Wenn ein Geist stirbt,
wird er Mensch.
Wenn ein Mensch stirbt,
wird er Geist.

Novalis



Hier wollen wir nun einen Blick in den Umkreis der Bestattung werfen,
auf die Aufbahrung, Aussegnung und Bestattung,
wie sie aus anthroposophischer Perspektive betrachtet werden kann,
und wollen Ursula Hausen dazu zitieren (siehe Hinweise am Ende des Beitrages).


Aufbahrung

Seit der Tod immer häufiger im Krankenhaus oder im Alten- und Pflegeheim eintritt, ist die früher übliche Form der Aufbahrung an den drei Tagen bis zur Bestattung immer mehr in den Hintergrund getreten. Während ältere Menschen aus ländlicher Umgebung sich noch gut daran erinnern können, wie sich früher die Nachbarn im Sterbehaus versammelten und man gemeinsam Erinnerungen über das Leben des Verstorbenen austauschte, verschwanden diese Bräuche in den letzten Jahrzehnten fast vollständig. Von kirchlicher Seite, vor allem im Protestantismus, wird die Frage des Lebens nach dem Tod immer mehr zurückgedrängt. Die >Ganztod-Theologie< vertritt die Auffassung, nach dem Tod sei alles zu Ende und die Seele des Menschen werde erst am Jüngsten Tag, zum Weltgericht, von Gott für die Auferstehung wieder neu geschaffen. Die Frage, wie die Existenz des Menschen zwischen Tod und Auferstehung zu denken sei, bleibt unbeantwortet. Als theologischen Fachbegriff erfand man den Namen >eschatologische Lücke<. Aus der Haltung heraus, es könne keinerlei Erkenntnisse über das Leben nach dem Tod geben, lassen sich natürlich auch keine Kriterien für das Handeln ableiten. Die Ratlosigkeit angesichts des Todes und des Toten kann oft nur dadurch überwunden werden, dass man der Frage ausweicht.

