grundproblem, unter dem ich leide und an dem ich arbeite: dass, in Summa gesprochen, eine historische Erscheinungsform mit der Sache selbst verwechselt wird. Das ist bei Darbietung der Mysteriendramen extrem, und ich habe den Eindruck dass wir in der Anthroposophie leicht gebannt sind im Anschauen einer historischen Erscheinungsform, die nicht die Sache selbst ist und dass die Sache selbst noch gar nicht freigelegt ist. Und die besondere historische Erscheinungsform wird ja immer älter, das ist ja das Problem! Stellen Sie sich doch nur einmal vor, Sie würden einen Menschen heute mit demjenigen identifizieren, der er vor zwanzig Jahren war und beurteilten ihn immer an diesem Maßstab! Unsere Hauptaufgabe liegt darin herauszufinden, wie wir von der historischen Gestalt der Anthroposophie zur Wirklichkeit kommen. Das heißt auch: Können Begriffe - auch zentrale wie des "Ich" oder der "Ätherleib" - mit einer bestimmten historischen Gestalt von vor 80 Jahren erfüllt werden? Auch der Karma-Gedanke stellt sich meines Erachtens nach dem 20. Jahrhundert in einer ganz anderen Gestalt dar als zu Steiners Zeiten.

Lässt sich das, was Sie im Auge haben, noch auf einen konkreteren Begriff bringen? Was ist der Orientierungspunkt für den Einzelnen?
Ich glaube, der Orientierungspunkt ist ganz einfach: Ich habe ein geistiges Interesse, und das nehme ich ernst. Darin würde ich auch den einzigen kraftschaffenden Übungsfaktor sehen, nicht darin, dass ich bestimmte Übungen abarbeiten muss, sondern dass ich ein echtes geistiges Interesse habe, dem ich nachgehe. Ich nehme ernst wohin ich durch einen ersten Schritt gekommen bin. Daraus ergibt sich nämlich der nächste Schritt. Und - es tut mir leid - ich kann, je länger ich damit umgehe, keine andere Orientieung finden als das, was ich an Erlebnis und Gefühl hinbekomme im Hinblick auf meine eigene geistige Konsequenz. Wo sollte ein Kriterium sonst liegen? Dazu gehört noch eine weitere Frage: Worin besteht eigentlich geistige Entwicklung? Ich halte es immer mehr für eine bloße Vorstellung und dadurch auch für falsch zu meinen, geistige Entwicklung müsse zu immer höheren spirituellen Höhen führen. Das würde ja euch bedeuten, Rudolf Steiner nur da ernst zu nehmen, wo er geistig "hoch" steht und sich in Zukunft immer „höher" inhaltlich entwickelt.

Nicht?
Ist er nicht gerade da auch ernst zu nehmen, wo er menschlich vielleicht unsicher ist? Ich halte es für eine total unspirituelle Annahme zu meinen, dass man bei geistigen Einsichten irgendwie nur sicher wäre. Ich glaube sogar im Gegenteil, dass die Verunsicherung bis ins Existenzielle und Persönliche geht, gehen muss, dass die Schwelle also real sein muss, wenn ich geistig zu etwas kommen will. Ich halte es gerade für eine Art von Vergewaltigung jenseits aller wahren Schwellenerfahrungen, immer nur den großen, sicheren, unfehlbaren Steiner sehen zu wollen - das gerade gefährdet die menschliche Beziehung zu ihm. Ich würde soweit gehen zu sagen, dass geistige Einsichten immer prekär bleiben, weil sie Schwelle sind. Der Kosmos braucht nicht sichere Geistigkeit, die hat er genug, sondern menschliche Geistigkeit.

