Religiöses Leben in
sozialtherapeutischen Gemeinschaften

ERFAHRUNGEN BEI DER EINFÜHRUNG DER OPFERFEIER

Hierüber wird selten berichtet, es wird auch immer wieder andere und individuelle Fragestellungen, Situationen, Probleme, Erfahrungen geben.
So freute ich mich, als ich in der Zeitschrift «Seelenpflege in Heilpädagogik und Sozialtherapie» (3/2003) endlich einmal eine offene und öffentliche Darstellung von Dr.Bernd Kalwitz fand, die ich, auf Grund des öffentlichen Interesses an dieser Frage, hier nun doch auch aufführen will.





Einleitung
Religiöse Elemente durchdringen und prägen das Leben sozialtherapeutischer Gemeinschaften in vielfältiger Weise. Eine Vertiefung können sie in der Opferfeier finden.
Dieser freichristliche Kultus wurde von Rudolf Steiner 1923 ursprünglich für die Jugendlichen und Lehrer der Waldorfschule eingeführt. Dort war für die Kinder, deren Eltern sich mit keiner Konfession identifizieren konnten, der freichristliche Religionsunterricht entstanden, dessen Höhepunkt die Sonntagsfeier darstellt. Sie gleicht in ihrem Wortlaut der Sonntagshandlung, die später in der Christengemeinschaft entstand, und führt die Kinder zur Jugendfeier. Auf die Anfrage einer älteren Schülerin hin, die nach zweijähriger Teilnahme an der Jugendfeier wissen wollte, ob nun gar nichts anderes mehr käme, schloss Rudolf Steiner dann hieran für ältere Jugendliche die Opferfeier an, eine Handlung, die auch in der Gemeinschaft von Erwachsenen gehalten werden kann. Deren innerer Ablauf durchschreitet im Prinzip der Messe stufenweise den Weg von der Verkündigung des Evangeliums über Opferung und Wandlung zur Kommunion.
Alle diese freichristlichen Handlungen werden von Laien gehalten und vollziehen sich seelisch im Gedankenraum des gesprochenen Wortes, begleitet von einigen wenigen Gebärden. Äussere Substanzen werden nicht verwendet: die Kommunion der Opferfeier wird vermittelt durch eine segnende Berührung. Demgegenüber gibt es strenge Formvorgaben. Diese sollen eine Kultusgestalt herstellen, die es geistigen Vorgängen ermöglicht, sich sozusagen von der anderen Seite der Schwelle an physische Prozesse anzugliedern und in sie zu ergiessen. Wie der griechische Tempel in Maß und Gestalt darauf ausgelegt war, dem Gott als physische Wohnstätte zu dienen, so soll der Kultus durch Worte und Gesten den innerseelischen Raum bilden, der zu einem Tempel werden kann.
Die strengen Vorgaben an die äussere Form dienen aber auch dazu, dem Vollzug des Kultus eine größtmögliche Objektivität zu verleihen. Die persönliche Nähe zwischen Handlungshaltenden und Teilnehmern ist in Kollegien oder Lebensgemeinschaften naturgemäß oft groß und wird nicht durch die Distanz der Priesterweihe verringert. Ihr soll durch objektive Farben und klare, nüchterne Formen ein Gegengewicht geschaffen werden, das es den Teilnehmenden erleichtert, für die Dauer des Kultus in den Handlungshaltenden nicht nur ihre Kollegen oder Lehrer zu sehen, deren menschliche Schwächen und Eigenarten man oft nur allzu gut kennt. Es soll ihnen ermöglichen, durch Persönliches hindurchzuschauen auf das, was sich im Kultus vollzieht. Die rote Farbe des Raumes, das nüchterne Schwarz und Weiß der Kleidung und die schlichte Form des Altares erzeugen in diesem Sinne etwas Persönlich-Überpersönliches, in dem die religiöse Hinwendung Raum erfahren kann.
Vielerorts ist die Opferfeier auch in sozialtherapeutischen Einrichtungen seit langem selbstverständlicher, krönender Bestandteil des religiösen Lebens. Auch als der Vogthof vor nunmehr 15 Jahren aus der Elterninitiative einer heilpädagogischen Schule heraus entstand, gehörte es zu den Gründungsimpulsen, an das freichristliche Handlungswesen anknüpfen zu wollen. Doch lagen in der Aufbauphase dann andere Aufgaben näher, und in der Kleinheit der Anfangssituation entwickelte sich stattdessen eine eigene Sonntagsfeier ohne kultischen Anspruch, die allen Mitgliedern der Gemeinschaft, unabhängig von Konfession oder Einstellung zur Religion überhaupt, die Teilnahme ermöglichen sollte. Sie stellte seitdem den Höhepunkt der religiösen Elemente im Wochenlauf dar und prägte in ihrer freilassenden Stimmung die Atmosphäre des religiösen Lebens.
Je mehr Zeit verstrich und die Pionierphase der Einrichtung in die Differenzierung überging, desto mehr schwand auch die Selbstverständlichkeit, mit der man unmittelbar an die religiösen Formen, welche die Bewohnerinnen und Bewohner in ihrer Schulzeit erfahren hatten, hätte anknüpfen können. Um die Opferfeier einzuführen, war ein ganz neuer, eigener Impuls erforderlich. Diesen hat dann eine Mitarbeiterinitiative vor sechs Jahren ergriffen, so dass nach einem langen Prozess der Entwicklung und Klärung diese zu Michaeli letzten Jahres erstmals gehalten werden konnte.
Im Folgenden sollen aus Sicht des Initiativkreises einige der Erfahrungen
beschrieben werden, die wir auf diesem langen Weg gemacht haben: als
Vielfalt der Perspektive war es aber schließlich möglich, einen einmütigen
Kollegiumsentschluss für die Einführung der Opferfeier zu fassen.