Durch die Geisteswissenschaft wird neu erkennbar, dass es im Evangelium durchaus Schilderungen eines Lebens nach dem Tod gibt. Das ist nur schwer zu erkennen, wenn die entsprechenden Stellen als >Gleichnis< betrachtet werden. Im Lukas-Evangelium (Kapitel 16,19-31) schildert Christus jedoch ganz unmittelbar die nachtodlichen Erlebnisse zweier sehr verschiedener Menschen und den Versuch des einen, den Lebenden eine Nachricht über den Ernst dieser Situation zukommen zu lassen.
Rudolf Steiner hat in verschiedenen Zusammenhängen immer wieder auf die Erlebnisse des »Lebenspanoramas« in den Tagen nach dem Tode hingewiesen, in denen dem Verstorbenen die Gesamtheit seiner Lebenserinnerungen von der Geburt bis zum Tod in überwältigender Größe gegenwärtig ist. Alles ist gleichzeitig da, auch die vergessenen und verdrängten Dinge sind lückenlos wiederhergestellt. Vielleicht ist es eine Hilfe, zu denken, dieses Panorama stelle zugleich die Gesamtheit der Erinnerungen dar, die der Engel im Laufe des Lebens aufgenommen und bis zu diesem Augenblick behütet hat. Es kann so lange als lebendiges Bild des ganzen Lebens um den Verstorbenen gegenwärtig bleiben, wie dieser im Erdenleben ohne Schlaf sein konnte. Nach etwa drei bis dreieinhalb Tagen verblasst und entschwindet es.
Das ist zugleich der Zeitraum, nach dessen Ablauf in den meisten Gemeinschaften die Bestattung stattfindet. Blicken wir mit diesem Wissen auf die häufig einer alten Volksweisheit entsprungenen Bräuche, so werden sie neu lebendig und wir finden darin eine Anregung dafür, wie wir heute dem Verstorbenen in diesem für ihn so großen und Staunen erregenden Geschehen in der richtigen Weise begleiten können.
Oft ist es üblich, den Verstorbenen noch im Sterbehaus aufzubahren, bei bäuerlichen Anwesen vielleicht auch in der festlich geschmückten Tenne oder einem anderen Nebengebäude. Der Sarg wird mit Blumen geschmückt, Kerzen werden aufgestellt. Lebenserinnerungen werden erzählt, man spricht das Vaterunser und Fürbittegebete. Gelegentlich bleibt eine Totenwache auch die Nächte hindurch anwesend.
Im Licht der Kerzen finden wir den Übergang zwischen der sinnlichen und der übersinnlichen Welt. Die Materie des Wachses wird durch die Verbrennung in einen höheren unsichtbaren Zustand hinübergeführt. Das sichtbare Licht und die Wärme bilden eine Brücke zum geistigen Licht und der Wärme der göttlichen Liebe. Auf das Antlitz des Verstorbenen sollte kein Schatten fallen.
Die Blumen, die um den Verstorbenen aufgestellt werden, umgeben ihn mit den Bildern der lebendigen Natur, in denen die reinen göttlichen Kräfte schaffend wirken. Wenn die Blumen verwelken; sind sie frei von allem Verhaftetsein an das Irdische. Sie verströmen ihre Lebenskräfte in den Erdenumkreis, ohne Schmerz zu empfinden. Ihre Lebenskräfte können sich mit allem Leben der Erde wieder vereinigen. Im Sarg, eventuell auch ohne Wasser mitgegeben, umgibt der frei werdende Ätherstrom so den Verstorbenen wie ein sanfter Hauch, der in den weiten Weltenäther übergeht.
Solche Bräuche helfen, die Tage bis zur Bestattung auf ruhige, festliche Weise zu gestalten. Auch für die Angehörigen ist es eine besondere Gelegenheit, dem Verstorbenen einen letzten Liebesdienst hier auf der Erde zu erweisen. In die Umgebung des Verstorbenen die Schönheit der Erde hereinzuholen, vielleicht seine Lieblingsblumen zu suchen, sind Handlungen, die in dem schweren Umbruch, den ein Todesfall darstellt, helfen können, sich selbst und die Beziehung zu dem Verstorbenen wiederzufinden und bewusst zu formen:
Bei der Entstehung der Bräuche um die Totenwache spielten oft ganz praktische Erwägungen eine Rolle, etwa der Schutz des Leichnams vor äußeren Einflüssen, bewusster Schädigung von feindlicher Seite usw. Wenn heute bei hochgestellten Persönlichkeiten eine Ehrenwache aufgestellt wird, sind das Relikte solcher Vorstellungen. Zum Teil strebte man auch an, sich vor den Wirkungen zu schützen, die von dem Toten ausgingen. Was sich in der Angst vor Gespenstern oder einem >Zurückkommen< des Toten ausdrückt, hat aus geisteswissenschaftlicher Sicht den Hintergrund, dass im Umkreis eines Toten auch in der Welt der Elementarwesen große Bewegungen vor sich gehen. Wenn sich jedoch das Ich eines Menschen in wachen und spirituell wahren Gedanken mit dem Tod auseinandersetzt, bringt das Ruhe in diesen Bereich. Ungute Wesen werden fern gehalten, und der Verstorbene kann ungestört sein Lebenstableau erleben.
Es gibt von Rudolf Steiner nur ganz sparsame Aussagen zu den Bräuchen der Aufbahrung. Entscheidend ist jedoch, dass der Verstorbene im Erleben dieses Panoramas nicht gestört wird. Dieser Tatsache sollte in allen Fällen das größte Gewicht beigemessen werden. Das Erleben dieses Panoramas ist so erfüllt von höchster Freude und Kraft, dass der Verstorbene noch keine anderweitige >Hilfe< zum Verarbeiten seines Lebens braucht. Auch die Wahrnehmung des irdischen Geschehens tritt dabei in den Hintergrund. Das wesentlichste Kriterium für alles Geschehen im Umkreis des Verstorbenen ist liebevolle, ehrfürchtige Ruhe. Dazu gehört auch, dass alle nicht unbedingt notwendigen Ereignisse, beispielsweise zusätzliche Transporte, vermieden werden. Ist das nicht möglich, da eine gerichtliche Obduktion angeordnet ist, kann man versuchen, auch diesen unvermeidlichen Dingen mit größtmöglicher Ruhe zu begegnen und die Gedanken immer wieder auf das Licht des Todesaugenblickes und die Größe des Lebenspanoramas zu lenken.
Angeregt durch die Geisteswissenschaft haben sich in Kreisen ... anthroposophisch orientierter Menschen manche gute neue Bräuche für die Aufbahrung und die Totenwache entwickelt. Sie sollten aber nie als dogmatische Regeln verstanden werden, sondern als Vorschläge, die oft auf jahrzehntelangen guten Erfahrungen beruhen.
Dazu gehört vor allem, im Umkreis des Aufgebahrten aus dem Evangelium zu lesen. Wenn man in dem Bewusstsein, dass das Erdenleben des Christus Jesus die Ur-Menschenbiografie ist, auf das vergangene Leben eines lieben Angehörigen hinschaut, fällt dabei oft auf die für diesen Menschen besonders wichtigen Stellen ein neues Licht. Auf diese Weise in die Tiefe des Evangeliums einzutauchen, kann in diesen Tagen trotz Ernst und Trauer zu beglückenden Erlebnissen führen.
Die Meditationen, die Rudolf Steiner für die Verstorbenen gegeben hat, sind noch nicht für die ersten drei Tage gedacht, denn sie sollen für die Erlebnisse von Hitze und Kälte in der Kamaloka-Zeit schützende Kraft entfalten. Diese Erlebnisse sind aber erst nach der Bestattung wirksam. Während des Zeitraumes der Aufbahrung sind das Vaterunser, das Evangelium und das Erinnern der Biografie die wesentlichsten Inhalte der Begleitung.