Haben Sie ein Beispiel?
Explizit hat Rudolf Steine, darüber gesprochen in den Hinleitungen zu den Vorträgen über das sogenannte Fünfte Evangelium: wie unsicher er oft war. Ein anderes Beispiel betrifft nicht Steiner, sondern Thomas von Aquin. Ich habe mich sehr ausgiebig mit Thomas beschäftigt und bin heute der Überzeugung, dass etwa seine Auslegung der aristotelischen Seelenlehre, auch was den Versuch der Zurückweisung der arabischen Tradition angeht, damals wissenschaftlich untragbar war. Deshalb ist Thomas' Lehre zu Lebzeiten drei Mal verurteilt worden. Sein Versuch, das individuelle Ich aus Aristoteles' Schrift über die Seele herausdestillieren zu wollen, war mehr als gewagt, seine Gegner hatten insofern Recht. Aber gerade mit dem, was damals nun wissenschaftlich eigentlich nicht haltbar war, hat Thomas die Weichen für eine moderne, individuelle Sicht des Menschen und auch für die Anthroposophie gestellt. Wie steht es also da mit dem Thema Erkenntnis-Sicherheit? Steht hier jemand wie Thomas nicht viel mehr an einem Abgrund? Aber er war mit diesen Erkenntnisprozessen, die das menschliche Ich betrafen, menschlich präsent, und das war für das 13. Jahrhundert eine große Sache und ist gerade heute wieder sehr aktuell. Deshalb frage ich mich auch im Blick auf Steiner: was macht man eigentlich, wenn man ihn aus der Anthroposophie menschlich herausdividiert und immer nur die hohen geistigen Ergebnisse betont? - Steiner hat einmal über die Psychoanalyse gesagt, sie sei nicht wahr, außer in ihren Übertreibungen - ich würde darin nicht nur die Kritik sehen, sondern eine Beschreibung des notwendigen Risikos jeder Neuentwicklung.

Wenn Sie vorhin als entscheidend das Setzen auf den eigenen Weg beschrieben haben, könnten wir dann nicht das Leben Rudolf Steiners selbst als ein Beispiel in diese Richtung ansehen?
Ganz sicher, und ich brauche eigentlich immer das Dreieck zwischen Rudolf Steiner, dem Übungsweg und mir selbst für die Anthroposophie, nie einen geistigen Inhalt, den ich davon abstrahiere. Ich komme zunehmend zu der Überzeugung, dass man noch einen vierten Referenzpunkt braucht, um sich die Anthroposophie zu erschließen - so etwas wie einen Zeugen. Meister Eckhardt sagt, wäre ich ein König und wüsste es nicht, so wäre ich kein König. Was wäre eine geistige Wirklichkeit, die nicht bemerkt wird - ist die überhaupt eine geistige Wirklichkeit? Was wäre Christus, ohne von Johannes bezeugt worden zu sein? Wie ist das Verhältnis von Bezeugen und geistiger Substanz?

Diese Erweiterung wäre sicher ein hilfreicher Schritt. Liegt denn nicht eines der Probleme von Anthroposophie heute gerade in einer distanzlosen Fixierung allein auf Rudolf Steiner?
Ich muss sogar von woanders herschauen, um Zeugnis von der Anthroposophie abgeben zu können, denn Zeuge und Bezeugtes können ja nicht identisch sein. Man braucht einen weiteren Standpunkt um Steiner wirklich bemerken zu können.

Allein rein geschichtlich wirkt es ja zunehmend merkwürdig, besondere für Außenstehende, wenn sich eine geistige Strömung heute ausschließlich auf ihren vor über 8O Jahren verstorbenen Gründer beruft - zumal dieses Berufen in der Regel in dem Zitieren von Wortlauten besteht, die ja ihrerseits erst erschlossen werden müssten.
Das Problem ist die Identifikation eines geistigen Inhaltes mit seiner Ausdrucksform. Und das kann heute nun wirklich nichts mehr bringen zu sagen, eine Formulierung von 1924 wäre inhaltlich eins zu eins abbildbar - das geht nicht! Es käme doch gerade darauf an, dieses Individuell-Geistige Rudolf Steiners heute jenseits der historischen Erscheinungsform im eigenen Erleben zu fassen zu bekommen. Ich denke, dass wir heute von Rudolf Steiner historisch mindestens so weit entfernt sind wie Steiner damals von Goethe. Das hängt mit der Entwicklungsbeschleunigung im 20. Jahrhundert und mit dem 2. Weltkrieg zusammen.