Die Fragen der Eltern
In der letzten Phase ging es dann darum, auch die Eltern unserer noch recht jungen erwachsenen Betreuten einzubeziehen. Von Seiten der Gründungsgruppe war es seinerzeit erklärter Wunsch, durch die Opferfeier an die Schulhandlungen anzuknüpfen. Doch waren inzwischen viele neue Menschen hinzugekommen. Im Rahmen eines Gesamtelternabends der Einrichtung wurde ausgiebig über die Feier informiert, und die Eltern wurden bei Interesse in den Religionskreis eingeladen. Auch von ihnen wurde im Konkreten dann jedoch nicht allzu viel Gebrauch davon gemacht.

Was wird denn da eigentlich geopfert?
Vielen war aus der Schulzeit ihrer Kinder die Sonntagshandlung bekannt, und sie hatten keine Schwierigkeiten, positiv an diese Erinnerungen anzuknüpfen. Bei manchem schien jedoch der Name der Handlung Befürchtungen zu wecken, es könne sich um Anklänge an ein atavistisches Ritual handeln. Indem sie eingeladen wurden, an der Opferfeier teilzunehmen, ließen diese Bedenken sich leichter zerstreuen als durch eine theoretische Erörterung dessen, was unter Opferung hier verstanden werden könne. Denn die Frage nach der Art des hier vollzogenen Opfers kann ein lebenslanges Rätsel bleiben, das in jeder neuen Verständnisschicht auch immer wieder neue Tiefen eröffnet. Sei es allein die hingegebene Lebenszeit, die man aufbringt, um sich gemeinsam diesem Kultus zu widmen, seien es unsere heiligsten Gefühle, das Kostbarste, zu dem man es innerlich gebracht hat, die man in der Opferfeier darbringt, indem man sich von ihrem Eigenbesitz trennt und sie in den Dienst des Christusimpulses stellt.
Was demgegenüber bei den Eltern von diesen Erwägungen angekommen
war, fasste ein Vater dann schließlich auf seine Art zusammen: «Letztlich
opfert man hier doch auch nur ein reuiges Herz und ein zerknirschtes Gemüt...»
Wie auch im Mitarbeiterkreis gab es Eltern, die sich dann vom Ernst und von der Formstrenge der Feier befremdet fühlten: Erinnerungen an Beerdigungen wurden geäussert und angefragt, ob das denn nicht auch etwas lockerer ginge.
Ermutigung ähnlicher Bestrebungen anderswo, und als Beispiel des Umganges mit diesem sensiblen Aspekt religiösen Lebens in einem relativ jungen Kollegium, das sich nicht auf traditionelle Selbstverständlichkeiten oder die Autorität von «Einrichtungspatriarchen» stützen konnte.