Aussegnung

Sind etwa dreieinhalb Tage seit dem Todesaugenblick verstrichen, ist der richtige Zeitpunkt für Aussegnung und Bestattung gekommen. Der erste Teil des Rituals, die Aussegnung, findet an dem Ort statt, an dem der Verstorbene aufgebahrt war, im Idealfall zu Hause, wo er gelebt hat und sich nun von dem vertrauten Umkreis verabschiedet.
Wir können nun miterleben, wie die Seele des Entschlafenen langsam zu ihrem neuen Bewusstsein erwacht. In den ersten Worten des Rituals wird sie noch nicht mit ihrem Namen angesprochen. Es ist nur von dem >Entschlafenen< die Rede, sodass er sich auf dem Weg in das Licht der Geisteswelt langsam wiederfinden kann als einer, der vom Schlaf wieder erwachen soll in der anderen Welt. Im Aufblick zum Wesen des ewigen Geistes werden die ersten Worte von dem Geist gesprochen, der in dem Entschlafenen, in den Angehörigen, den Anwesenden, die die Aussegnung begleiten, wirksam ist. Und dann wenden sich durch Christus, der im Entschlafenen und in den Menschen wirkt, alle gemeinsam an den Vatergott im Gebet des Vaterunsers. Indem die Anwesenden nach dem Vaterunser ihre Gedanken dem zukünftigen Reich zuwenden, in das der Verstorbene wandert, erwacht er langsam immer deutlicher durch die Kraft des Christus, der ihm auf diesem Wege begegnet und seiner Seele die Fähigkeit erschließt, in der geistigen Welt zu schauen. Solange die Seele in der anderen Welt noch nicht wahrnehmen kann, fühlt sie sich wie schlafend und kann noch nicht auf ein ihr bewusstes Ziel zugehen. Je deutlicher sie jedoch wahrnehmen lernt, desto lebendiger wird sie durch die Kraft des Christus und ergreift aktiv die Verarbeitung ihres Schicksals.
Wenn am Ende der Aussegnung die gleichen Worte von der Ruhe des Seelenseins und dem Licht der Geisteswelt gesprochen werden wie am Anfang, ist dies nun verbunden mit der Nennung des Namens des Verstorbenen. Dadurch wird für alle Anwesenden erlebbar, dass der Verstorbene sein Selbstbewusstsein neu ergreifen und sich an seinen neuen Zielen orientieren kann. Die Kraft des geweihten Wassers hilft ihm in diesem Augenblick, alle Lebenskräfte, die noch mit der Umgebung und mit dem Leib verbunden sind, zu lösen, sodass ein freier Übergang in die andere Welt möglich wird.