Das, was Rudolf Steiner in die Welt gesetzt hat, ist eine individuelle Ausdrucksform, die wir gar nicht eins zu eine übernehmen können?
Sie ist Ausdruck eines individuellen Weges und einer Formulierbarkeit, wie sie zu
seiner Zeit gegeben war. Wir haben heute vollkommen andere Voraussetzungen, aber dazu muss ich erst einmal eine Freiheit in Bezug zu der Formulierung finden und nicht etwa Sicherheit in ihr suchen. Ich müsste überhaupt erst die Ebene finden, wo ich an der Sache selbst dran bin. Steiner hat ja über das Christentum gesagt, es kann sich nicht auf Dokumente berufen; die Evangelien zerbröseln, sobald wir an sie nur dem Wort nach herangehen. Ich brauche einen geistigen Rahmen, in dem die Dokumente überhaupt Sinn ergeben. Ich fürchte, genauso verhält es sich mit der Anthroposophie: Ich kann mich hier nicht an Wortlaute oder überlieferte Texte halten, sondern ich brauche einen eigenen geistigen Zusammenhang, um den Wortlaut überhaupt erfassen au können. Und das vereinfacht die Sache nicht gerade.

Wie verbreitet ist denn diese Ansicht unter Anthroposophen und in ihren Institutionen? Oder ist man da allein auf weiter Flur?
Da ist natürlich die Frage, mit wem ich darüber ins Gespräch komme und wen ich mit solchen Ideen erreiche. Ich selbst würde jedenfalls sagen, ich brauche einen eigenständigen, von Rudolf Steiner unabhängigen geistigen Standpunkt um ihn überhaupt wahrnehmen zu können. Bevor ich der Anthroposophie begegnete, bin ich stark von Hegel ausgegangen. Es ist noch gar nicht so lange her, da wurde Hegel wieder wichtig für mich. Da habe ich nach und nach eine menschliche Beziehung zu ihm gefunden, und zwar über die Inhalte der Phänomenologie des Geistes, nicht über seine Biographie. Abgekürzt gesprochen, eine Verbindung zu seiner geistigen Individualität. Und das hat mir geholfen, menschlich direkt auch mit der Anthroposophie und mit Rudolf Steiner umzugehen. Das würde ich also konkret in meinem Fall als eine indirekte Zeugenschaft Hegels gegenüber Rudolf Steiner, ansehen. Und wäre mir das nicht an Hegel gelungen, dann hätte ich auch nicht ein solches Verhältnis zur Anthroposophie und zu Rudolf Steiner finden können.

Der Zeuge ist also keine abstrakte Größe, sondern eine ganz konkrete menschlich-geistige Instanz?
Es war jedenfalls nicht nur eine Blickumlenkung von Hegel auf Steiner, sondern das Erschließen einer geistigen Erlebnisregion in mir selbst, die dann auch für Rudolf Steiner zur Verfügung stand. Aus dieser Erfahrung würde ich grundsätzlich sagen: Es gibt heute kein geistiges Verhältnis mehr, ohne dass man sich menschlich in Beziehung setzt. Das gilt ja auch für die Anthroposophische Gesellschaft: Ich bin zunehmend weniger an geistigen Verhältnissen interessiert, die nicht menschlich-real sind. Umgekehrt sind menschliche Verhältnisse, die nicht in irgendeiner Form in einer geistigen Kraftwirkung stehen, nicht tragfähig.