Eigene Fragen
Die erste Phase der Arbeit war vor allem von der eigenen inneren Annäherung an die Opferfeier geprägt. Jeder blickte aus einer anderen Perspektive und unter anderen Voraussetzungen auf das Projekt. Für jeden begann eine Phase intensiver Auseinandersetzung mit dem Wesen dieses Kultus überhaupt, mit seiner Form und Atmosphäre, mit seinem möglichen Stellenwert im religiösen Leben der Einrichtung und nicht zuletzt mit der Authentizität der eigenen Intentionen.
Wo sind die Menschen, die die Opferfeier wollen?
In unserer Zeit zunehmender Individualisierung und schwindender Verbindlichkeiten verändern sich die Bedingungen der Gemeinschaftsbildung immer rasanter. Auch die Fraglosigkeit, in der Religiosität früher mit anderen Menschen gemeinsam gepflegt wurde, nimmt immer mehr ab. Die Tragfähigkeit religiöser Traditionen zerrinnt, doch ihr Verlust hinterlässt bei vielen Menschen eine diffuse Sehnsucht nach seelischer Erfüllung. So wenig aber eine Partnerschaft, der die innere Nähe fehlt, schon dadurch gerettet wird, dass man kirchlich heiratet, so wenig eignet sich ein Kultus wie die Opferfeier dazu, kollegialen Auflösungstendenzen entgegenzuwirken, sofern er nicht wirklich dem Impuls einer Gemeinschaft entspringt. Ihn in der Hoffnung auf die Verbesserung der kollegialen Situation ohne reales Fundament einer Einrichtung aufzupfropfen, hieße ihn missbrauchen.
Es zeigte sich uns schnell, dass es gar keinen Sinn hat, die Auseinandersetzung mit dem Kultus am übrigen Kollegium vorbei zu betreiben. Neben einer intensiven Befragung der eigenen Ziele und Motive wurde deshalb von Anfang an ein möglichst breiter Dialog mit der übrigen Mitarbeiterschaft angestrebt. Zunächst wurden alle Kollegen, die Interesse erkennen ließen, persönlich über den Impuls informiert und zur Mitarbeit eingeladen. Als die freie Initiative sich dann zum «Religionskreis» der Einrichtung formierte, ließ sie sich ihren Auftrag durch die Mitarbeiterkonferenz bestätigen. Auch im Weiteren war die anspruchsvollste, aber vielleicht auch lohnenswerteste Aufgabe des ganzen Prozesses die Auseinandersetzung mit der übrigen Mitarbeiterschaft: in der Balance zwischen dem Mut zur Initiative einerseits, sowie andererseits der Berücksichtigung berechtigter Vorbehalte, vor allem der Forderung nach Transparenz und Toleranz.
Dass die betreuten Bewohner den Kultus auf dem Vogthof wünschten, war uns andererseits immer spürbar. Auch wenn wenige dies hätten ausdrücken können, verpflichtete uns allein die Tatsache, dass ihr Schicksaisweg sie in diese Einrichtung geführt hat, zu deren Gründungszielen die Durchführung der Opferfeier gehörte. Für unsere Betreuten die Möglichkeit zu schaffen, dass sich über den Kultus ein Engelwesen mit der Gemeinschaft verbinden möge, deren Zentrum sie ja sind, war wichtigste Quelle unserer Motivation.