Die Bestattung am Grab bzw. im Krematorium

Eine der eindrucksvollsten Gebärden in allen kultischen Formen der (Steinerschen Sakramente).. ist die Art, in der das Kreuz bei der Bestattung über dem Grab (bzw. im Krematorium über dem Sarg) gezeichnet wird. Mit einer kraftvollen Gebärde erscheint zuerst der liegende Balken des Kreuzes und dann, von Aufrichtekraft durchdrungen, der senkrechte Balken, sodass sichtbar wird: Der Leib des Verstorbenen liegt in seinem Sarg, sein Geist richtet sich aber auf, indem er durch das Kreuz den Christus und sein eigenes Wesen neu wahrnehmen lernt.
Der Augenblick, in dem nun der Leib den Elementen übergeben werden soll, ist für den Verstorbenen vielleicht die größte Krise, die er durchzustehen hat, denn mit diesem Augenblick, in dem der Leib in das Grab versenkt oder dem Feuer übergeben wird, fällt die Stütze weg, die mit dem physischen Leib verbunden war und die das Ich-Bewusstsein im Erdenleben trug. Für viele Menschen war der Leib ein Leben lang mit dem eigenen Ich beinahe identisch. Soll er nun lernen, ohne diesen Leib in der geistigen Welt zu leben, braucht er eine entsprechende Kraft, die sein Ich-Bewusstsein stützt und aufrechterhält. In diesem Augenblick, drei Tage nach dem Tod, würden manche Seelen sich hilflos fallen fühlen, wenn keine Kraft ihnen entgegenkäme, an der sie sich halten könnten.
Im Ritual der Bestattung wird nun, verbunden mit drei weiteren aufrecht stehenden Kreuzen, die Trinität angerufen. Durch die Gedanken der Angehörigen, die sich zum Vater, zum Sohn und dem Heiligen Geist erheben, soll dem Verstorbenen offenbar werden, was aus diesen drei Wesen der göttlichen Welt sein eigenes Wesen hält und trägt. Das ist für die Angehörigen ein Aufruf zur inneren Aktivität, ein Aufruf, sich selbst in das Gebiet zu erheben, in das der Verstorbene wandert. Es ist ein Aufruf, nicht am eigenen Leid des Verlustes hängen zu bleiben, sondern sich dafür verantwortlich zu fühlen, dass dem Verstorbenen die rechte Hilfe zukommt. Unsere Liebe, die ihm folgen soll, offenbart sich am sichersten darin, dass wir bejahen: Er geht jetzt einen Weg, den wir nicht unmittelbar mit ihm gehen können, aber in Gedanken werden wir die Verbindung zu ihm nicht verlieren. Je aktiver diese Hilfe entsteht, desto sicherer geht davon auch der stärkste Trost aus, den Angehörige brauchen, um sich nicht allein und verlassen zu fühlen. Denn sie lernen ja ihre innere Zuwendung zu dem Verstorbenen aus dem Wesen des Christus selbst zu gestalten. In den Worten des Rituals ist jedoch nicht von Trost die Rede, sondern von diesem Aufruf zur Aktivität, durch die der Christus im Inneren jedes Menschen schaffen und ihm dadurch helfen kann, sein Leid und seine Verzweiflung zu überwinden.
Mit dem Wirken des ewigen Geistes, der nun angerufen wird, sind die Engel, die Erzengel und die Urkräfte verbunden. Wir wenden uns an sie, damit die Seele des Verstorbenen von ihrer Kraft erfasst wird und er die Begegnung mit ihnen aktiv ergreifen kann. Die Engel, Erzengel und Urkräfte bringen im Denken, Fühlen und Wollen des Menschen, in denen er später ihre Hilfe zur Korrektur seines ganzen Wesens braucht, neue Kraft zur Entwicklung. Sie helfen ihm, sein geistiges Dasein in der geistigen Welt zu verstehen. Hat er so gelernt, sich als Geist unter Geistern zu erleben, dann kommt in der Begegnung mit Christus die unmittelbare Erfahrung: Wenn ich den Leib zurücklassen muss, wenn mein Ich-Bewusstsein nicht mehr von den Erdenerfahrungen getragen werden kann, dann ist Er die Stütze meines Ich und die Kraft meines innersten Wesens, an dem ich mich selbst wiederfinden kann. Die Worte der Bestattung schließen an dieser Stelle unmittelbar an die Schilderung der Auferweckung des Lazarus im Johannes-Evangelium im 11. Kapitel an. Zu Martha, der Schwester des Verstorbenen, spricht Christus die Worte: »Ich bin die Auferstehung und das Leben. Wer an mich glaubt, der wird leben, auch wenn er stirbt. Und wer da lebet und glaubet an mich, der wird nimmermehr sterben.