Es gäbe doch vielleicht auch in der Gegenwart spirituelle Größen, durch die eine solche Blick-Umlenkung auf das Werk Steiners. möglich wäre. Daran scheinen Anthroposophen aber nicht sonderlich interessiert - Sie selbst wohl auch nicht?
Da haben Sie schon recht - aber das ist natürlich auch eine Frage des Arbeitsgebietes. Ich bin zum einen an Themen dran, die eher geistesgeschichtlicher Natur sind und arbeite zum anderen auf den Gebieten der Menschenkunde und der therapeutischen Grundlagen. Hier halte ich es für enorm wichtig, den Kontakt zu suchen mit dem, was aktuell ist, selbstverständlich. Beispielsweise verfolge ich die zeitgenössische Debatte um die Willensfreiheit sehr genau. Für mich hängt Zeitbezug mit der Wachheit für die Frage zusammen: Wo bleibt heute der Mensch eigentlich? Wir haben ja heute ein Menschenbild, das allein deskriptiv ist und bei der genetischen Fixierung und Objektivierung einerseits und der totalen Subjektivierung des Erlebens andererseits stecken bleibt. In diese Debatte würde ich jederzeit einsteigen: Wie wird mein Sein freiheitsfähig und wie wird mein Erleben wahrheitsfähig? Wie kommen diese beiden Seiten zusammen? Da sehe ich die Aufgabe der Anthroposophie in der heutigen Kultur, und das ist auch therapeutisch entscheidend.

Noch einmal zusammengefasst gefragt: Wenn wir also eine ganz neue Erscheinungsform der Anthroposophie brauchen - wie sähe sie aus?
Ich glaube, ich kann das Folgende mit Fug und Recht sagen, weil ich wirklich Jahrzehnte damit umgegangen bin: Sie können den gesamten Aristotelismus, die Schule von Chartres, sie können den gesamten Thomas von Aquin, Sie können auch Goethe und den Goetheanismus ausquetschen wie eine Zitrone - da kommt nicht die Anthroposophie heraus - nie. Die Anthroposophie Rudolf Steiners war ein freier geistiger Schritt. Und erst im Nachhinein zeigt sich der Entwicklungszusammenhang mit der abendländischen Geistesentwicklung; das gilt auch karmisch. Und in der gleichen Situation sind wir heute in Bezug auf Rudolf Steiner und die Anthroposophie selbst: Wir können Steiner ausquetschen wie eine Zitrone und trotzdem kommt da nie gegenwärtige Anthroposophie heraus. Ich muss selbst einen freien geistigen Schritt machen und erst dann kann sich nachträglich der Entwicklungszusammenhang zur Anthroposophie zeigen - möglicherweise. Mit anderen Worten, es ergibt sich keine Zukunft aus der Vergangenheit, auch nicht aus der Vergangenheit Rudolf Steiners. Und wenn wir diesen freien Entwicklungsschritt nicht vollziehen in der Anthroposophie, dann nützen die Bücher nichts. Denn auch Karma wirkt heute nicht aus der Vergangenheit, sondern durch den freien geistigen Schritt, der die Vergangenheit erst richtig beleuchtet.

Lässt sich trotz dieses nötigen Entwicklungsschrittes so etwas wie Kontinuität erhalten? Sehen Sie da Potenzial für eine Erneuerungsbewegung in der Anthroposophischen GeseIIschaft?
Nicht als kollektive Bewegung. Aber ich glaube, dass die Menschen, die geistig an dieser Stelle stehen, zusammenfinden könnten und dass das der Geburtsvorgang für eine zukunftsfähige Anthroposophie wäre. Nicht überall, wo Anthroposophie draufsteht, ist heute Anthroposophie drin und umgekehrt. Ich würde darauf setzen, dass man da jenseits von weltanschaulichen Barrieren und Grenzen zusammenkommen kann.

Wobei ein solcher Schritt ja, wenn er ernst gemeint ist, nicht von vornherein auf ein klares Ziel zulaufen kann, oder?
Denken Sie beim Stichwort Kontinuität doch nur daran, wie Steiner an Brentano angeknüpft hat: er hat ihn für den entscheidenden Psychologen auf dem physischen Plan gehalten, aber dennoch inhaltlich kritisiert und korrigiert. Und in seinem Nachruf geht er soweit zu sagen: Das, was ich hier schreibe, würde Brentano ablehnen. Was für eine Kontinuität! Ein Bekannter von mir sagte einmal: Ich kann an Rudolf Steiner anknüpfen, ihn aber nicht fortsetzen.