Warum nicht die Menschenweihehandlung?
Mit einer großen Gemeinde der Christengemeinschaft in unmittelbarer Nachbarschaft mussten wir uns bei der Klärung der eigenen Motivation vor allem auch fragen, warum wir zusätzlich zur leicht erreichbaren Menschenweihehandlung noch einen anderen dem anthroposophischen Menschenbild verpflichteten Kultus in der Einrichtung einführen wollten. Für einige unserer Betreuten gehört der regelmäßige Kirchenbesuch zum selbstverständlichen Wochenendprogramm, und in Orientierungsgesprächen mit den Priestern wurde angeboten, die Menschenweihehandlung auch auf dem Vogthof zu halten. Unser anfängliches Motiv, die Opferfeier gerade für diejenigen Betreuten einrichten zu wollen, die auf Grund von Art und Schwere ihrer Behinderung niemals in die Kirche könnten, mussten wir somit im Laufe der Auseinandersetzung immer mehr in Frage stellen.
Vollzieht sich aber in der Menschenweihehandlung nicht eine ganz andere Geste als in der Opferfeier? Während sich beim Kultus eines geweihten Priesters die Gemeinde um diesen herum erst bildet und in ihm ihr Zentrum findet, so wendet sich in der Opferfeier eine schon bestehende Gemeinschaft an die geistige Welt. Die Menschenweihehandlung hat auch Gültigkeit, wenn keine Gemeinde physisch anwesend ist, die Opferfeier macht nur Sinn, wenn sie aus einer realen Gemeinschaft hervorgeht. Der Priester handelt aus der Kompetenz seiner Weihe heraus sozusagen im Auftrag der geistigen Welt; die Handelnden der Opferfeier wenden sich als Stellvertreter der Gemeinschaft, quasi aus der anderen Richtung um seine segnende Anwesenheit bittend, an den Christus. Insofern erscheinen uns in beiden religiösen Handlungen einander ergänzende Gesten, die auch nebeneinander gelebt werden können, und es kam uns stimmig vor, die Kirche im Dorf zu lassen. Die Opferfeier steht als freichristlicher Kultus darüber hinaus jenseits konfessioneller Grenzen, so dass sie allen offen steht und sich auch Menschen mit ihr verbinden können, die sonst keinen Bezug zu einer Kirche haben, aber auch für diejenigen, die neben oder ergänzend zu ihrer konfessionellen Bindung diesen Impuls der Gemeinschaftsbildung unterstreichen möchten.

Ein Kultus für schwerstbehinderte Menschen?
Welchen Stellenwert hat Religion überhaupt für Menschen, die auf Grund ihrer besonderen Konstitution dem Geistigen vielleicht noch wesentlich näher stehen als andere? Wenn man davon ausgeht, ihre «Behinderung» bestünde vor allem in der Mangelhaftigkeit ihrer körperlichen und seelischen Hüllen, die dem geistigen Wesenskern mehr Widerstand entgegensetzen und ihm nur eine geringere Inkarnationstiefe ermöglichen: welche Rolle spielt dann Religion für einen Menschen, dessen Wesenskern zu großen Teilen im geistigen Umkreis bleiben musste? Ist es für ihn überhaupt wichtig, auf religiösen Wegen wieder an die geistige Welt anzuknüpfen, die er doch gar nicht ganz verlassen hat?
Doch gehört die Begegnung mit dem Christusimpuls zu den wichtigsten Zielen eines Lebensweges, und sie ist seit dem Mysterium von Golgatha nur noch auf der Erde, in der physischen Welt möglich. Auch in einer «behinderten» Biografie, die ansonsten der physischen Welt vielleicht umso viel ferner stehend verläuft, die Berührung mit dem Christuselement im Kultus zu ermöglichen, erscheint uns aus dieser Sicht ein umso kostbareres Motiv.