« So wie Lazarus durch den Christus selbst aus der Gewalt des Todes herausgerufen wurde, um wieder in das Erdenleben zurückzukehren und hier seine Lebensaufgabe zu vollenden, wird jeder Mensch nun durch diese Worte des Christus bei der Bestattung aus der Gewalt des Todes in das neue Leben der geistigen Welt hinein auferweckt. Indem Christus von seiner Kraft der Wiedergeburt im Tode spricht, führt er den Menschen zu der neuen Geburt in der geistigen Welt - und damit zu dem neuen Leben, das aus dem Sterben auferstehen soll und das wir finden, wenn wir seine Kraft in uns erleben. Wo seine Kraft in unseren Gedanken wirkt, kann sie zur Auferstehung unseres lebendigen Denkens und zur unmittelbaren Verbindung mit ihm in der geistigen Welt führen.
Was im Todesaugenblick die unmittelbare Begegnung mit Christus war, der Höhepunkt alles Erlebens in der persönlichen Biografie, da man sich in seiner Liebe wieder aufgenommen fühlte, wird jetzt bei der Bestattung auf eine höhere Stufe gehoben. Durch Christus, der ihm entgegenkommt, findet der Mensch sein wahres Wesen wieder, er wird wieder neu auf sein ewiges Ziel, »Ebenbild und Gleichnis Gottes« zu sein, ausgerichtet.
Nun schauen alle geistigen Wesen auf den, der neu in ihren Kreis aufgenommen werden soll, und schauen auf den Christus in ihm, auf den Christus in allen Anwesenden. An diesen Augenblick schließt sich die Ansprache für den Verstorbenen an, in der zum Ausdruck kommen soll, »was der Verstorbene wert war für die Welt«, wie Rudolf Steiner es in einem Vortrag ausdrückt (GA 182, 2. Vortrag). An den Worten der Ansprache sollen die liebevollen Erinnerungen aller Anwesenden erwachen können. Vor allem aber soll versucht werden, mit den Augen des Christus auf den Verstorbenen zu sehen, den roten Faden seines Lebenslaufes kennen zu lernen, Lebensrhythmen und entscheidende Knotenpunkte des Schicksals zu erkennen sowie das, was daraus an geistigen Entwicklungen möglich war, für den Verstorbenen und für die Anwesenden, aber auch für die Wesen der geistigen Welt hörbar zu machen. Wir können es uns vielleicht der Situation ähnlich denken, in der wir einen Menschen in einen Kreis von Freunden einführen und auf seine Fähigkeiten und besonders liebenswerten Eigenschaften hinweisen, über die vielleicht Verbindungen zu den anderen entstehen können. So stellen wir den Verstorbenen den Wesen der geistigen Welt vor, die ihn erwarten und begrüßen.
Grundlage dieses Augenblicks kann nur die unbedingte Wahrhaftigkeit sein. Alles unwahrhaftige Lob müsste das Bild des Verstorbenen verfälschen, und jede Unwahrheit kann in der geistigen Welt Zerstörung und Trübung anrichten. Es ist aber unbedingt berechtigt, nach dem wirklich Guten in seinen Taten, seinem Lebenslauf, seiner Bedeutung für Menschen und Erde zu suchen und das so lebendig wie möglich darzustellen. Wir können davon ausgehen, dass die guten Taten, die ein Mensch vollbracht hat, die guten Gedanken und Willensimpulse sowie die liebevollen Verbindungen zu anderen Menschen objektive Bedeutung für die ganze geistige Welt, für die ganze Menschheit haben.
In Verbindung mit dem Rückblick auf das Leben ist die Übung der Positivität und der Unbefangenheit, die Rudolf Steiner unter den unerlässlichen >Nebenübungen< für jede Art der geistigen Schulung angibt, besonders hilfreich (u.a. GA 245). Sie sollen hier kurz mit dem besonderen Blick auf den verstorbenen Menschen beschrieben werden.
Die Übung der Positivität »besteht darin, allen Erfahrungen, Wesenheiten und Dingen gegenüber stets das in ihnen vorhandene Gute, Vortreffliche und Schöne aufzusuchen ... Diese Übung hängt zusammen mit dem, was man die Enthaltung von Kritik nennt. Man darf diese Sache nicht so auffassen, als ob man schwarz weiß und weiß schwarz nennen sollte ... Es gibt einen Standpunkt, der sich liebevoll in die fremde Erscheinung oder das fremde Wesen vertieft und sich überall fragt: Wie kommt dieses andere dazu, so zu tun oder so zu sein? Ein solcher Standpunkt kommt ganz von selbst dazu, sich mehr zu bestreben, dem Unvollkommenen zu helfen, als es bloß zu tadeln und zu kritisieren ...«