Hier wäre auch die Frage, welche Ideen haben wir über die Richtung dieser Kontinuität?
Ja, geht es immer nur um eine noch weitere spirituelle Höherentwicklung, oder geht es um eine menschliche Vertiefung daraus? Und wenn die Anthroposophie heute nicht mehr in dem Gewand wie vor 80 oder 100 Jahren auftritt, und wenn das Kennzeichen geistiger Entwicklung heute keine vordergründige "Eingeweihten Entwicklung" mehr ist - schon bei Steiner selbst fällt in den Mysteriendramen der Tempel weg und der große Eingeweihte wird am Ende des vierten Dramas unsicher - dann wird die Anthroposophie vielleicht mehr die Dimension menschlicher Vertiefung erhalten, was ja auch eine Frage der eigenen Erlebnis- und Gefühlsfähigkeit ist: der Erlebnisresonanz aus der eigenen geistigen Tätigkeit.

Was meinen Sie damit genau?
Zu Steiners Zeit waren die Lebensgrundlagen allgemein noch viel gesicherter als heute, vor allem die konstitutionell und kulturell mitgebrachten. Schauen Sie sich doch einmal an, was Steiner für eine kulturelle Umgebung hatte! Heute muss ich mir meine geistigen Entwicklungsgrundlagen erst aus einem Raum der Leere heraus entwickeln. Das wäre möglicherweise eine Verschiebung des Schwerpunktes von den Erkenntnissen auf die Lebenskonsequenzen daraus. Dafür sind die Menschen heute sensibel - und damit wären wir wieder bei der Frage nach der Wirksamkeit von Anthroposophie: Befindet sich ein Mensch nicht nur erkenntnismäßig, sondern existenziell an einer Schwelle? Und lebt er bewusst aus dieser Situation?

Welche Rolle spielt in diesem Zusammenhang für Sie das meditative Leben?
Ich glaube nicht, dass heute geistige Übungen, ob jetzt Rudolf Steiners "Nebenübungen" oder sonst eine Meditationspraxis, in erster Linie wichtig sind in dem Sinne: Wie komme ich dadurch weiter?, sondern in dem Sinne, dass ich dadurch einschätzen lernen kann, wo befinde ich mich eigentlich geistig, erlebnismäßig und menschlich? Ich brauche die Anthroposophie, um mich zu finden im wirklich Individuellen, aber die Anthroposophie braucht auch mich in dem, wo ich nicht "anthroposophisch" bin, um sich lebendig weiterentwickeln zu können.

Braucht man dazu nicht den Entwicklungspunkt eines Über-Persönlichen?
Klar, aber das Überpersönliche ist heute zugleich das Persönlichste. Ich glaube, wir kommen immer mehr an einen Punkt, wo das scheinbar Persönliche und das geistig Objektivste näher zusammenrücken. Auch das ist ein Unterschied zu der Zeit Rudolf Steiners, wo das Persönliche und das Geistige weiter auseinander lagen. Und wichtig ist auch hier: Ich muss für das Meditative ein echtes Interesse aufbringen, kein eingeredetes.

Eingeredet? Wie könnte so etwas überhaupt aussehen?
Zum Beispiel "Ich sollte mich entwickeln" oder "Ich müsste zu geistigen Einsichten kommen" - das wird mit Sicherheit zu nichts führen.

Zusammengefasst: Könnte man sagen, in Ihrem Sinne wäre der Zweck der Anthroposophie die Selbstentwicklung?
Das könnte man so sagen, ja. Und insofern ist die Anthroposophie so etwas wie ein Lebensmittel und Überlebensmittel für die Individualität heute.



Das Gespräch führten Felix Hau und Jens Heisterkamp, INF03









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Die beiden Beiträge stammen aus der Oktobernummer!










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