Fragen des Kollegiums
Als wir uns nach einer Phase innerer Klärung im Religionskreis sicher waren, die Opferfeier einführen zu wollen, begann eine intensive Auseinandersetzung mit dem Kollegium. In dieser Konkretheit mit unserem Vorhaben konfrontiert, zeigten sich vielerlei Reaktionen zwischen Desinteresse, Begeisterung und Ablehnung. Alle Strömungen, von denen Rudolf Steiner in Bezug auf das Karma der anthroposophischen Gesellschaft spricht, fanden sich plötzlich auch im Mikrokosmos unserer kleinen Einrichtung wieder, und manch persönlicher Konflikt brach auf.
Natürlich hatten sich im Religionskreis manche Mitarbeiter zusammengefunden, die auch sonst an prägender Stelle in der Einrichtung standen. So war Misstrauen spürbar, von einem exklusiven Zirkel dominiert zu werden, wo jenseits der Selbstverwaltungsgremien vielleicht auch ganz andere Dinge besprochen und geregelt würden. Diese unschwer nachvollziehbaren Befürchtungen stellten noch einmal hohe Anforderungen an die Transparenz des Prozesses. Um jeden Anschein des Gemauschels zu zerstreuen, schien es uns trotz der Intimität der inneren Arbeit notwendig, den Religionskreis weit für interessierte Mitarbeiter zu öffnen und über regelmäßige Berichte und Protokolle Einblick in seine Arbeit zu gewähren. Hierauf wurde im Konkreten dann allerdings wenig zurückgegriffen.
Moderiert von einem externen Supervisor, wurde an mehreren Klausurtagen der gesamten Mitarbeiterschaft ein breites Informations- und Gesprächangebot gemacht. Referenten anderer Einrichtungen wurden eingeladen, die mit ihren Erfahrungen den Horizont der Diskussion weiten und noch einmal neue Perspektiven vor allem im Hinblick auf die Bedeutung der Opferfeier öffnen konnten. Nachfolgend seien die Fragenbereiche angedeutet, die als Motive im Mittelpunkt der Auseinandersetzung standen.

Woher nehmt ihr die Kompetenz, uns zu segnen?
In der Opferfeier ist auch der Handelnde Teilnehmer und vollzieht den Kultus sozusagen als Repräsentant der Gemeinschaft. Dennoch: den eigenen Kollegen, denen man aus vielerlei anderen Zusammenhängen heraus mit allen persönlichen Schwächen bekannt ist, plötzlich als Kultushaltender im schwarzen Anzug gegenüberzustehen und schließlich sogar mit einer Berührung den christlichen Segen zu spenden, ist sicher für beide Seiten eine der größten Herausforderungen menschlicher Begegnung. Auf der einen Seite gehört dazu die wohl wollende Bereitschaft der Teilnehmer, in diesen Momenten durch alles Persönliche der Handelnden hindurch auf das zu schauen, was im Kultus vollzogen werden soll. Auf der anderen Seite zeigte sich aber auch, wie sehr diese Bereitschaft von der sozialen Kompetenz der Handelnden selbst abhängt. Bei jedem Anflug elitären Gralshütertums, bei jeder zu salbungsvollen stimmlichen Nuance war die Empfindlichkeit der Mitarbeiter spürbar. Nur die größtmögliche Offenheit dem Kollegium gegenüber und die Bereitschaft, sich auch selbst in Frage stellen zu lassen, konnten schließlich langsam Vertrauen darin wachsen lassen, dass die Handelnden nicht nur ihrem Ego frönen wollten.
Ein unerbittlicher Spiegel für die Authentizität des inneren Impulses waren
dann später natürlich die betreuten Menschen, die auch hier durch alle Masken
hindurchschauen und jeden Hang zur Selbstbeweihräucherung bemerken.
Als innere Quelle der eigentlichen Handlungskompetenz scheint uns nur der Anschluss an die Freie Hochschule für Geisteswissenschaft in Frage zu kommen. Aus der Perspektive des Schulungsweges ist jeder an seinem Ort Lernender, und in rechtem Sinne gelebt, müsste sich eigentlich jede Überheblichkeit erübrigen.