Zu den negativen Taten, zu all dem, worin er schuldig geworden ist, durch Probleme und Krisen ging, oder wo es ihm nicht gelang, sein eigenes Leben sicher zu gestalten, zu all diesen Dingen entwickelt er im persönlichen Karma den Willen, alles auszugleichen und aus eigener Kraft sowie mit der Hilfe der geistigen Welt wieder in Ordnung zu bringen. Deshalb braucht dies in der Ansprache nicht zum Ausdruck zu kommen. Es sind seine persönlich für ihn zu ordnenden Dinge, die nicht in der Weise Bedeutung für das Weltenschicksal haben wie die aus den guten Entwicklungen kommenden Taten. Wenn es gelingt, in unbereinigt gebliebenen Konflikten bis zur Ansprache bei der Bestattung eine wirkliche innere Bereinigung herbeizuführen, zum Beispiel dadurch, dass einer der Anwesenden das Schicksalssakrament (siehe dazu Punkt 3 im Beitrag Irmgard Bauers) sucht, um dem Christus die ungelösten Schicksalsknoten entgegenzutragen und um seine Hilfe zu bitten, dann kann aus der Ansprache ein leuchtendes Bild des Verstorbenen sichtbar werden, das nichts Unwahres enthält, und dem auch kein stummer Widerspruch in einem der Zuhörer begegnet.
Oft wird ja der Inhalt der Ansprache zwischen dem (Handelnden).. und den Angehörigen gemeinsam erarbeitet. Gemeinsam sucht man die leuchtenden Punkte dieses Lebens, den roten Faden darin, und stellt die Frage, welche Dinge noch zu bewältigen sind, selbst wenn diese bei der Bestattung nicht sämtlich angesprochen werden. In diesem Erinnern liegt eine der entscheidendsten Hilfen, all das zur Verwandlung zu führen, was im Erdenleben des Verstorbenen noch offen geblieben ist.
Bei der Übung der Unbefangenheit »versuche man dann, in sich das Gefühl auszubilden, völlig unbefangen einer jeden neuen Erfahrung gegenüberzutreten ... Er muss bereit sein, jeden Augenblick eine völlig neue Erfahrung entgegenzunehmen. Was er bisher als gesetzmäßig erkannt hat, was ihm als möglich erschienen ist, darf keine Fessel sein für die Aufnahme einer neuen Wahrheit.«
Oft sind unsere Bilder von anderen Menschen stark durch die vergangenen Erfahrungen geprägt. Wenn wir gegenüber einer unguten Angewohnheit aber sofort mit dem Seufzer »Schon wieder! « reagieren, lassen wir dem Menschen keinen Freiraum, sich künftig zu ändern. An der Schwelle zur geistigen Welt aber ist das der Wille, den er am intensivsten sucht: sich ändern zu können, seine Schwächen zu überwinden, endlich frei zu werden von Gewohnheiten und Eigenschaften, die ihn möglicherweise furchtbar belasten. Solange wir ihm Unverziehenes nachtragen, ein Bild seines Wesens festhalten, das der Vergangenheit angehört, und nur die alten Emotionen damit verbinden, kann die gerade am Schmerzlichen anstoßende Ichkraft nicht erwachen.
Gelingt in der Ansprache des (Handelnden).. ein wirklich dem Ich des Menschen entsprechendes Wesensbild, dann können überraschende Züge seiner Biografie aufleuchten und stellen so auch die mit ihm verbundenen Menschen neu in das Licht der Wesen, die nun auf den Neuankömmling der geistigen Welt hinsehen und gespannt erwarten, welche Erfahrungen und Lebensschätze er von der Erde mitbringt. Von den Engeln können wir die Kraft der Unbefangenheit und Positivität unmittelbar lernen. Denn sie üben jeden Tag in immer neuer Lebendigkeit, auf unsere Entwicklungsfähigkeit, nicht auf unsere vergangenen Fehler hinzusehen.
Im Sinne des Christus-Wortes »Ich bin die Tür« wird nun im weiteren Verlauf der Bestattung sichtbar, dass durch die Verbindung mit dem Wesen des Christus der Weg in der geistigen Welt weiterführt. Der Verstorbene lernt durch ihn die geistige Welt wieder als seine Heimat zu erleben. Vielleicht konnte er dieses Gefühl einer vertrauten Heimat in der göttlichen Welt sein ganzes Erdenleben hindurch bewahren, weil seine Seele diese Heimat noch kannte oder wieder suchte. Lernen wir, ihm in diesen Bereich zu folgen, diese geistige Heimat wieder zu ahnen, wo er nun wirkt >als Geist unter Geistern<, dann kann daraus auch der kraftvolle Trost für die Angehörigen entspringen: Sein Wirken wird zum Heil der ganzen Welt, zum Heil der einzelnen Schicksale weitergehen. Und er wird die Verbindung zu dieser Heimat in der geistigen Welt gerade für die Angehörigen in lebendiger Weise aufrechterhalten können, wenn er nicht aus ihrem Bewusstsein verloren geht.