Müssen alle teilnehmen?
Kann man von Mitarbeitern verlangen, «dienstlich» an einem Kultus teilzunehmen, der ihnen widerstrebt? Kann man es für Betreute zur Selbstverständlichkeit machen, an einer so eingreifenden Handlung ungefragt teilzunehmen?
Wir verlangen inzwischen von allen Mitarbeitern, ihre Betreuten in die Opferfeier zu begleiten, wenn es die Situation erforderlich macht. Die Gefahr, hierdurch ernsthaft Schaden zu erleiden, ist sicher nicht so sehr groß. Wenn am Ende aufgestanden wird, stellen sich diejenigen Mitarbeiter, die an der Kommunion nicht teilnehmen möchten, hinter die von ihnen begleiteten Betreuten, so dass ihr Wunsch eindeutig erkennbar ist.
Die Frage, wie weit man über die Teilnahme am Kultus stellvertretend für betreute Menschen entscheiden darf, die sich intellektuell nicht äussern können, scheint uns eine vorwiegend theoretische zu sein. Im konkreten, individuellen Fall ist mit Sensibilität für die nonverbalen Signale und dem Mut, Vertrauen in eine Schicksalsgemeinschaft jenseits der Zufälligkeit aufzubringen, die lntention der behinderten Menschen meist gut abzuspüren. Das tut man ja auch bei der Teilnahme an anderen Veranstaltungen, auch beim Kirchenbesuch.
Für unsere betreuten Bewohner haben wir daher entschieden, dass sie alle die Feier zunächst kennen lernen sollen, sofern sie sich nicht schon vorher ausdrücklich dagegen entscheiden. Wir haben für die Handlung die Zeit gewählt, während der sonst unser Morgenkreis stattfindet, und bisher nehmen nahezu alle betreuten Bewohner regelmäßig teil.
Nachdem so jeder Gelegenheit gehabt hat, sich in die Stimmung der
Opferfeier hineinzuleben, darf selbstverständlich auch jeder jetzt auf seine
Weise entscheiden, ihr fernzubleiben.

Wird anderes religiöses Leben unterdrückt?
Weder die eigene, sehr freilassende Sonntagsfeier der Einrichtung, noch die Möglichkeit konfessioneller Kirchenbesuche wird durch die Opferfeier irgendwie eingeschränkt. Insbesondere die Teilnahme an der Menschenweihehandlung ist nach wie vor gesichert und wird auch unverändert in Anspruch genommen. Wie beim Evangelienabend nehmen auch gerade die Angehörigen anderer Konfessionen, von denen ganz Verschiedene sich in unserer kleinen Einrichtung eingefunden haben, mit besonderer Innigkeit am Kultus Anteil.
Natürlich ließ sich in diesem Prozess trotz aller Offenheit und Information keine Einhelligkeit des Kollegiums im Hinblick auf die Opferfeier erreichen:
neben denjenigen, deren Interesse an religiösen Fragen sich auch durch diese Angebote nicht weiter wecken ließ, blieben einige Mitarbeiter bei ihrer inneren Abneigung gegenüber dem Gesamtcharakter der Veranstaltung. Trotz aller
Nachdem sich aber gezeigt hatte, dass die Handlung keine bedenklichen
Elemente enthält, stellte sich bei den Eltern rasch das Vertrauen auf die bereichernde Wirkung ein, die sie in das Leben ihrer Kinder bringen würde.

Tut das meinem Kind gut?
Manche Eltern hegten ganz spezielle Befürchtungen: in der Schule oder in anderen Einrichtungen hatten sie den Eindruck gehabt, die Opferfeier hätte dort zu besonders heftigen Anfallsserien ihrer Kinder geführt. Ebenso wurde die Steigerung von autoaggressiven oder aggressiven Potenzialen durch die bedrängende Formenge und die Dauer der Feier befürchtet. Auch diese Sorgen ließen sich natürlich nicht im Vorwege entkräften. Sie bestätigten sich jedoch dann in der Realität nicht; im Gegenteil. Selbst die unruhigsten Betreuten finden oft zu einer Ruhe und Sammlung während des Kultus, die sie sonst selten erreichen.

Innere Vorbereitungen
Bei allen Impulsen ist es eine Sache, etwas zu initiieren und eine andere, es konsequent durchzutragen, nachdem die Anfangseuphorie verflogen ist. Gerade bei geistigen Impulsen kann es schlimmer sein, einen einmal gefassten Entschluss nicht durchzuhalten, als ihn gar nicht erst zu fassen. Mit der Opferfeier zu beginnen und dann feststellen zu müssen, dass ihre regelmäßige Durchführung die Kräfte überfordert, stand uns als Sorge anfänglich sehr deutlich vor Augen. Daher war es für den Initiativkreis zunächst vor allem wichtig, gegenseitig Vertrauen in die Beständigkeit der Motivation zu gewinnen und zu lernen, die eigenen freien Ressourcen realistisch einzuschätzen. Die jahrelange Zusammenarbeit im schrittweise anwachsenden Religionskreis und dessen innere Stabilität ließen mit der Zeit das Zutrauen in die eigenen Kräfte wachsen. Dennoch waren wir vorsichtig genug, keinen wöchentlichen Rhythmus für die Opferfeier anzustreben, sondern uns vorzunehmen, sie einmal im Monat zu halten.
Die gemeinsame Beschäftigung mit Evangelientexten und anthroposophischen Grundlagen gehört im Hinblick auf die innere Vorbereitung zum Kern der inhaltlichen Arbeit des Religionskreises. Für die Hochschulmitglieder des Kreises stellt die Hochschularbeit den Anschluss an den Quellstrom des Impulses dar.
Da es keine Handlungstraditionen in unserer Einrichtung gab, fiel uns kein anderer Weg der Annäherung an die Ritualtexte ein, als selbstständig den Wortlaut zu erarbeiten. In immer konkreterer Annäherung an den realen Handlungsablauf übten wir ihn gemeinsam ein.
Für manchen war dies eine heikle Phase, da man sich im Umgang mit den Texten immer fragte: «Darf man diese Worte ausserhalb eines Kultus überhaupt aussprechen?». Doch auf diese Weise gelang es tatsächlich, Schritt für Schritt in das Ritual hineinzuwachsen. Irgendwann begannen wir, vor dem Altar samt seinen Leuchtern, die inzwischen in der Schreinerei unserer Einrichtung hergestellt worden waren, im rotverhangenen Raum und in vorgeschriebener Kleidung die komplette Opferfeier im Rahmen unserer Zusammenkünfte wöchentlich zu halten. Dazu luden wir dann bald interessierte Mitarbeiter sowie Eltern ein und näherten uns auf diese Weise langsam aber sicher der Öffnung für die gesamte Gemeinschaft.
Schließlich war aus dem kleinen Ritual der Andacht, das vorher jahrelang die Arbeit des Religionskreises eingeleitet hatte, ein wöchentlicher Rhythmus der Opferfeier geworden, der seitdem fortbesteht und ihren Raum bildet (soll gestrichen werden). Jeweils einmal im Monat wird diese Handlung jetzt für die ganze Gemeinschaft geöffnet. Dazwischen pflegt der Religionskreis die Kontinuität, indem er sie wöchentlich im eigenen Kreis und mit interessierten Mitarbeitern vollzieht, um den Strom aufrechtzuerhalten.