Nun wird der Sarg mit geweihtem Wasser besprengt, und dadurch wird den ätherischen Kräften eine Hilfe gegeben, sich von dem Körper zu lösen und wieder in den Weltenäther überzugehen. Was an Lebenskräften noch im Leib gebunden war, kann nun sicher und frei in den Weltenumkreis strömen, wenn die Seele und der Geist des Menschen sich von dem Christus getragen fühlen.
Nach der Begegnung mit dem Christus in den Worten von der Auferstehung und dem Leben, der Wiedergeburt im Tode, folgt nun an dieser Stelle der zweite Höhepunkt des Bestattungsrituals. Es wird von dem »Atem des Lichtes« gesprochen, der von dem dreieinigen Geiste ausgeht und diese Seele jetzt durchdringt. Wir können uns in diesem Augenblick an den Anfang der Schöpfungsgeschichte erinnern. »Da machte Jahve den Menschen aus Erde vom Acker und blies ihm den Odem des Lebens ein in seine Nase, und so ward der Mensch ein lebendiges Wesen«, heißt es in Luthers Übersetzung vom 1. Buch Mose 1,7. Damals wurde der Mensch durch die Kraft Jahves zu einem auf Erden lebenden Seelenwesen geschaffen, die Seele dem Körper eingehaucht, um darin leben zu können. Nun wird in der Bestattung damit zugleich ein zweiter Augenblick aufgegriffen, in dem auch von dem göttlichen Atem im Menschen die Rede ist.
Am Ostersonntagabend erscheint der Auferstandene den Jüngern, die im Kreise versammelt sind, und spricht zu ihnen die Worte: »Der Friede sei mit Euch. Wie mich der Vater gesandt hat, so sende ich Euch.« Und als er das gesagt hatte, hauchte er sie an mit seinem Atem und sprach zu ihnen: »Nehmet auf in Euch den Heiligen Geist.« Durch die Kraft dieses Geistes sollen sie in seinem Namen in der Verwandlung der Menschenschicksale schaffen lernen. Nun darf der Verstorbene im Namen der Trinität, durchdrungen vom Atem des Lichtes, von der dreieinigen Gottheit, aus der Kraft der Auferstehung, des Neugeschaffen-Werdens in der geistigen Welt, an der Verwandlung seines Schicksals in der Zukunft arbeiten - für sich, für die anderen, für die geistige Welt.
Die vergebende, heilende Liebe des Christus wirkt so in das Innerste des Menschen hinein und gibt ihm die Kraft, alles im Vertrauen auf die zukünftigen Verwandlungen zu bejahen.
Aus dem Neugeschaffen-Werden im Atem des Lichtes in der geistigen Welt wird nun der ganze weitere Weg vollständig verwandelt. Schaffen zu lernen aus göttlichen Zielen, nicht nur mitgebrachtes Schicksal zu verwandeln, kann hier als neue schöpferische Kraft entstehen und sich entsprechend dem Willen des Verstorbenen immer stärker durch sein Wesen offenbaren. Im aufsteigenden Weihrauch, der nun entfaltet wird, können wir etwas von den Wolken ahnen, in denen der wieder erscheinende Christus dem Verstorbenen begegnet. Und in den beiden Kräften des Lichtes und des Rauches werden die Urkräfte der Schöpfung wieder sichtbar, die in Luft und Licht die Seelenwelt aus den Kräften höchster göttlicher Wesen schaffen (siehe dazu: GA 132, 1. und 2. Vortrag).
Im letzten Teil der Bestattung ist der Verstorbene über das unmittelbare Anschauen seines Schicksals schon hinausgewachsen. Er darf sich zum rein Menschlichen, zu dem er wieder neu geschaffen wurde, erheben. So lernt er sein Wesen im Wesen der Menschheit im Übersinnlichen wiederzufinden, als individueller Mensch sich dem Weltenmenschen einzugliedern. Und entsprechend wird nicht nur er, sondern werden alle anwesenden Menschen angesprochen mit dem Ruf: »Bedenke, oh Mensch ... ! « Und nun wird dazu aufgerufen, die Verantwortung zu erkennen, die jeder Mensch für seine Gedanken, Worte und Taten vor der geistigen Welt trägt. Angesichts des Todes kann sie jedem Anwesenden neu lebendig werden und die innerste Gewissenskraft für das eigene Denken, Tun und Handeln in der Welt wecken. So hinterlässt der Verstorbene als bleibenden Eindruck seines Wesens die von Ich zu Ich wirkende, weckende Kraft, die durch den Ernst des Todes vor allen steht und die jetzt, jenseits aller Trauer und aller Oberflächlichkeit gegenüber dem Göttlichen im Menschen, die zukünftige Verbindung sein kann.