Äussere Vorbereitungen
Um der Einführung den Boden zu bereiten, wurde einige Jahre vor Einrichtung der Operfeier ein Evangelienabend ins Leben gerufen, den es vorher auf dem Vogthof nicht gegeben hatte. Regelmäßig wöchentlich sind alle hierzu eingeladen, und die Resonanz vor allem der betreuten Bewohner auf dieses Angebot ist groß. In bildhafter Form und auf einem Niveau, bei dem möglichst auch die intellektuell nicht äußerungsfähigen Menschen einsteigen können, werden hier die Motive des Wochenevangeliums behandelt, so dass sie bei der Handlung dann als Erinnerung wieder aufleuchten können.
Auf diese Weise entstand ein Gesprächselement, das der sehr ernsten, gehaltenen Begegnung im Kultus jetzt ein ausgleichendes Gegengewicht schaffen kann.
Ebenso wichtig wie die breite Öffnung nach innen war es, mit unserem Impuls Anschluss an den regionalen und überregionalen Strom zur Pflege des religiösen Lebens in der Heilpädagogik zu finden. Bei Besuchen der Opferfeier in anderen Einrichtungen konnten wir erleben, wie sehr doch trotz aller Formvorgaben der Charakter der Feier von der Atmosphäre des Ortes abhängt. Überall wendet sich eben eine andere Gemeinschaft auf diese Weise an die geistige Welt und prägt die Stimmung mit ihrer jeweils eigenen Haltung.
Auf diesem Wege erhielten wir vielerlei Hilfe und Anregungen aus anderen
Kollegien, bis dahin, dass eine benachbarte Einrichtung die Patenschaft über
unsere Bemühungen übernahm.
Darüber hinaus suchten wir den Austausch mit Vertretern des Religionslehrergremiums, welches sich regelmäßig in der Lebensgemeinschaft Bingenheim trifft. Hier wurde uns stets freundlich, aber realistisch gespiegelt, wie ausgereift unsere Bemühungen im Hinblick auf die Einführung der Opferfeier jeweils erschienen.
Als wir schließlich die Verwirklichung wagen wollten, wandten wir uns wieder an dieses Gremium und baten um Unterstützung bei den letzten formalen Schritten. Durch einen Besuch vergewisserte man sich noch einmal freundlich, dass die inneren und äusseren Vorbereitungen nun tatsächlich abgeschlossen waren. Dann wurden die Mitglieder unseres Initiativkreises auf ihren Antrag hin dem Goetheanum empfohlen. Auf diese Weise erhielten sie vom Vorstand der anthroposophischen Gesellschaft und dem internationalen Religionslehrergremium den förmlichen Auftrag zur Durchführung der Handlung. Voraussetzung war die Mitgliedschaft in der anthroposophischen Gesellschaft, als wünschenswert wurde die Mitarbeit in der Freien Hochschule für Geisteswissenschaft angesehen.
Zu Michaeli vergangenen Jahres konnte dann nach fünfjähriger Vorbereitungszeit die Opferfeier zum ersten Mal auf dem Vogthof gehalten werden. Sie
findet seitdem regelmäßig am ersten Freitag jedes Monats um 9 Uhr statt.

Rückblick
Rückblickend kann man sagen, dass sich die Mühe des langen Prozesses, vor allem im Hinblick auf die Akzeptanz im Einrichtungskollegium und in Bezug auf die Vertiefung des Impulses in der Initiativgruppe selbst gelohnt hat. Die Feier ist inzwischen schon fast zu einer Selbstverständlichkeit geworden und wird ohne jegliche Verpflichtung nahezu von der gesamten Schar der betreuten Bewohner sowie einer wachsenden Zahl von Mitarbeitern mit großer Innigkeit angenommen. Sie hat keine Wunder im Hinblick auf äussere Fortschritte der Gemeinschaftsbildung bewirkt; von ihrer segensreichen Wirksamkeit in einer anderen Ebene sind wir dessen ungeachtet überzeugt.



Dr. Bernd Kalwitz, geb. 1956, ist Einrichtungsleiter der Lebens- und Arbeitsgemeinschaft Vogthof in Ammersbek und Schularzt der Rudolf-Steiner-Schule in den Walddörfern/Hamburg. Der Beitrag ist hervorgegangen aus zwei Vorträgen im Umfeld des Autors.







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