Die Urnenbeisetzung

Mit der Bestattung sind die unmittelbar den Abschied vom Leib betreffenden Schritte vollzogen. Der Verstorbene hat sich in der geistigen Welt so eingelebt, dass er der Erde seinen Leib bewusst zum Geschenk machen kann - dieses Geschenk trägt die lebendigen Spuren seines Erdenlebens. Er ist das größte Kunstwerk, an dem der Mensch sein ganzes Leben lang gestaltet hat, auch wenn ihm das kaum bewusst war. Bis in alle Zellen hinein ist der Materie ein unverwechselbarer Abdruck der Individualität eingeprägt. Für die Erde hat das große Bedeutung, denn dadurch erhält sie einen Impuls der Vergeistigung. Ein letzter Schritt nach der Bestattung ist die Beisetzung der Urne. Da der Abschied von den irdischen Resten des Körpers schon vollendet ist, ist dafür kein eigenes Ritual notwendig. Doch ist es üblich, dass auch diesen Augenblick eine kurze Feier begleitet, indem der (Handelnde)... das Vaterunser oder einen Evangelientext an der Stelle spricht, an der die Urne aufbewahrt werden soll.
(Eine Totenhandlung).. für den Verstorbenen begleitet dann seine Seele auf dem Weg durch die Sternensphären.

Das Grab als Ort der Erinnerung

Das Gedächtnis des Menschen ist und war vor allem in der Vergangenheit stark mit dem sichtbaren Raum verbunden. Wenn wir an einen Ort kommen, an dem wir früher viel erlebt haben, so steigen im Anschauen dieses Ortes viele Erinnerungen selbstverständlich aus unserem Inneren auf. Jedes Denkmal hat die Funktion, im Raum einen Anstoß zur Erinnerung zu geben und dadurch wesentliche Ereignisse, Menschen oder geistige Tatsachen lebendig zu erhalten.
Das Gebet auf dem Friedhof, die Pflege eines Grabes und das liebevolle Gestalten des Umkreises sind vielen Menschen eine große Hilfe, ihre Verstorbenen regelmäßig und lebendig in Erinnerung zu behalten. Und immer wieder wird darauf hingewiesen, dass es für die Angehörigen von verunglückten Menschen oder im Krieg Gefallenen schwer zu verkraften ist, den Ort des Todes nicht zu kennen und die Verbindung zu dem Verstorbenen nicht physisch, am Grab, pflegen zu können. Es kann aber auch zu einer Belastung werden, wenn ein Mensch zu viele Gräber zu versorgen hat und dabei allein gelassen ist. Wir müssen also eine realistische Form finden, beiden Seiten gerecht zu werden. Nicht das, was wir für Sarg, Grab, Grabstein und Grabpflege aufwenden, ist entscheidend, sondern die Gedanken, mit denen diese Dinge begleitet werden. Eine Hilfe für die Gestaltung dieser häufig auch mit vielen Emotionen und sozialen Erwartungen verbundenen Dinge ist es, sich ein konkretes, in Gedanken geführtes Gespräch mit dem Verstorbenen vorzustellen, und die Frage zu stellen, was seinem jetzigen Leben - nicht seinen Gewohnheiten zu Lebzeiten - am besten entspricht.
Wissen wir um den Weg der Seele, den sie jetzt geht, und können ihn in Gedanken mitgehen, dann sind die äußeren Zeichen, die mit dem Grab verbunden sind, nicht mehr der einzige Quell der verbindenden Gedanken. ..







Siehe Ursula Hausen, >Den Tod als Freund erleben lernen<, Verlag Urachhaus

Bearbeitete Fassung: Als Priesterin der >Christengemeinschaft< wurde in diesem Beitrag der Blick allein auf die >Christengemeinschaft< gerichtet. Da aber der sakramentale Impuls Rudolf Steiners auch (und sogar zuerst) die >freien christlichen< Handlungen betraf und das auch unsere Perspektive hier ist, habe ich in diesem Beitrag die übergeordnete Position eingenommen und im Text >Christengemeinschaft< entsprechend ersetzt (siehe in Klammern oder mit .. versehen).








-> zum Inhaltsverzeichnis der Website : INHALT Website
-> zurück nach oben, zum Anfang dieser Seite : Sterbekultus